Designmesse Blickfang Stuttgart So schön ist nachhaltiges Design
Viele junge Gestalter präsentieren auf der Designmesse Blickfang in Stuttgart und andernorts ökologisch korrekte und nachhaltige Möbel, Kleider und Accessoires. Drei Beispiele.
Viele junge Gestalter präsentieren auf der Designmesse Blickfang in Stuttgart und andernorts ökologisch korrekte und nachhaltige Möbel, Kleider und Accessoires. Drei Beispiele.
Stuttgart - Nachhaltig entwerfen ist seit Längerem ein Thema im Design. Für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat jüngst Konstantin Grcic, der für Magis den stapelbaren Stuhl „Bell-Chair“ aus Recyclingmaterial entworfen hat. Vitra wartet mit dem Recycling-Freischwinger-Stuhl „EVO-C“ von Jasper Morrison auf.
Viele Gestalter auch auf der Designmesse Blickfang, die noch bis 1. November in Stuttgart stattfindet, bieten nachhaltige, ökologisch korrekt gefertigte Produkte an.
So auch Anna Veit mit Taschen und Accessoires aus Leder. „Uns wurde im Studium erklärt“, sagt Anna Veit (37), „dass man konventionell gegerbte Lederschuhe nie ohne Strümpfe tragen soll. Wenn Chromsalze bei der Verarbeitung im Spiel waren, sind Lederwaren oft extrem umweltschädigend – für den, der sie verarbeitet, und für den, der sie trägt.“ Und bei der Entsorgung gehören sie in den Sondermüll.
Anna Veit: „Wenn man die Möglichkeit hat, etwas zu produzieren, trägt man auch Verantwortung.“ Die Stuttgarter Designerin entwirft für ihre Marke Centseize Taschen und Accessoires aus ökologisch gegerbtem Leder, an diesem Wochenende zu begutachten auf der Messe Blickfang, sonst in Stuttgart unter anderem im Fyra im Gerber.
Die Modedesignerin war auf einer Ledermesse auf einen Gerbereien-Verbund aus der Toskana gestoßen: „Sie arbeiten extrem nachhaltig. Bei dem Gerbverfahren werden zum Beispiel die Tierhaare entfernt und daraus Biodünger gemacht. Alles wird pflanzlich gegerbt, und verwendet wird nur Leder als Abfallprodukt aus der Lebensmittelindustrie.“
Das Leder wird von Italien nach Warschau zu ihrer Mitarbeiterin geschickt, sie fertigt die Entwürfe. Die Handtaschen, Beutel, Reisetaschen selbst sind geradlinig, zeitlos. „Meine Kunden sollen nicht denken müssen, dass sie jede Saison etwas Neues haben müssen. Die unbehandelte Oberfläche des Leders altert schön. Ich wünsche mir, dass die Taschen Lieblingsstücke und Begleiter fürs Leben sind.“ Und es ist ja nicht verboten, mehrere Begleiter zu haben.
Mancher Designer formuliert sein Unbehagen angesichts des sich immer schneller drehenden Mode-Karussells und der zig Tonnen Müll aus alten Kollektionen. Svenja Boller (35) wollte da auch nicht mitmachen. Für die Kollektionen ihrer Firma moski.to bezieht sie von Händlern die Stoffe aus Überproduktionen.
Da die Frankfurter Designerin vor ihrem Modedesignstudium Schneiderin gelernt hat, kann sie selbst Hand anlegen. Seit zwei Jahren konzentriert sie sich in Vollzeit auf die Firma, zuvor arbeitete sie auch für einen internationalen Sportartikelhersteller. Eigentlich habe sie diesen Sommer noch eine Mitarbeiterin einstellen wollen, doch pandemiebedingt habe sie die Produktion etwas zurückgefahren: „Ich schneidere alles selbst derzeit.“
Sie produziert stets in kleinen Stückzahlen, verkauft wird in Pop-up-Stores, kleinen Läden, die nur für kurze Zeit existieren, online auf der Homepage und bei Avocadostore.de, der auch viele nachhaltige Produkte vertreibt. Wenn Corona es erlaubt, wird sie im Juli 2021 in Frankfurt an der Fashion Week teilnehmen.
Dieses Wochenende präsentiert sie ihre Mode auf der Blickfang Designmesse in Stuttgart. Manchmal verkauft sie auch per Telefon. „Letztens rief mich eine 87-jährige Dame an“, sagt Svenja Boller, „die von meiner Arbeit erfahren hatte. Und da sie kein Internet hatte, bestellte sie einfach per Telefon. Das war eine tolle Erfahrung.“ Wer die sportiven, lässigen, interessant geschnittenen Jacken, Hosen, Oberteile mit 18 Jahren kauft, könnte darin – nachhaltiger geht es kaum – bis ins hohe Alter gut aussehen.
Gefördert wird derlei Engagement in Sachen Nachhaltigkeit auch mit dem in diesem Jahr erstmals ausgelobten Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design. Unter den Finalisten sind auch Designer, die schon auf Blickfang-Messen waren: die Firma wye-Design und EcoBirdy mit Kinderstühlen aus rezykliertem Plastikspielzeug und wye-Design aus München.
Die Kinder- und Philosophenfrage „Warum?“ stand zu Beginn der Produktidee. „Die Frage nach dem ,Warum‘ ist die Kernfrage von allem Neuen“, sagt Designer Ferdinand Krämer. Und so leitet sich der Firmenname „wye“ vom englischen why – warum – ab.
„Wir treiben den Nachhaltigkeitsgedanken voran und stellten dazu einiges infrage: Schnelllebigkeit und Ressourcen-Verschwendung.“ Die Antwort des 33-jährigen Münchner Designers und seines Partners, des Wirtschaftsingenieurs Franziskus Wozniak (32), ist pragmatisch. Gegen die Lust der Menschen auf Neues ist nichts zu machen. Aber sie können gegen das Wegwerfen etwas tun – Möbel entwerfen, deren Material Rohstoff für zukünftige neue Produkte ist.
„Wer unsere Möbel zurückgibt, erhält zehn Prozent des Kaufpreises“, sagt Ferdinand Krämer. „Wir wollen keine Luxusprodukte, wir wollen Dinge auf industriellem Niveau produzieren – in möglichst hoher Stückzahl und so gut bezahlbar.“ Die Stühle, Tische, Bänke in Schwarz, Grau, Grün oder Rot sind schlicht, klar, zweckgebunden in der Form. Krämer: „Wir lenken den Fokus auf die Konstruktion und auf das Material.“
Nach längerer Recherche fanden die wye-Designer eine Firma, mit der sie einen Werkstoff entwickelten, der passte. Neolign besteht zu 83 Prozent aus Holzfasern, einem Nebenprodukt aus der industriellen Holzverarbeitung, der Rest sind Polymere und Farbpasten.
„Die Hocker, Tische, Bänke in Schwarz, Grau, Grün oder Rot sind verständlich in der Formsprache, über ein modulares System auf Basis sogenannter Gleichteilproduktion reduzieren wir die Kosten“, sagt Ferdinand Krämer.
Bei der Rückgabe der Möbel wird das Material granuliert und wieder Teil der neuen Produktion. Die Neolign-Platten machen sich auch ästhetisch gut zu dem anderen Material der Möbel: pulverbeschichtete Blechteile. Eine schöne Idee, sich im Kreise zu drehen.
„Über emotionale Möbel transportieren wir den Kreislaufgedanken von Neolign an den Kunden“, sagt Krämer. „Das Material ist allerdings wie Kunststoff verarbeitbar, dadurch sind zahlreiche andere Anwendungsgebiete denkbar wie in zum Beispiel Architektur und Innenarchitektur.“
Für die Idee ist wye ausgezeichnet worden – mit zwei Preisen beim German Design Award und als Finalist für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis. Juroren sind unter anderem Designer Stefan Diez und Sebastian Herkner. Die Auswahl der Sieger erfolgt demnächst.
Die Designmesse Blickfang präsentiert mehr als 80 Designer aus ganz Europa. Die Messe findet noch bis zum 1. November in der Stuttgarter Liederhalle statt. Zum Hygiene- und Sicherheitskonzept gehört, dass die Eintrittskarten limitiert und nur online erhältlich sind (www.blickfang.com). Für Besucher ohne Online-Zahlungsmöglichkeiten gibt es ein begrenztes Ticketkontingent an der Tageskasse.
Öffnungszeiten: 30. und 31. Oktober, 10 bis 20 Uhr, 1. November, 10 bis 18 Uhr. Wer lieber daheim auf dem Sofa Designer entdeckt – es gibt die Messe auch online: www.blickfang-onlineshop.com