Designpreis „Focus Open“ Wie eine schöne Hülle das Leben erleichtern kann

Von Michael Bosch 

Eine Ausstellung im Ludwigsburg Museum zeigt, was in Sachen Design in diesem Jahr en vogue ist. Viele Produkte, die schön aussehen, sind teuer. Aber in manchen Bereichen kann gutes Design auch Geld sparen.

Multitalent: Der Industrieroboter Horst hat die Jury des internationalen Designpreises „Focus Open“ überzeugt. Die 56 Gewinner sind bis zum 30. November im Ludwigsburg Museum Mik ausgestellt. Foto: factum/Simon Granville 12 Bilder
Multitalent: Der Industrieroboter Horst hat die Jury des internationalen Designpreises „Focus Open“ überzeugt. Die 56 Gewinner sind bis zum 30. November im Ludwigsburg Museum Mik ausgestellt. Foto: factum/Simon Granville

Ludwigsburg - Horst misst nur circa 70 Zentimeter, ist aber trotzdem ein ganz Großer. Vor allem anpacken kann er. Horst ist ein Industrieroboter und hat die Jury des internationalen Designpreises „Focus Open 2020“ aus mehreren Gründen überzeugt. Zum einen ist er sehr einfach zu bedienen und zu programmieren. Das hat die Firma Fruitcore Robotics aus Konstanz, die ihn entwickelt hat, mit Kindern ausprobiert. Sogar die bekommen das hin. Obendrein ist Horst vergleichsweise günstig, sodass ihn sich auch kleine Firmen leisten können. Einsetzbar ist das Multitalent in vielen Branchen. Horst kann kleben, stapeln und messen. Und natürlich sieht er dabei auch noch gut aus, obwohl er sich von vielen seiner Konkurrenten, die wesentlich menschlichere Formen haben, abhebt.

Bei der „Focus Open“ des Design-Centers Baden-Württemberg, einem Referat des Regierungspräsidiums, sind auch in diesem Jahr wieder viele Produkte, die praktisch und ästhetisch zugleich sind, mit dabei. Gutes Design bedeute nämlich nicht nur eine schöne Hülle, sondern erleichtere in vielen Fällen auch das Leben, sagt Christiane Nicolaus, die Leiterin des Design-Centers. Und Unternehmen können sich von der Konkurrenz absetzen – auch auf einem gesättigten Markt. „Schönes Design ist auch Wettbewerbsvorteil“, sagt Nicolaus.

Ein Rucksack aus Papier, eine Waschmaschine für Blinde

Weil die Kosten für die Teilnahme moderat sind und keine Vorauswahl getroffen wird, ist der Preis, der seit 1991 vergeben wird, auch für kleine und mittlere Unternehmen attraktiv. Zu den Newcomern unter den 56 Preisträgern, die seit dem 10. Oktober im Ludwigsburg Museum Mik ausgestellt sind, gehört in diesem Jahr beispielsweise ein Rucksack aus Papier. Hersteller Papero aus Markt Schwaben (Bayern) fertigt das schicke Lifestyle-Accessoire aus Zellulosefasern. Trotz Papieroptik und nachwachsender Materialien ist der Rucksack wasserdicht. Die Jury würdigte auch „die Glaubwürdigkeit des Konzepts“. Ein Teil des Erlöses geht an ein Aufforstungsprojekt.

Neben relativ unbekannten Unternehmen, für die der Preis einen Schub bei der Bekanntschaft bedeutet, sind bei der „Focus Open“ immer auch Weltmarken vertreten, die eigentlich über genügend Reputation verfügen. Sie bewerben sich trotzdem. Der in diesem Jahr erstmals vergebene „Meta“-Award geht an Miele. Der Haushaltsgerätehersteller hat ein Bedienfeld für Waschmaschinen entwickelt, mit dem auch Blinde das Gerät eigenständig bedienen können. Weil das Bedienelement simpel ist und auch auf schon gekauften Maschinen funktioniert, hat die Jury es mit dem neuen Meta-Preis ausgezeichnet. Er soll auch künftig an Produkte vergeben werden, „die einen Schritt weiter gehen“, sagt Claudia Nicolaus.

Gutes Design kann auch Geld sparen

Schöne Formen und praktische Lösungen entstehen oft auch dann, wenn findige Tüftler sich selbst das Leben erleichtern wollen. Fahrradrennfahrer Marcus Wallmeyer entwickelte 1995 aus einer Tomatenmarkdose, einem Halogenbrenner und einer Motorradbatterie sein erstes Fahrradlicht, das auch für lange Fahrten in der Nacht taugte. In diesem Jahr wurde sein Unternehmen für ein Fernlicht für Rennräder ausgezeichnet.

Trotz Corona und deutlich weniger Bewerbern aus dem Ausland zeigt die „Focus Open“, wie vielschichtig das Thema Design ist und wie es fast alle Lebensbereiche durchdringt. Von schallabsorbierenden Decken, handschmeichelnden Käsemessern, über Sitzgelegenheiten verschiedener Couleur bis hin zu Vibratoren ist alles vertreten. Ganz billig sind viele der Produkte gleichwohl nicht. Was gut aussieht, kostet meistens auch viel. In manchen Bereichen gehe gutes Design aber auch mit Einsparungen einher, sagt Christiane Nicolaus. Zum Beispiel in der Investitionsgüterbranche. „Dort sorgen pfiffige Ideen beispielsweise dafür, dass viel weniger Ausschuss produziert wird.“ Gewürdigt hat die Jury das bei Armaturen des Herstellers Grohe, die mit einem neuen Laserschmelz-Verfahren hergestellt werden. Ausgezeichnet wurden die Düsseldorfer auch, weil ihr Produkt aufzeigt, was für ein Potenzial in der industriellen Nutzung von 3D-Fertigungsverfahren steckt.

Nachwuchsdesignerin wird für Schutzanzug ausgezeichnet

Die nächste Generation Produktdesigner steht im Übrigen schon in den Startlöchern. Unter den Gewinnern des Mia-Seeger-Preises, einem Design-Preis der gleichnamigen Stiftung für Abschlussarbeiten, findet sich auch ein Infektionsschutzanzug. Sollte der Designerin die Idee vor der Corona-Pandemie gekommen sein, hätte sie damit Weitblick bewiesen.




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