Destillatsführer in Weinstadt Hochprozentiger Schutz für Streuobst

Von Luitgard Schaber 

Wie werden Obst- und Weinbrände gemacht? Woher stammen die Zutaten? In Weinstadt kann man sich jetzt drei Destillatserlebnisführern anvertrauen, die einem in Brennereien, Obstwiesen und Weinbergen erklären, was alles nötig ist, um flüssige Kostbarkeiten zu kreieren.

Die Destillaterlebnisführer haben auch ein Näschen für Aktionen. Foto: Gottfried Stoppel
Die Destillaterlebnisführer haben auch ein Näschen für Aktionen. Foto: Gottfried Stoppel

Weinstadt - Schnaps ist Schnaps – nicht so jedoch bei den drei neuen Destillaterlebnisführern in Weinstadt, Iris Striegel-Vaihinger, Karin Sigle und Johannes Berner, für welche diese Bezeichnung ihrer Produkte teilweise fast einer Beleidigung gleichkommt. Bei Iris Striegel-Vaihinger zumindest löst der Begriff, unbedacht ausgesprochen, schon fast Entrüstung aus. Sie spricht lieber von Destillaten. Denn es gehe nicht in erster Linie um den Alkohol. „Sondern wir wollen Aromen konzentriert wiedergeben“, erklärt sie.

Dazu haben sich die drei ohnehin schon fachkundigen Brenner an der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg zusätzlich auch noch zu Destillaterlebnisführern weiterbilden lassen. Es war die erste Ausbildung dieser Art, die außer den Dreien noch 13 weitere Teilnehmer aus Baden-Württemberg, Rheinhessen und Franken absolvierten.

Die Profis sprechen von Destillat, nicht von Schnaps

Intensiv beschäftigten sie sich in dem neuntägigen Kurs mit dem hochprozentigen Lehrstoff, schulten ihre Sinne bei einem Sensorik-Training und entdeckten Kombinationsmöglichkeiten mit Schokolade und anderen Speisen. „Da gab es immer wieder Aha-Erlebnisse“, berichtet Iris Striegel-Vaihinger, etwa dass zu Feldsalat nicht nur nussig schmeckende Destillate passen sondern auch die mehr erdige Note von Quitte. Von wegen Verdauungsschnaps also. Dabei sei es nicht nur um Aromen gegangen, sondern vor allem auch darum, wie man sie für andere erlebbar machen kann, etwa bei Exkursionen, Betriebsbesichtigungen und Verkostungen.

Nun sprudeln die drei über vor Ideen. Die Agrarwissenschaftlerin Karin Sigle, die auch in Heilpflanzenkunde ausgebildet ist, sieht sich schon im baldigen Frühjahr in ihrem neuangelegten Duftgarten neben ihrer Brennerei „Die Kleine Destillerie“ auf einem Großheppacher Aussiedlerhof, wo sie Besuchergruppen ihre Destillate verkosten lässt. Zudem stehen am Haus Schlehen- und Maulbeersträucher in Töpfen bereit zum Auspflanzen in Sigles Wildobstlehrpfad. Denn Brände aus wilden Früchten sind die Spezialität der 48-Jährigen – und schwäbischer Whisky.

Auf Streuobstwiesen wird das Rohmaterial gefunden

Einfallsreichtum und Experimentierfreude zeichnen die Quereinsteigerin aus, die vor sieben Jahren ihre Leidenschaft fürs Brennen entdeckte. Ihr Vater war auf die Idee gekommen, dass man aus der eigenen Streuobsternte auch selbst Schnaps machen könnte. Während er das Handwerk aber bald wieder sein ließ, stieg seine Tochter immer tiefer in die Materie ein. Iris Striegel-Vaihinger und Johannes Berner indes wurde die Brennkunst quasi in die Wiege gelegt. Was jedoch nicht heißt, dass sie sich auch von jeher dafür begeistern konnten. „Ich habe meinem Vater immer gesagt, ich mache alles in unserem Weinbaubetrieb, aber nicht die Brennerei“, erzählt Iris Striegel-Vaihinger. Doch als der Vater vor drei Jahren schwer krank war, sprang sie notgedrungen in der Gundelsbacher Familienbrennerei Sigle ein. Nun will die 45-Jährige gar nicht mehr weg vom Kessel. Sie habe ihre Liebe zu Streuobst entdeckt und die Destillatherstellung als eine Möglichkeit, die „segensreiche und schützenswürdige“ Kulturlandschaft zu erhalten, sagt sie. Ihr Steckenpferd daher: sortenreine Destillate aus alten Apfelsorten wie etwa Brettacher oder Klarapfel.

Die Kunden sollen mehr über die Produktion erfahren

Der Schutz der Streuobstwieden ist auch Johannes Berners Antrieb. Hatte der gelernte Obstbautechniker früher selbst die Säge angesetzt, um aus Streuobstwiesen Intensivobstanlagen zu machen, ist er jetzt zu einem Umdenken gekommen. Der 46-jährige Feinkosthändler setzt für die Herstellung seiner Produkte ausschließlich auf Zutaten aus der Region. Als Destillaterlebnisführer wolle er die Kunden von Gourmet Berner am Entstehungsprozess der Brände noch mehr teilhaben lassen. Dafür werde er sein Wissen auch an Mitarbeiter weitergeben.

Darüber hinaus wollen die Drei, die durch die Schulung zufällig miteinander in Kontakt gekommen sind, auch gemeinsame Veranstaltungen organisieren und dafür noch weitere Brenner aus Weinstadt ins Boot holen. Denn künftig, so ihr Ziel, soll Weinstadt nicht nur für Wein bekannt sein sondern auch für Destillate.