Dettingen unter Teck Am Hungerberg geht es schon bald um die Wurst
Das Gewerbegebiet vor der Dettinger Haustüre gilt als Filetstück. Wie groß es sein wird, macht die Gemeinde von der Nachfrage abhängig.
Das Gewerbegebiet vor der Dettinger Haustüre gilt als Filetstück. Wie groß es sein wird, macht die Gemeinde von der Nachfrage abhängig.
Dettingen unter Teck - Wenn das Wort Hunger in Flurnamen auftaucht, so bedeutet dies meist, dass die bezeichneten Felder einen schlechten Boden haben. Dort wuchs dann so wenig, dass man hungern musste. So steht es im baden-württembergischen Flurnamenlexikon. Die Zeiten, da im Dettinger Gewann Hungerberg, einer 42 Hektar großen Freifläche zwischen Dettingen, Kirchheim und dem Kirchheimer Teilort Nabern, nur leeres Stroh gedroschen wurde, sind vorbei. Seit der Verband Region Stuttgart das Gebiet als strategischen Vorhaltestandort für die Ansiedlung zukunftsträchtiger Unternehmen ins Auge gefasst hat, gilt der Hungerberg als Filetstück.
Während in der Regionalversammlung weitgehend Einigkeit darin besteht, den Schutzstatus des im Regionalplan noch als Grünzug ausgewiesenen Gebiets zugunsten einer Gewerbenutzung zu kippen, drohte sich der Gemeinderat der Standortgemeinde zuletzt an dem Brocken zu verschlucken. In der Lokalzeitung war gar von einer Rolle rückwärts die Rede. „Stimmt nicht“, hält Rainer Haußmann, der Bürgermeister der rund 6150 Einwohner zählenden Teckgemeinde, entschieden dagegen. Er verweist auf den einstimmigen Beschluss des Gemeinderats: „Die Größe der im Flächennutzungsplanverfahren bereits angemeldeten Fläche für den Hungerberg (42 Hektar) soll im Rahmen des Aufstellungsbeschlusses zum Bebauungsplan erneut beraten werden – in Hinblick auf die Überlegung, diese Fläche der des Bebauungsplans anzupassen.“
Das heißt konkret, dass die Gemeinde erst einmal auf einem 21 Hektar großen Teilstück des Geländes die planerische Voraussetzung für die Ansiedlung von zukunftsweisenden Technologieunternehmen schaffen will. Das neue Gewerbegebiet entspricht immer noch der Größe von knapp 30 Fußballfeldern.
„Das ist unser Maß für die kommenden zehn Jahre. Mit dem Bebauungsplan legen wir den Grundstein, um schon in einem Jahr mit einem genehmigten Baugebiet auf dem Markt zu sein“, sagt Haußmann. Über die restlichen 21 Hektar könne man zu einem späteren Zeitpunkt diskutieren – oder auch nicht. „Es macht keinen Sinn, schon jetzt über Phantomflächen zu diskutieren“, hält der Schultes den Ball bewusst flach. Die in den kommenden Wochen ins Verfahren gehenden 21 Hektar bedeuteten ein moderates Wachstum. Ein Gewerbegebiet dieser Größenordnung sei einerseits unverzichtbar, um den Anschluss an Zukunftstechnologien in der Region nicht zu verlieren, sende andererseits aber auch die verlässliche Botschaft nach innen. Den seiner Ansicht nach gelungenen Spagat fasst Hausmann in zwei Sätzen zusammen : „Die Region muss wissen, dass wir uns nicht vom Acker machen.“ Und: „Wir nehmen die Sorgen der Bürgerschaft um die Zersiedelung der Landschaft ernst.“
Mit der Unberührtheit des verkehrsgünstig gelegenen Gebiets ist es nach Einschätzung des Bürgermeisters ohnehin nicht mehr so weit her. „Die ICE-Trasse entlang der Autobahn A 8 belastet ja jetzt schon rund ein Drittel der Fläche“, sagt Haußmann. Dass die Region erstmals schon 2009 ein Auge auf die verkehrsgünstig zwischen Autobahn und Bundesstraße gelegene Vorhaltefläche geworfen hat, kommt nicht von ungefähr. Zwar gibt es in der Region Stuttgart mehr als 1000 Hektar reservierte Gewerbeflächen. Doch die Hälfte kann frühestens vom Jahr 2025 an bebaut werden, nur sechs Gebiete davon sind größer als 20 Hektar.
Das künftige Gewerbegebiet Hungerberg ist angesichts der Knappheit nicht für eine „normale“ Gewerbeansiedlung gedacht. Es soll baureif vorgehalten werden, falls Unternehmen sich kurzfristig zu Investitionen in neue Fabriken entschließen. Ganz vorn steht die Automobilbranche in ihrem Transformationsprozess weg vom herkömmlichen Verbrenner, hin zu Elektro- und Wasserstoffantrieben. Gern gesehen sind auch Firmen, die in anderen Zukunftsfeldern wie Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung unterwegs sind.
Den Andeutungen von Rainer Haußmann zufolge könnte es da am Hungerberg bald um die Wurst gehen. „Es gibt einen Interessenten, der den Standort in die engere Wahl genommen hat“, sagt der Bürgermeister. Bis Mai könnte eine Entscheidung gefallen sein. Namen nennt der Bürgermeister nicht, nur soviel : „Wenn wir den Zuschlag bekommen, dann geht es um eine Größenordnung von bis zu 600 Arbeitsplätzen.“ Dabei handele es sich um ein Unternehmen, das in Zukunftstechnologien investiere. „Amazon kommt bei uns nicht zum Zug“, so Haußmann. Damit weiß er sich ganz auf der Linie der Regionaldirektorin Nicola Schelling. „Wenn wir schon Freiräume in Anspruch nehmen müssen, dann für Zwecke, die dies wirklich rechtfertigen“, hatte diese zuletzt in der Regionalversammlung betont.