Dettingen Vom Segen der Teufelsaustreiber

Von Gunther Nething 

Eine Dettinger Buchbinderei legt den Druckfehlern das Handwerk und rettet ganze Auflagen vor dem Einstampfen. Jetzt wurde der Familienbetrieb unter der Teck ausgezeichnet.

Ein kritischer Fall von Gedrucktem liegt auf dem Tisch. Die ganze Familie Kapp Foto: Horst Rudel
Ein kritischer Fall von Gedrucktem liegt auf dem Tisch. Die ganze Familie Kapp Foto: Horst Rudel

Dettingen - Wenn ausgerechnet im aufwendigen Jubiläumsband eines weltweit agierenden Technologiekonzerns mit vielen zündenden Ideen hundsgemeine Schmutzpartikel auf den Offsetdruckplatten einzelne Worte verstümmelt zurücklassen, dann müssen die Kapps ran. Sie müssen auch ran, wenn in der Festschrift eines großen Versicherers ein zu lobender und ehrender Starverkäufer zwar im Rentenalter ist, deshalb aber noch lange nicht Schwarz auf Weiß als Ruheständler laufen wollte – und sollte. Zur Heilung eines solchen Malheurs, das zeigt die Erfahrung, ist den von Blamage Bedrohten kein Weg zu weit und keine Hotelsuite als Werkstatt zu schade – und für die Kapps scheint seit bald 40 Jahren jeder noch so verzwickte Fall letztlich eine willkommene Herausforderung zu sein.

Der Familienbetrieb unter der Teck firmiert zwar als Buchbinderei, als Spezialität und Alleinstellungsmerkmal rangiert im Leistungsspektrum freilich das Angebot, „verdruckte Auflagen“ umzuarbeiten. Und dafür hat die Franz Kapp GmbH wegen ihrer Innovationen eine Anerkennungsurkunde des Bundesverbands Druck und Medien erhalten. Nach dem Medienpreis des Landes im Vorjahr ist dies die zweite bedeutende Auszeichnung für die Exorzisten-Crew in Sachen Druckfehlerteufel.

Gebundenen Büchern den Rücken stärken

Die innovative Kunst der Dettinger ist immer dann gefragt, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist – und die „Verdrucktheiten“ in vielerlei Formen vorliegen. Und so müssen der Firmengründer, seine Frau Helena sowie die im Betrieb engagierten erwachsenen Kinder Katrin und Sebastian nicht nur den Druckfehlern hinterher sein, sondern es gilt auch, gebundenen Büchern den Rücken zu stärken, wenn mal wieder der Kleber schlapp gemacht hat.

Bei solchen „Klebefällen“ ist es oft ökonomischer, wenn die Heiler und Retter zu den Patienten kommen, anstatt dass umgekehrt ganze Auflagen in die Teckgemeinde gekarrt werden müssen. Und so war die „Chefetage“, laut Franz Kapp „meine Frau und ich“, schon in Norwegen und in den USA unterwegs, um schwergewichtige Kunstbände oder Modekataloge zu ertüchtigen.

Bei der Ertüchtigung der bereits erwähnten Jubiläumsschrift des heimischen Technologiekonzerns waren Entfernungen zwar kein Problem, um bei einer Auflage von 50 000 aber jeweils fünf Seiten auszuwechseln, mussten nach Adam Riese und Franz Kapp stramme 250 000 Klebungen von Hand absolviert werden. Und im Falle des unfreiwillig in den Ruhestand erhobenen Policenrekordlers mussten die Dettinger vorübergehend in einem Hinterzimmer des venezianischen Hiltons ihre Zelte aufschlagen, um die Schmach zu tilgen.

15000 Bände gerettet

Am Beginn des ungewöhnlichen Reparaturdienstes stand Michael Jackson. Nicht das Popidol, sondern ein Namensvetter aus England. Der hatte ein Buch über die Biere dieser Welt verfasst, und dabei wurde der Name Irland zu „Irla“ verstümmelt. Damals, Mitte der 1970er Jahre, schlug die Stunde des Franz Kapp. Er konnte 15 000 Bände retten, für die sonst Hopfen und Malz verloren gewesen wäre.

Helena Kapp bringt das Tun der Druckfehlerjäger auf diesen pointierten ökologischen Punkt: „Ob im Schwarzwald, im Bayrischen Wald oder im Pfälzer Wald haben wir bestimmt schon so manchen Baum dadurch vor der Axt bewahrt, dass durch die Rettung ganzer Buchauflagen der Holzeinschlag vermindert werden konnte.“