Deutlich höherer Anteil in der Oberstufe der Stuttgarter Gymnasien Mädchen in der Schule heute erfolgreicher als Jungs

In der Oberstufe der allgemeinbildenden Gymnasien überwiegt inzwischen die Zahl der Schülerinnen die der Schüler. Foto: /Rainer Weisflog

Die Mädchen laufen den Jungs auf dem Gymnasium inzwischen den Rang ab. Ihr Anteil an der Schülerschaft ist deutlich höher als der der Jungs, besonders in Stuttgart. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

In der Landeshauptstadt besuchen nicht nur insgesamt sehr viele Schülerinnen und Schüler die Oberstufe eines allgemeinbildenden Gymnasiums. Vor allem der Anteil der Mädchen ist in Stuttgart besonders hoch. Zu diesem Schluss kommen die Statistiker der Stadt. Sie haben sich die Zahlen aus dem aktuellen Zensus auf diese Frage hin genauer angeschaut.

 

Demnach besuchten am Stichtag Mitte Mai 2022 in Stuttgart 62 860 Kinder und Jugendliche eine Schule. Von diesen büffelten 18 Prozent (11 460 Jugendliche) in der Oberstufe eines allgemeinbildenden Gymnasiums. Das sind drei Prozentpunkte mehr als im Bundesdurchschnitt und zwei Prozentpunkte mehr als in Baden-Württemberg.

Sortiert man die Oberstufenschüler nach Geschlechtern, ist das Ergebnis noch beachtlicher. Der Anteil der jungen Frauen übersteigt den der Jungs inzwischen deutlich. In Stuttgart liegt der Mädchenanteil in der gymnasialen Oberstufe bei 57 Prozent – entsprechend niedriger ist der Anteil der Jungs. „Während Mädchen in der höheren Schulbildung lange benachteiligt gewesen sind, sind sie heute erfolgreicher“, erklärt Till Heinsohn vom Statistischen Amt der Stadt. Dies werde insbesondere in Stuttgart deutlich. Die Auffälligkeit zeigt sich im Verhältnis zum Bund und zum Land, wo der Mädchenanteil in der gymnasialen Oberstufe bei rund 52,5 Prozent liegt.

Auch im Vergleich mit anderen Großstädten in Deutschland, wo die Mädchen in der Oberstufe der Gymnasien ebenfalls die Nase vorn haben, sind die Stuttgarter Zahlen bemerkenswert. So liegt der Anteil der jungen Frauen in Frankfurt am Main bei lediglich 51,5 Prozent, in Düsseldorf sind es 53,1 Prozent, in Hamburg 52,1, in München 51,6 und in Köln und Berlin sind es 52,8 beziehungsweise 52,2 Prozent.

Woran könnte das liegen? Beim Statistischen Amt der Stadt erklärt man sich den Spitzenwert mit der „in Baden-Württemberg gefestigten Tradition der beruflichen Gymnasien“, so Till Heinsohn. Auch dort machen viele junge Leute Abitur. Die beruflichen Gymnasien seien aber „in der Statistik nicht unter der gymnasialen Oberstufe an allgemeinbildenden Gymnasien gefasst“. In anderen Bundesländer hat das berufliche Gymnasium dagegen eine geringere Bedeutung als hierzulande. Es ist also gut möglich, dass in Stuttgart viele männliche Jugendliche die Oberstufe an einem beruflichen Gymnasien besuchen. Und diese seien, wenngleich es auch andere Fachrichtungen gibt, doch „eher technisch-naturwissenschaftlich ausgerichtet“, sagt der Statistiker.

Mädchenanteil beim Abitur ist gestiegen. Foto: Locke

Bleibt die Frage, warum heute im Schnitt republikweit der Anteil der Mädchen den der Jungen in der Oberstufe und an den Abiturienten durchweg merklich überwiegt.

Manfred Birk, der Geschäftsführende Schulleiter der Stuttgarter Gymnasien, hält die Erklärung der hiesigen Zahlen durch das stärkere Gewicht der beruflichen Gymnasien in Land und Stadt für plausibel, auch wenn die Verteilung an seiner Schule, dem Dillmann-Gymnasium, nicht so sei. Hier sei das Verhältnis von Jungen und Mädchen in der Oberstufe etwa „50 zu 50“, sagt der Rektor. Aber auch Birk hat generell den Eindruck, „dass die Mädchen leichter im allgemeinen Gymnasium mitschwimmen als die Jungs“ und dass diese eher als die Mädchen an ein berufliches Gymnasium wechseln.

Eine Erklärung dafür hat er nicht, aber ein paar Ideen schon. So seien die allgemeinbildenden Gymnasien vielleicht etwas stärker sprachlich ausgerichtet als die beruflichen Gymnasien. Mit den Sprachen täten sich die Mädchen im Schnitt etwas leichter. Und die Schülerinnen läsen mehr und beteiligten sich tendenziell auch mehr am Unterricht. Sie zeigten insgesamt „stärker sprachliche Aktivitäten“, sagt Manfred Birk. „Die Bedeutung der Sprache spielt eine Rolle.“ Überdies seien die Reaktionen der Jungs auf die Pubertät stärker. „Die Jungs erfordern bisweilen, was das Lernverhalten angeht, mehr Aufmerksamkeit“, erklärt der Schulrektor. „Man unterschätzt, wie sich die Pubertät auf deren schulische Leistungen auswirkt. Das kann zu Brüchen führen“, betont der Gymnasiallehrer. „Darauf muss man ein Augenmerk haben.“ Man dürfe Jungs in der Pubertät „nicht alleinelassen, sonst steigen die aus“, gibt Manfred Birk zu bedenken.

Diese Einschätzung stimmt in vielem mit den Einschätzungen von Jürgen Budde überein. In der Schule schnitten die Jungen „im Schnitt etwas schlechter ab“ als die Mädchen, sagt der Professor für Theorie der Bildung, des Lehrens und Lernens an der Europa-Universität Flensburg. Wobei Budde zuallererst die gute Entwicklung der Mädchen auch angemessen würdigen will. Schließlich sei es in ihrem Fall tatsächlich gelungen, eine „Bildungsbenachteiligung abzubauen“.

Dies hat aus Sicht des Bildungsforschers auch mit einem anderen Verhalten von Schülerinnen zu tun. Diese seien stärker dazu erzogen worden, sich mehr um andere zu kümmern und mehr Anteil und auch die Perspektive anderer einzunehmen. Diese stärkere Bezogenheit – Fachbegriff: relationale Autonomie – entspreche mehr den heutigen Anforderungen nach Pluralität, Kommunikation und Selbstorganisation in der Gesellschaft und in der Schule.

Dazu passten die Männlichkeitsbilder vieler Jungs dagegen eher weniger. Diese seien häufig noch von herkömmlichen Vorstellungen von Autonomie, Unabhängigkeit und Eindeutigkeit geprägt. „Das funktioniert heute nicht mehr ungebrochen“, sagt Budde. Deshalb werde die Schule von Jungs oft als Einrichtung erlebt, „die Abhängigkeit verspricht“, dementsprechend werde „schulischer Erfolg als weiblich konnotiert“.

Die Frage sei, wie es gelingen könne, die Jungs wieder mehr „für Leistung und Engagement zu begeistern“, sagt der Bildungsforscher. Auch Demokratiemüdigkeit und der Wunsch nach einfachen Lösungen in der Politik seien „überproportional bei Männern und männlichen Jugendlichen festzustellen“. Die Jungs bräuchten daher in der Schule „eine engere Begleitung“, rät der Experte den Lehrerinnen und Lehrern.

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