Auswanderung: Metzger in England Wie ein Zeitungsbericht neue Familienbande knüpfte

Von Torsten Schöll 

Ein Bericht unserer Zeitung über Auswanderer nach England hat eine große Resonanz hervorgerufen: nach vielen Jahrzehnten kommen die Nachfahren der Familien wieder zusammen.

Helen Stewart mit alten Familienfotos Foto: Torsten Schöll 3 Bilder
Helen Stewart mit alten Familienfotos Foto: Torsten Schöll

Stuttgart - Die Initiative zur Erinnerung an diesen vergessenen Teil der Geschichte kam von den Britischen Inseln selbst. Die Engländerin Helen Stewart aus Pately Bridge bei Harrogate, Nachfahrin des 1874 ausgewanderten Künzelsauers Christian Alexander Stein, bat durch Vermittlung des Hohenloher Heimatforschers Karl-Heinz Wüstner unsere Zeitung, Menschen in der Region mit einer ähnlichen Familiengeschichte ausfindig zu machen. Im besten Fall auch Verwandte des Auswanderers Stein. Helen Stewart will zusammenzuführen, was die Wirren der Geschichte einst getrennt hat. Denn die Kontakte zwischen den Nachfahren der Auswanderer und ihren in Deutschland zurückgebliebenen Verwandten sind in fast allen Fällen bereits mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs abgebrochen.

Zahlreiche Leser berichten ähnliche Familiengeschichten

Jetzt zeigt sich, dass Stewarts und Wüstners Hoffnung, mithilfe unserer Zeitung Nachfahren der einst aus Hohenlohe ausgewanderten Metzger in der Region Stuttgart zu finden, nicht vergeblich war. Auf den Beitrag vom vergangenen August meldeten sich bei dem Ilshofener Heimatgeschichtler, der zu diesem Thema seit Jahren intensive Forschungen betreibt, nicht nur zahlreiche Leser, die aus ihrer Familiengeschichte Ähnliches zu berichten haben. Mindestens zwei Personen waren auch darunter, bei denen sich herausstellte, dass sie über Christian Alexander Stein, der einst nach Bradford in Yorkshire ausgewandert war, direkt verwandt mit Helen Stewart sind. „Wir sind sehr dankbar darüber, was der Zeitungsartikel ausgelöst hat“, sagt die Engländerin.

Iris Strecker, die heute in Bayern lebt und über ihre in Waiblingen wohnende Schwester von dem Artikel erfahren hatte, wusste zwar von Vorfahren, die nach England ausgewandert waren. „Wir gingen in der Familie aber bis dahin davon aus, dass es in England heute keine Nachkommen mehr gibt, dass alle Verwandten im Krieg umkamen.“ Tatsächlich konnte Wüstner den Streckers nun nachweisen, dass Christian Alexander Stein nicht nur der Urgroßvater von Helen Stewart ist, sondern eben auch ein Verwandter der Familie Strecker.

Olive Strecker, deren Vater einst aus dem hohenlohischen Hessenau ausgewandert war und in Goole in Nordengland eine Metzgerei führte, hatte den Sohn Steins geheiratet. „Jetzt wissen wir, dass unsere Verwandten im Zuge des Ersten Weltkriegs nur untergetaucht waren“, erzählt Iris Strecker, die sich im August bei einem von Wüstner organisierten Metzger-Nachfahren-Wiedersehen mit Helen Stewart treffen will.

Der Großvater wurde im Ersten Weltkrieg interniert

Bemerkenswert auch, was Günter Knies aus Kernen im Remstal zu berichten wusste: Denn das Schicksal, das den Vorfahren des 80-Jährigen widerfuhr, mussten viele andere Auswanderer erleiden: „Mein Großvater, der in London eine Metzgerei hatte, wurde im Ersten Weltkrieg im Gefangenenlager Knockaloe auf der Insel Man interniert, die Familie nach Deutschland ausgewiesen.“ Knockaloe, so berichtet Wüstner, war ein Lager, in dem vor allem deutsche Einwanderer, die noch keine englische Staatsbürgerschaft hatten, während des Kriegs interniert waren. „Mehr als 20 000 Menschen wurden dort festgehalten“, sagt Wüstner. Der Gedenkstätte, die seit vergangenem März auf der Insel Man in der Nähe von Peel an das ehemalige Lager erinnert, hat Knies nun aus Anlass des Artikels zahlreiche Familienfotos überlassen. „Das hat mich sehr gefreut“, sagt Knies.

Auch Margot Büxenstein aus Stuttgart-Wangen weiß seit Kurzem, dass sie mit Helen Stewart verwandt ist. Sie ist eine Nachfahrin einer Schwester von Christian Alexander Stein. Die aufgefrischten familiären Verbindungen, die zwischen England und Deutschland so entstanden sind, sind für Helen Stewart von großer Bedeutung: „Ich bin mir sicher, dass sich in den jetzt folgenden Gesprächen ein besseres Verständnis für die Migration all dieser jungen Menschen aus Württemberg ergeben wird und die Auswirkungen auf ihre Familien deutlich werden“, sagt Stewart. Gerade vor dem aktuellen Hintergrund des Brexits scheinen private Initiativen der Verständigung zwischen England und Deutschland an Gewicht zu gewinnen.

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