Deutsch-deutsche Geschichte Offene Grenze für Benno Ohnesorg

Von Andreas Förster 

Vor 50 Jahren verzichtete die DDR einmalig auf Kontrollen an der Mauer: für einen Trauerzug quer durch die Republik in den Westen.

Der Tod Benno Ohnesorgs radikalisierte die Studentenbewegungen teilweise. Foto: dpa
Der Tod Benno Ohnesorgs radikalisierte die Studentenbewegungen teilweise. Foto: dpa

Elchingen - Am 5. Juni 1967 sprechen zwei junge Männer am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße in Ost-Berlin vor. Sie kämen vom Asta, dem Allgemeinen Studierenden-Ausschuss der Freien Universität, und wollten einen verantwortlichen Offizier sprechen, sagen sie. Es ginge um ein heikles Thema: die Überführung des Leichnams von Benno Ohnesorg durch die DDR zur Beisetzung in dessen Heimatstadt Hannover. Der Student war drei Tage zuvor von dem West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen worden.

Die ungewöhnliche Mission, die auf ein paar Blättern aus dem Stasi-Archiv in Berlin dokumentiert ist, hat Erfolg. Am 8. Juni 1967, gegen 17.45 Uhr, macht Ost-Berlin die Grenze auf und lässt den eindrucksvollen Trauerzug von rund 200 schwarzbeflaggten West-Berliner Autos ohne Kontrolle den Grenzübergang Drewitz passieren und über die DDR-Autobahn Richtung Marienborn fahren. Es wird der einzige Tag in mehr als 28 Jahren deutscher Teilung bleiben, an dem sich für ein paar wenige Stunden die Tore der Mauer weit öffneten.

Studenten setzten den Trauerzug durch

Michael Mohs hat die Brille abgenommen und hält die Blätter aus dem Stasi-Archiv dicht vor seine Augen. Manchmal nickt der 74-Jährige kurz mit dem Kopf, auf dem das graue Haar schütter geworden ist, und murmelt „Ja, so war’s“. Dann wieder schüttelt er den Kopf. „Stimmt so nicht“, sagt er dann leise, wie zu sich selbst. Das Rascheln des Papiers und die wenigen Worte sind die einzigen Geräusche im Raum. Selbst die Wanduhr, deren Pendel unermüdlich schwingt, gibt kein Ticken von sich.

Die fünf Seiten, die Michael Mohs an diesem Vormittag in seiner Praxis liest, sind ein Stasi-Bericht vom 7. Juni 1967. Es ist eine „Erstinformation“ des MfS an die damalige SED-Spitze über – so ihr Titel – „ die Absicht des Asta der ‚Freien Universität’ in Westberlin, anlässlich der Beisetzungsfeierlichkeiten für den ermordeten Studenten Ohnesorg einen Trauerkonvoi nach Hannover zu organisieren“. Mohs’ Name taucht in dem Papier auf – er war einer der beiden Asta-Studenten, die den Trauerzug in Ostberlin durchsetzten.

Benno Ohnesorg, ein Student aus Hannover, war am 2. Juni 1967 am Rande einer Demonstration gegen den Besuch des persischen Schahs in Westberlin durch einen Kopfschuss getötet worden. Geschossen hatte Karl-Heinz Kurras, ein Staatsschutz-Beamter. Ohnesorg wurde zum Märtyrer, zur kollektiven Identifikationsfigur der Studentenbewegung, die den Todesschuss als Kriegserklärung des Staates interpretierte. Was erst 2009 bekannt wurde: Kurras war 1967 noch Agent des DDR-Staatssicherheitsdienstes – den Schuss auf Ohnesorg hatte er allerdings nicht im Auftrag Ost-Berlins abgegeben.




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