Paris/Berlin - Das Ende kommt mit einem Federstrich. Am 25. Februar 1947 verkündet der Alliierte Kontrollrat in Berlin die Auflösung Preußens. Der preußische Staat sei „seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland“ gewesen. Nach zwei Weltkriegen soll der Ursprung der „deutschen Krankheit“ endgültig von der Landkarte getilgt werden. Dabei wird Preußen deutlich früher zu Grabe getragen. Genauer gesagt am 18. Januar 1871, als der preußische König Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen wird.
Selten ist ein König unwilliger Kaiser geworden. „Morgen ist der unglücklichste Tag meines Lebens. Da tragen wir das preußische Königtum zu Grabe. Und daran sind Sie, Graf Bismarck, schuld“, erklärt Wilhelm I. mit Tränen in den Augen am Vorabend seiner Krönung. Er fürchtet, dass Preußen in Deutschland aufgehen wird, während Bismarck plant, Deutschland in Preußen aufgehen zu lassen. Drei Kriege – 1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich und schließlich 1870 gegen Frankreich – hat der preußische Kanzler geführt, um an sein Ziel zu gelangen: ein geeintes Deutschland unter preußischer Führung. Und doch wird Wilhelm recht behalten, wenn auch ganz anders als gedacht.
Nach dem Sieg über Frankreich wird die Armee zum Götzen
Preußen hatte schon immer einen Januskopf: tolerant und autoritär, fortschrittlich und reaktionär. Doch mit der Gründung des Kaiserreichs verschwindet das Preußen, in dem Gewissensfreiheit herrscht, Glaubensflüchtlinge aus ganz Europa Zuflucht finden und der König verspricht, den Muslimen Moscheen zu bauen, wenn sie nur sein Land „peuplieren“. Nach dem Sieg über Frankreich, damals immerhin die stärkste Militärmacht Europas, wird die Armee zum Götzen, dem alles andere unterzuordnen ist.
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Preußen ist schon vor den drei Einigungskriegen ein Militärstaat. So schreibt Heinrich Heine bereits 1844 in seinem „Wintermärchen“ über die preußischen Soldaten: „Sie stelzen noch immer so steif herum. So kerzengrade geschniegelt, als hätten sie verschluckt den Stock womit man sie einst geprügelt.“ Doch mit dem Sieg über Frankreich steigert sich die Begeisterung für alles Militärische ins Absurde. Aus Selbstbewusstsein wird Selbstherrlichkeit, der preußische Leutnant, schneidig, stramm und schnarrend im Ton, zum Ideal einer ganzen Nation.
Mit der Schlacht von Sedan ist der Krieg entschieden
Grund zum Selbstbewusstsein gibt es genug. Mit der Niederlage bei Sedan am 2. September 1870 und der Gefangennahme Kaiser Napoleon III. ist der Krieg praktisch entschieden. Frankreich, das die Mitte Europas jahrhundertelang nach Belieben als Schlachtfeld genutzt hatte, ist besiegt. Mehr noch: Nach seiner „für ganz Europa überraschenden und totalen Niederlage“ muss Frankreich „seinen privilegierten Platz unter den Nationen an die bis dahin gönnerhaft belächelten Deutschen“ abgeben, schreibt der Historiker Klaus-Jürgen Bremm.
Doch der Sieg ist teuer erkauft: Die Angriffe erfolgen vor allem in den Grenzschlachten im Sommer 1870 meist frontal und ohne Rücksicht auf Verluste. „Nur Faust, kein Kopf, und doch siegen wir“, bilanziert Bismarck erbost. An der nach dem Krieg einsetzenden Verehrung für das Militär ändert das nichts.
Die Kinder tragen Matrosenanzüge, die Herren Offiziere Monokel
Die Armee wird zur Schule der Nation, das Land zur Kaserne. Die Kinder tragen Matrosenanzüge, die Herren Offiziere Monokel. „Der dressierende Schulmeister und der drillende Unteroffizier sind die beiden Hauptpfeiler des heutigen Staates“, klagt SPD-Mitbegründer Wilhelm Liebknecht bereits 1872: „Der Unteroffizier ist die Voraussetzung des Schulmeisters. Die Volksschule ist die Vorschule der Kaserne, die Kaserne die Fortbildungsschule der Volksschule. Ohne den Schulmeister keinen Unteroffizier.“ Unter Wilhelm II. kennt die Anbetung des Militärs dann keine Grenzen mehr.
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Welch’ Folgen die Vergötterung der Uniform haben kann, zeigt der „Hauptmann von Köpenick“. 1906 übernimmt der Schuster Wilhelm Voigt, der sich zuvor die Uniform eines Hauptmanns besorgt hat, einen Trupp Gardesoldaten, verhaftet den Bürgermeister von Köpenick und verschwindet anschließend mit der Stadtkasse. Ein Schelmenstück, über das selbst der Kaiser lacht. Lehren zieht aus dieser Posse freilich keiner. Dabei wird der deutsche Untertanengeist selten in aller Öffentlichkeit so lächerlich gemacht, wie an diesem Tag, zeigt die Köpenickiade doch den Sieg des Kadavergehorsams über die Vernunft.
Der Krieg liefert dringend benötigte Identifikationsfiguren
Das aufgeklärte Preußen Hegels und Kants verschwindet unter der Pickelhaube. Rheinländer, Bayern, Westfalen, Württemberger und Badener, sie alle suchen nach der Reichsgründung nach einer nationalen Identität. Der Triumph über Frankreich liefert die dringend benötigten Identifikationsfiguren, und die tragen allesamt Uniform.
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„Die Verehrung des Militärischen hängt auch damit zusammen, dass man sich an den beiden Napoleons orientiert hat. Unter Napoleon I. hielt der der Gestus des Militärischen Einzug in die Politik“, erklärt der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Ein Wettlauf um militärischen Glanz setzte ein. „Das war also kein spezifisch deutsches Phänomen. Frankreich war 1914 deutlich hochgerüsteter als Deutschland, auch war die Begeisterung für Uniformen dort nicht minder ausgeprägt.“ So tragen die französischen Soldaten zu Beginn des Ersten Weltkriegs militärischen Chic , also rote Hosen oder gar Kürasse, die so herrlich in der Sonne funkeln und es den deutschen MG-Schützen recht einfach machen. Die Deutschen haben zu diesem Zeitpunkt längst auf Feldgrau umgestellt.
Preußen wird zum Sündenbock gemacht
„Nach den zwei verlorenen Weltkriegen wurde Preußen zum Sündenbock gemacht“, sagt Münkler – während sich der Rest des Landes die Hände in Unschuld wusch. Als Kulturstaat sei Preußen ein eher unterbelichtetes Thema, während es als Militärstaat lange im Mittelpunkt gestanden habe. „Preußen diente als Domestos.“ Gleichwohl wurde die preußische Pickelhaube zum Symbol für ganz Deutschland – in der Gebärdensprache übrigens bis heute.
„Staaten werden mit den Mitteln erhalten, durch die sie gegründet wurden“, hatte der SPD-Politiker August Bebel kurz nach der Reichsgründung noch gewarnt: „Der Säbel stand als Geburtshelfer dem Reich zur Seite, der Säbel wird es ins Grab begleiten!“ Er sollte recht behalten. „Deutschland war nicht die Erfüllung Preußens, sondern sein Verderben“, schreibt der Historiker Christopher Clark. Als das Ende 1947 in Berlin auch offiziell festgestellt wird, fließen keine Tränen mehr.