Deutsch-französischer Kultursender Arte Die Quote ist nicht das Ziel

Von  

In Frankreich ist der Marktanteil des Kultursenders Arte doppelt so groß wie in Deutschland. Mögen Deutsche etwa kein Bildungsfernsehen? Oder hat Arte hierzulande ein Imageproblem?

Im Arte-Thriller „Tag der Wahrheit hat ein Bewaffneter (Florian Lukas) mit einer Kernschmelze im Atomkraftwerk gedroht. Foto: Arte
Im Arte-Thriller „Tag der Wahrheit hat ein Bewaffneter (Florian Lukas) mit einer Kernschmelze im Atomkraftwerk gedroht. Foto: Arte

Stuttgart - Die Idee klingt charmant: ein deutscher und ein französischer Film zum selben Thema, jedoch landesspezifisch umgesetzt. Mit dem Thriller „Tag der Wahrheit“ und der Komödie „Das gespaltene Dorf“ hat der europäische Fernsehsender Arte genau diese Idee aufgegriffen und kürzlich das Thema Atomkraft im deutsch-französischen Tandem gezeigt. Allein: es fehlten die Zuschauer. Die Einschaltquoten seien enttäuschend gewesen, heißt es bei Arte. Und das ausnahmsweise auf beiden Seiten des Rheins.

Lässt man diesen Spezialfall außer Acht, dessen Ausstrahlungstermine in der Aufregung um den Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ untergingen, bleibt aber die Erkenntnis, dass Arte traditionell in Deutschland einen geringeren Marktanteil und eine niedrigere Reichweite hat als in Frankreich. 2014 lag der europäische Kultursender in Frankreich bei zwei Prozent Marktanteil und erreichte mehr als zwölf Millionen Franzosen, in Deutschland lag der Marktanteil erstmals bei einem Prozent, die Reichweite bei rund neun Millionen Zuschauern. Was sich zunächst wenig spektakulär anhört, löst am Hauptsitz in Straßburg dennoch so etwas wie Euphorie aus. „2014 war das bisher beste Jahr für Arte“, sagt Claude-Anne Savin, die Pressesprecherin des Senders. Und tatsächlich hat sich der Sender auf dem deutschen Fernsehmarkt Stück für Stück gesteigert, 2008 lag der Marktanteil noch bei 0,6 Prozent.

Der Vorsprung einer etablierten Marke

Aber woran liegt es, dass der im Mai 1992 an den Start gegangene europäische Kanal über eine scheinbar höhere Akzeptanz in Frankreich als in Deutschland verfügt? Mögen die Deutschen kein Bildungsfernsehen? Oder leidet Arte an einem Imageproblem, bedingt durch experimentierfreudige und oft ungewöhnliche Sendungen? Weder noch, sagt Frank Baasner, Direktor des deutsch-französischen Instituts in Ludwigsburg. Seiner Meinung nach ergeben sich die Unterschiede im Marktanteil vor allem durch die verschiedenen Strukturen der Fernsehlandschaften beider Länder: „Bis vor einigen Jahren empfing die Mehrheit der Franzosen nur fünf terrestrisch ausgestrahlte Sender. Damit fehlte Arte faktisch die Konkurrenz“, erklärt er.

Dagegen gab es in Deutschland seit dem Start des Privatfernsehens Ende der 1980er Jahre und durch die zahlreichen öffentlich-rechtlichen Programme eine deutlich größere TV-Vielfalt. Seit der Einführung des digitalen terrestrischen Fernsehens (DVBT) 2005 in Frankreich ist zwar auch dort die Anzahl der Sender explosionsartig gestiegen. Nach zunächst leichten Quoteneinbußen hat sich der Marktanteil in Frankreich aber bei etwa zwei Prozent eingependelt. Baasner vermutet, dass Arte immer noch vom Vorsprung einer etablierten Marke als Bildungsfernsehen profitiert.

Jüngere Zielgruppe über das Internet

Ohnehin gilt bei Arte aber: Quote ist nicht das Ziel. „Qualität ist wichtiger als Quantität“, sagt Claude-Anne Savin. Und dass man damit in Straßburg nicht ganz falsch liegt, lassen auch die Zugriffszahlen auf die Online-Angebote des Senders vermuten. In derselben Woche, in der das deutsch-französische Tandem im Fernsehen floppte, erreichte Arte über das Internet 2,6 Millionen Visitor, das sind eindeutig erkannte Besucher auf einer Website innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Dabei stammen rund 50 Prozent der Zugriffe aus Frankreich, 40 Prozent aus Deutschland und zehn Prozent aus anderen Ländern. Auch die beiden Fernsehfilme zum Thema Atomkraft wurden in der Arte-Mediathek zigtausend Mal angeschaut: „Das gespaltene Dorf“ kam auf mehr als 63 000 Abrufe, „Tag der Wahrheit“ gehört mit mehr als 76 000 Streamings sogar zu den drei erfolgreichsten Fernsehfilmen in den vergangenen 13 Monaten. „Wir erreichen mit den gleichen Inhalten über das Internet jüngere Zielgruppen“, so Savin. Das zeige, dass das Programm nicht in Frage stehe.

In Frage stellen will auch Baasner den deutsch-französischen Kulturkanal nicht. „Europa braucht einen solchen Sender. Nur müsste Arte noch viel europäischer werden“, findet er. Seiner Meinung nach kommt das Thema Europa ausgerechnet auf dem Kanal zu kurz, dessen Anspruch es ist, das Verständnis und die Annäherung der Völker Europas zu fördern.

Vielleicht wäre Europa ja ein Thema für das nächste deutsch-französische Tandem. Denn trotz der enttäuschenden Zuschauerzahlen beim ersten Projekt plant Arte eine Fortsetzung. Es kann eben eine Chance sein, wenn es nicht nur um die Quote geht.