Deutsch-Madagassischer Verein Esslingen Soltec bringt Hoffnung in ein armes Land

In den Werkstätten des Soltec-Ausbildungszentrums erhalten junge Madagassen das Rüstzeug für eine gute berufliche Zukunft. Foto: privat

Viele Menschen im afrikanischen Inselstaat Madagaskar leben in bitterer Armut – junge Leute aus armen Familien haben meist keine Chance auf eine qualifizierte Ausbildung. Der Deutsch-Madagassische Verein Esslingen bietet ihnen eine Perspektive.

Es ist nicht leicht, sich in einem Land wie dem afrikanischen Inselstaat Madagaskar eine gute Zukunft aufzubauen. Das gilt vor allem für junge Leute aus armen Verhältnissen, weil man dort Ausbildungsplätze gewöhnlich nur gegen Bezahlung bekommt. Der Deutsch-Madagassische Verein Esslingen bietet jungen Madagassen seit fast 40 Jahren kostenlose Ausbildungsmöglichkeiten und damit eine Zukunftsperspektive. Im Ausbildungszentrum Soltec in Antananarivo Ivato wurden seit 1987 mehr als 3000 Absolventinnen und Absolventen zu anerkannten Abschlüssen geführt. Das Erfolgsgeheimnis: Engagierte Menschen wie Inge Hekler und Dorothee Schäfer sorgen dafür, dass Soltec beste Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start in den Beruf bietet.

 

Mehr als nur kurzfristige Hilfe

1987 hatten engagierte Esslingerinnen und Esslinger um den damaligen Mettinger Pfarrer Günter Hekler und seine Frau Inge den Deutsch-Madagassischen Verein aus der Taufe gehoben. Ein Seelsorger aus dem afrikanischen Inselstaat hatte bei einem Besuch in Esslingen die Not in seiner Heimat so eindrucksvoll geschildert, dass die Heklers beschlossen, aktiv zu werden. Sofort war ihnen klar, dass es nicht nur um kurzfristige Hilfen gehen durfte, sondern vor allem darum, jungen Menschen gute Zukunftsperspektiven zu eröffnen. „Für die Ärmsten ist eine gute kostenlose Ausbildung wie ein Sechser im Lotto“, weiß Dorothee Schäfer, die heutige Vorsitzende des Deutsch-Madagassischen Vereins Esslingen.

1987 hatte der Verein, der inzwischen 450 Mitglieder zählt, eine erste Ausbildungswerkstatt auf Madagaskar eröffnet. Inzwischen ist Soltec zu stattlicher Größe angewachsen: In der Zentrale in Antananarivo Ivato werden laufend 230 Azubis in der Bearbeitung von Metall und von Holz, in Automechanik, Haustechnik (Elektro und Sanitär), Nähen, Sticken und Weberei sowie in Kochen und Hauswirtschaft ausgebildet. Weitere zwölf Auszubildende werden in einer südlich gelegenen Dependance in Mahitsy mit den Grundlagen moderner Landwirtschaft vertraut gemacht – und mit Herausforderungen einer Dürre. 49 Angestellte sorgen für einen hoch qualifizierten und reibungslosen Betrieb – die Liste reicht vom Schulleiter über Meister, Ausbilder, Hilfskräfte und Lehrer bis zum Arzt, der die medizinische Betreuung von Mitarbeitern und Azubis sicherstellt. „Wir wollen ein guter und verlässlicher Arbeitgeber sein und unserem Personal angemessene Löhne bezahlen“, sagt Schäfer. „Wenn wir unsere Mitarbeiter gut behandeln, werden sie auch für unsere Auszubildenden ihr Bestes geben.“

Alle müssen ihr Bestes geben

Rund 120 000 Euro muss der Deutsch-Madagassische Verein jedes Jahr zur Finanzierung von Soltec bereitstellen – keine leichte Aufgabe. Doch weil das Konzept überzeugt und weil der Vorstand und die heutige Ehrenvorsitzende Inge Hekler, die zum Gesicht des langjährigen Engagements wurde, auch andere zu begeistern verstehen, ist es bislang noch immer gelungen, die nötigen Gelder zu mobilisieren. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Verein im Ausbildungszentrum sehr präsent ist. Erst kürzlich waren Dorothee Schäfer und Schatzmeister Klaus Meyer wieder für einige Zeit vor Ort, um sich davon zu überzeugen, wie gut die Spendengelder angelegt sind. So hat das auch die patente Inge Hekler in all den Jahren stets gehalten: Immer wieder war sie monatelang in Antananarivo Ivato – viele erinnern sich noch gern daran, wie sie Koch-Azubis beigebracht hat, Spätzle nach schwäbischer Hausfrauenart zu schaben.

Die zweijährige Ausbildung bei Soltec, die dem in Deutschland bewährten Dualen System folgt, wird mit staatlich anerkanntem Diplom abgeschlossen. „Bislang haben alle nach der Ausbildung einen Arbeitsplatz gefunden, der ihnen beste berufliche und damit auch soziale Perspektiven beschert“, erklärt Inge Hekler. „Viele haben sich eine selbstständige Existenz aufgebaut.“ Der Verein finanziert sich überwiegend aus Spenden und Beiträgen der Mitglieder – schon mit 30 Euro monatlich lässt sich ein kompletter Ausbildungsplatz finanzieren. Zusätzliche Einnahmen bringt der Verkauf von Taschen, Kleidung, Gewürzen, Schmuck und anderen Waren, die Soltec-Azubis hergestellt haben.

Neue Ideen für eine gute Zukunft

Eines der wichtigsten Produkte, die im Ausbildungszentrum hergestellt wurden, waren jahrelang Solarkocher, die auch dazu beitrugen, den Brennholzverbrauch deutlich zu reduzieren. Doch mittlerweile sind die benötigten Werkstoffe so teuer geworden, dass sich die Herstellung nicht mehr lohnt. Zum Glück war man findig genug, sich neu zu orientieren: Künftig werden Windräder gebaut, die in Kombination mit Solarpanelen einen Beitrag zur Energieversorgung auf dem Land leisten und zudem den Schreiner-, Schlosser- und Elektriker-Azubis bei Soltec die Möglichkeit bieten, das bis zum zweiten Lehrjahr Erlernte ganz praktisch anzuwenden und zu zeigen, was sie können.

Der Deutsch-Madagassische Verein und seine Anfänge

Das Land
 Madagaskar ist ein Inselstaat an der Südostküste Afrikas. Fast 30 Millionen Einwohner leben auf einer Fläche von 587 295 Quadratkilometern. Damit ist Madagaskar nach Indonesien der flächenmäßig zweitgrößte Inselstaat der Welt. 80 Prozent der Bevölkerung Madagaskars leben an oder unter der Armutsgrenze von rund 64 Euro im Monat. Eine qualifizierte kostenfreie Berufsausbildung wird dort so gut wie gar nicht angeboten. Menschen aus armen Verhältnissen haben kaum eine Chance, einen Beruf zu erlernen.

Der Verein
 Der damalige Mettinger Pfarrer Günter Hekler und seine nicht minder engagierte Ehefrau Inge haben den Deutsch-Madagassischen Verein Esslingen 1987 gegründet, um jungen Menschen aus armen Verhältnissen durch eine solide Ausbildung eine Zukunftsperspektive zu eröffnen. Ein madagassischer Pfarrer, der in ihrer Kirchengemeinde zu Besuch war, hat den Heklers und vielen anderen Gemeindemitgliedern damals die Situation der Menschen in seiner Heimat nahegebracht. Für die Heklers war es Ehrensache, zu helfen. Zusammen mit Gleichgesinnten sammelten sie Spenden, die Industrie- und Handelskammer brachte einen ganzen Container voller gespendeter Maschinen für eine erste Ausbildungswerkstatt auf den Weg nach Madagaskar. So entstand das Projekt Soltec, das seither mehr als 3000 jungen Madagassen eine Ausbildung ermöglichte.

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