Einige davon sind Mitglieder in der DJR – und betrachten die aktuell angespannte politische Situation rund um den Giftanschlag auf den russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny mit Sorge. Allen voran DJR-Geschäftsführer Ernst Strohmaier (66), der im ehemaligen sowjetischen Straf-und Arbeitslager Gulag als Kind Kriegsgefangener zur Welt kam. Heute sitzt er im Besprechungsraum im Haus der DJR in Stuttgart-Mitte, empfängt die Presse mit einem freundlichen Lächeln, faltet seine Hände, stützt sie auf seinem Bauch ab und beginnt mit eindringlicher, ruhiger Stimme zu sprechen: „Unsere Völker, unsere Länder sind so eng miteinander verbunden. Die Russen sehen auf die Deutschen, sie möchten ihre Gesellschaft ähnlich entwickeln. Man muss aufpassen, dass da kein Keil dazwischen getrieben wird.“
Empfindlich bei Spekulationen
Als der 66-Jährige im telefonischen Vorgespräch auf den aktuell Fall Nawalny angesprochen wird, wird der sonst eher ruhige Mann emotional. „Schade, dass Merkel so vor die Presse tritt. Ich glaube nicht an diese Sache, ich bezweifel das. So dumm ist Putin nicht, dass er jemanden nicht komplett vergiftet und dann nach Deutschland entlässt. Man darf ihn nicht unterschätzen.“ Zudem denkt Strohmaier an die Stuttgarter mit russischsprachigem Hintergrund: „Alle diese Leute sind sehr empfindlich, wenn es um Spekulationen, die gegen Russland oder die russische Gesellschaft gerichtet sind, geht. Die verletzen uns“, klagt der 66-Jährige über die von deutschen Politikern zügig ins Spiel gebrachten Sanktionen gegen Russland oder den vorgeschlagenen Stopp der Gaspipeline Nord Stream 2. Strohmaier: „Sanktionen werden nicht Putin oder die russische Regierung treffen, sondern die Menschen in Russland.“
Unterschiedliche Ansichten in Deutschland und Russland
Immer wieder gab es in der Vergangenheit Vorfälle, die die deutsch-russischen Beziehungen spürbar belastet haben. Der Tiergarten-Mord 2019, als der Tschetschene Zelimkhan Khangoshvili im Kleinen Tiergarten in Berlin-Moabit erschossen wurde. Der Fall Skripal 2018, als der russische Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter Julia in Salisbury (Großbritannien) am 4. März vergiftet wurden. Oder nun der Giftanschlag auf Nawalny. Und jedes Mal vermutete die deutsche Bundesregierung den russischen Staat hinter diesen Anschlägen. Dass diese Fälle Einfluss auf das deutsch-russische Verhältnis zwischen den Menschen in Stuttgart genommen hätten, daran glaubt Ernst Strohmaier nicht: „Es gibt da keine Übertragung. Mir sind keine Schwierigkeiten zwischen russischsprachigen Deutschen und Stuttgartern bekannt.“
Etwas anders sieht es Ilya Limberger, der Erzpriester der russisch-orthodoxen Kirche des heiligen Nikolaus. Der gebürtige Russe nimmt sich kurz vor seinem Urlaub Zeit, um seine Erfahrungen zu schildern, das Thema liegt ihm am Herzen. Das unterstreicht er im Telefonat immer wieder. Sein Eindruck in den vergangenen Jahren: „Seit 2014 ist die Gesellschaft in Deutschland gegenüber Russland tief gespalten“, sagt der 57-Jährige, der seit 30 Jahren in Stuttgart lebt. Die Ukraine-Krise, die seit 2014 andauert, habe das deutsch-russische Verhältnis verändert. Allein durch seine Tätigkeit als Erzpriester kommt Limberger immer wieder mit Stuttgartern ins Gespräch. Menschen mit, aber auch solche ohne russischen Hintergrund teilen ihm ihre Ansichten mit.
Wenn er mal wieder zu Besuch in Russland ist, tauscht er sich mit den Leuten vor Ort aus. Dort zeichne sich ein ganz anderes Bild vom deutsch-russischen Verhältnis als in Stuttgart: „Die Russen wundern sich, warum das Verhältnis so gespalten ist und verstehen es nicht. Trotz allem, was in den vergangenen Jahren passiert ist, sehen sie in Deutschland etwas Positives, einen guten Partner, vor dem man Respekt hat.“
Mehr Respekt, mehr Wertschätzung
Beim Giftanschlag auf den Oppositionspolitiker Nawalny war für Limberger die Reaktion deutscher Politiker nicht verständlich: „Ich halte nichts von unüberlegten und vorschnellen Schlussfolgerungen. Oder dem Vorschlag, deswegen Nord Stream 2 zu Fall zu bringen.“
Sowohl für Erzpriester Limberger als auch für Ernst Strohmaier von der Deutschen Jugend aus Russland steht fest: Das deutsch-russische Verhältnis lässt sich durch eine „tiefere Wertschätzung“ (Limberger) und „respektvolles Umgehen“ (Strohmaier) verbessern. „Man sollte im russischen Volk nicht den Feind sehen“, sagt Strohmaier, während Limberger betont: „Es ist wichtig, bessere Kenntnisse dessen zu erlangen, was den jeweils anderen ausmacht – sowohl im kulturellen, als auch im politischen Bereich.“
Was wird aus der Städtepartnerschaft mit Samara?
Ziele, denen Stuttgart mit seiner Partnerschaft mit der russischen Stadt Samara in den vergangenen Jahren immer wieder ein Stück näher gekommen ist. „Die Partnerschaft ist ein gutes Beispiel für gute Verhältnisse zwischen den Volksgruppen. Auf menschlicher Ebene gibt es keine Probleme“, sagt Ernst Strohmaier. Das bestätigt auch Frédéric Stephan (53), der stellvertretende Leiter der Abteilung Außenbeziehungen bei der Stadt Stuttgart: „Das eine sind die politischen Beziehungen, ganz vereinfacht gesagt: Merkel und Putin. Das andere sind die Leute, die sich im Austausch kennenlernen. Und wenn man sich kennt, geht man ganz anders miteinander um.“
Im Jahr 2014, als Russland die ukrainische Halbinsel Krim annektierte, habe sich die Stadt zwar beim Auswärtigen Amt vergewissert, ob die Partnerschaft mit Samara nach wie vor beibehalten werden sollte, doch damals war die Antwort der Bundesregierung klar: Es sei enorm wichtig, dass die Beziehungen auf lokaler Ebene bestehen und gepflegt werden. Auch jetzt, nach dem Giftanschlag auf Nawalny, sagt Stephan: „Es würde mich wundern, wenn die Regierung sagt: ‚Wir kappen die Verbindungen.‘ Sonst gibt man alles auf: Die Beziehungen zwischen Schülern, Sportlern und Künstlern.“
Zudem sei die Gastfreundschaft in Russland trotz aller vergangener Vorfälle auf politischer Ebene nach wie vor ungebrochen. Für Stephan steht fest: „Nur durch den Dialog können die Beziehungen besser werden.“