Deutsch-Syrer und The-Voice-Teilnehmer „Zum ersten Mal konnten wir ohne Ängste frei reden“

Mazen Mohsens Lieblingsort in Marbach: Auf der Schillerhöhe zu Füßen Friedrich Schillers, des Dichters der Freiheit Foto: Werner Kuhnle

Mazen Mohsen flüchtete 2015 aus Syrien nach Deutschland und lebt in Marbach. Der aus der Show The Voice bekannte Musiker telefonierte nach dem Umsturz die halbe Nacht mit seiner Familie in Damaskus. Es ist ein Schwanken zwischen Hoffnung und Sorge.

Ludwigsburg: Karin Götz (kaz)

Als islamistische Kämpfer am Sonntagabend die Kontrolle über Damaskus übernehmen, feiert Mazen Mohsen im kleinen Kreis seinen Geburtstag vor. Am Montag wurde er 31 Jahre alt. Assads Sturz ist das schönste Geschenk, das ihm gemacht hätte werden können. „Das was jetzt in Syrien passiert, fühlt sich wie eine Wiedergeburt an. Wie ein Traum, der endlich wahr wird. Die Revolution hat es geschafft, das grausame Regime zu stürzen“, sagt Mohsen und seine Augen leuchten. Eine Regime, vor dem der Syrer vor neun Jahren flüchtete. 13 Tage war er unterwegs. Auf einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer war er dem Tod näher als dem Neuanfang in einem fremden Land.

 

Familie lebt in Damaskus

Während am Sonntag in Stuttgart und in vielen anderen Städten Tausende Syrer und Syrerinnen auf die Straße gingen und feierten, telefonierte und schrieb Mazen Mohsen die halbe Nacht mit der Familie. Es flossen Tränen der Freude und der Erleichterung.

Mutter, Vater und zwei seiner Schwestern leben im Süden der Hauptstadt Damaskus und berichten dem Sohn und Bruder von den Ereignissen, von denen auch sie überrascht wurden. Nach 13 Jahren Bombardierung, Unterdrückung und einem Bürgerkrieg mit Hunderttausenden Toten und Millionen Vertriebenen habe sich keiner in der Familie ein Ende des Regimes vorstellen können, erzählt Mohsen.

Seit seiner Flucht 2015 hielt er regelmäßig Kontakt mit der Familie. „Aber zum ersten Mal konnten wir ohne Ängste frei reden. Das ist ein unglaubliches Gefühl“, sagt der 31-Jährige und in seiner Stimme schwingen Dankbarkeit und Glück mit.

Sorge vor Sieg der Islamisten

Aktuell sei die Lage in Damaskus noch angespannt und unruhig. Die Familie habe keine Angst, bleibe aber dennoch die meiste Zeit zuhause. „Viele Menschen schießen mit Waffen um sich – auch aus Freude – und es gibt Plünderungen“, berichtet Mohsen. Die Hoffnung auf ein modernes, säkulares, demokratisches Syrien ist groß. Doch es gibt auch die Sorge vor einem Sieg der Islamisten, die ankündigen, in der Hauptstadt schrittweise eine neue Ordnung zu etablieren und eine neue Regierung zu bilden. Mohsen hat dazu eine klare Position: „Wenn die Islamisten an die Macht kommen, dann bekommt meine Heimat wieder ein System, das nur einer Gruppe dient und in dem es keine Gerechtigkeit, keine Toleranz, keinen Frieden, keine Menschlichkeit und keine Freiheit gibt.“ Er macht sich Sorgen, dass das Machtvakuum zu neuer Gewalt führt und sein Geburtsland mit seinen ethnischen und religiösen Minderheiten im Chaos versinkt.

Mazen Mohsen hat sich mit seiner Musik einen Namen gemacht. Foto: Gottfried Stoppel

Dass Bashar al-Assad mit seiner Familie und seinem Netzwerk inzwischen in Moskau Zuflucht gefunden hat, überrascht Mohsen nicht. Es dürfe jedoch nicht das Ende sein, fordert der 31-Jährige. „Die Verbrechen der Vergangenheit dürfen nicht ignoriert werden. Es braucht eine Rechenschaft für die Opfer – und zwar vor dem Internationalen Gerichtshof.“ Es gehe ihm nicht um eine Spirale der Rache, betont Mohsen, sondern um eine Gerechtigkeit, die versöhne: „Bestrafung ist wichtig, damit sich die Geschichte nicht wiederholt.“

Frauen anerkennen

Die Rolle der Rebellen sehe er kritisch. „Ihr Anführer versucht, mit Gewalt die Macht zu übernehmen, obwohl er nicht vom Volk gewählt wurde. Das macht mir und vielen anderen Sorgen, weil es zu mehr Chaos und Gewalt führen könnte.“ Das moderne Syrien brauche die Zusammenarbeit mit den USA, Europa, aber auch mit Israel – um zu heilen, um eine Infrastruktur aufzubauen und den Menschen eine Heimat zu werden. Eine Heimat, in der auch Frauen als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkannt werden.

Seit 2018 lebt Mozen Mahsen in Marbach. Deutschland ist ihm zur Heimat geworden. „Als ich vor einem Jahr eingebürgert wurde, hatte ich das erste Mal im Leben das Gefühl von Freiheit.“ Ein Gefühl, das er in Syrien nie gespürt habe. „Das Land gehörte uns nicht. Wir waren gefangen. Seit Sonntag spüre ich aber: Auch Syrien ist meine Heimat.“

Bewegender Auftritt bei The Voice

Die seitens der Politik geführte Debatte über die Rückführung von Geflüchteten hält Mohsen für zu verfrüht. „Die Situation ist immer noch unklar, und deshalb sollten wir keine schnellen Entscheidungen treffen.“ Für viele Menschen sei es weiterhin sehr gefährlich, in ihre Heimat zurückzukehren. „Das Aussetzen von Anträgen halte ich für eine vorschnelle Entscheidung, die viele in Gefahr bringen könnte.“

Gleichwohl hofft der 31-Jährige, dass viele Geflüchtete zurückgehen und das Land wieder aufbauen. Auch er denkt an eine Rückkehr – allerdings nicht an eine endgültige. Mohsen, der sich in Deutschland als Sänger und Musiker einen Namen gemacht hat, sieht sich als Wandler zwischen den beiden Ländern. „Ich habe hier Arbeit und inzwischen Familie. In Deutschland durfte ich zum ersten Mal meine Meinung offen sagen. Dieses Land hat mir alles gegeben und ich werde mich nicht abwenden, aber ich werde – wenn die Lage etwas ruhiger ist – nach Syrien gehen und dort meine Erfahrungen einbringen.“

Dass Mazen Mohsen, der im September 2019 am Ludwigsburger Bahnhof einer Mutter und ihrem Sohn das Leben gerettet und dafür einen Preis für Zivilcourage erhalten hat, Brücken bauen kann, hat er in den vergangenen Jahren gezeigt. Mit seinem Gesang und seinen Projekten erreicht der studierte Musiker die Herzen der Menschen – weit über die Region hinaus.

Mit seinem Talent und seiner Gabe Menschen zu berühren, hat er es 2021 in die Castingshow The Voice geschafft. In der Sendung sang Mohsen das Lied „Die Gedanken sind frei“ – zuerst auf Deutsch und dann einen Vers auf Arabisch. Ein Lied, das dem 31-Jährigen viel bedeutet. Seit dem 8. Dezember sind nicht nur seine Gedanken und die vieler Syrer frei. „Jetzt können die Menschen in Syrien sie auch wieder äußern.“

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