„Andor“-Produzentin Sanne Wohlenberg „Ich war früher kein echter ‚Star Wars‘-Fan“

Sanne Wohlenberg ist Produzentin der „Star Wars“-Serie „Andor“ Foto: IMAGO/Lounis Tiar/Avalon

Sanne Wohlenberg würde bei einem „Star Wars“-Test wahrscheinlich durchfallen. Und das obwohl die deutsche Produzenten für die ,Spin-off-Serie „Andor“ verantwortlich ist, deren zweite Staffel jetzt bei „Disney+“ zu sehen ist.

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Die Serie „Andor“ spielt im „Star Wars“-Universum, ist aber viel mehr Politthriller als Sci-Fi-Spektakel. Die Produzentin Sanne Wohlenberg stammt zwar aus Deutschland, lebt aber schon so lange in Großbritannien, dass sie das Interview über die großartige Serie, deren zweite Staffel jetzt bei Disney+ gestartet ist, lieber auf Englisch führt.

 

Frau Wohlenberg, können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit dem „Star Wars“-Universum erinnern?

Nur vage. Natürlich habe ich – wie alle damals – damals die Originalfilme gesehen. Aber ich blieb irgendwie nicht dran. Ich war früher kein echter „Star Wars“-Fan. Erst der Film „Rogue One“ hat mich wieder für dieses Universum begeistert. Weil der Film zwar ganz in der „Star Wars“-Welt zu Hause ist, aber trotzdem einen ganz eigenen Zugang hat, sich sehr stark an den Charakteren orientiert und Tony Gilroys Handschrift trägt.

Gilroy hatte vorher die „Jason Bourne“-Agententhriller gemacht und ist jetzt der Showrunner von „Andor“.

Genau. Zusammen mit ihm eine Serie machen zu dürfen, die in der „Star Wars“-Welt spielt: Das war eine Chance, die ich mir nicht entgehen lassen konnte.

Wie hätten Sie reagiert, wenn man Ihnen, als sie als Teenager in Wolfsburg „Krieg der Sterne“ gesehen haben, gesagt hätte, dass Sie eines Tages eine „Star Wars“-Serie produzieren werden?

Natürlich hätte ich nur gelacht. Und wenn Sie das jetzt so sagen, muss ich immer noch ungläubig lachen. Ich habe ja immer fürs Fernsehen gearbeitet – und „Star Wars“ war etwas, das man nur aus dem Kino kannte. Bevor es die Streamer gab, war die Branche sehr gespalten: Du hast entweder für den kleinen Bildschirm oder die große Leinwand gearbeitet. Mir wäre deshalb nie in den Sinn gekommen, dass ich mal an etwas arbeiten könnte, das mit „Star Wars“ zu tun hat.

Muss man als „Andor“-Produzentin alle „Star Wars“-Filme und Serien auswendig kennen? Gibt es bei Lucasfilm einen Einstellungstest, der das abgefragt?

Das wäre schlimm! (lacht) Weil ich nicht mein ganzes Leben lang ein begeisterter „Star Wars“-Fans war, war mein Wissen, was die letzten Feinheiten in den Filmen und Serien aus diesem Universum angeht, ziemlich begrenzt. Aber das Tolle an „Andor“ ist, dass man sich nicht im „Star Wars“-Universum auskennen muss, um die Serie zu mögen. Für Superfans gibt zwar einige Easter Eggs, versteckte Details, die wahrscheinlich nur die Experten entdecken. Aber wichtiger ist es mir, dass wir Zuschauer, die neu in dieser Welt sind, auf eine außergewöhnliche Reise mitzunehmen. In „Andor“ geht es darum, eine spannende Geschichte zu erzählen, die nur zufällig in einer weit, weit entfernten Galaxie spielt. Ich will eine Serie machen, die auch meine Freundinnen schauen möchten, die keine Lust darauf haben, tief ins „Star Wars“-Universum eintauchen zu müssen.

Zu Beginn der zweiten „Andor“-Staffel sagt Cassian Andor zu einer Frau, die ihm hilft, ein Raumschiff zu klauen: „Nervös zu sein, ist gut, das hält wach!“ Ich frage mich, ob diese Aussage nicht nur für Rebellen gilt, sondern auch für Produzenten: Muss man ständig unter Strom stehen, um diesen Job zu machen.

Serien sind wie riesige Güterzüge. Wenn die Fahrt aufgenommen haben, halten die dich ganz schön auf Trab. Es gibt keine zwei Arten, das zu tun, wenn du etwas in dem Umfang und Ausmaß wie „Andor“ machst – einer Serie, bei der die zweite Staffel noch ehrgeiziger als die erste daher kommt. Es wird größer, es wird lauter, und es wird auch etwas beängstigender. Also ja: Dieser Job wird nie langweilig.

Als Sie anfingen, in der TV-Branche zu arbeiten, lebten Sie bereits in England, deutsche Serien konnten da noch nicht auf dem internationalen Markt mithalten.

Ja, aber das hat sich glücklicherweise geändert. Die Streaming-Welt hat Ländern, die in einer Sprache produzieren, die nicht so verbreitet ist wie Spanisch oder Englisch, neue Chancen eröffnet. In Großbritannien hattest du das Glück, dass es automatisch ein größeres Publikum gab. Doch das Streaming hat die Serienwelt tiefgreifend verändert und möglich gemacht, dass es inzwischen viele Leute auf der ganzen Welt gibt, die all die fantastischen Serien, die in Deutschland produziert werden, kennen und lieben.

Welchen Serie aus Deutschland mögen Sie zum Beispiel?

Mein Favorit ist „Babylon Berlin“. Und ich liebe „Deutschland 86“. Aber ich habe auch viele andere gute deutsche Produktionen gesehen. Allerdings ist das oft sehr verwirrend, wenn ich die hier in Großbritannien anschaue: Weil sie dann immer im deutschen Original mit englischen Untertiteln laufen. Obwohl ich das Gesprochene gut verstehe, liest mein Gehirn automatisch mit und kommt dann durcheinander.

Könnten Sie sich vorstellen, auch mal nach Deutschland zurückzukehren, um hier eine Serie zu produzieren?

Natürlich! Da habe ich sogar schon mal darüber nachgedacht. Ich hoffe, es ergibt sich irgendwann die Gelegenheit.

Sanne Wohlenberg und die Serie „Andor“

 
Person
 Sanne Wohlenberg (56) stammt aus Wolfsburg, hat in in Hamburg studiert und zog 1992 nach London. Neben „Andor“ (seit 2022) hat sich zum Beispiel auch die „Kommissar Wallander“-Reihe mit Kenneth Branagh (2010-2015) und die Miniserie „Chernobyl“ (2019) produziert.

Serie
 Die ersten drei Episoden der zweiten „Andor“-Staffel sind seit 23. April bei Disney+ verfügbar. Die weiteren Episoden werden wöchentlich immer mittwochs veröffentlicht.  

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