Deutsche Bahn Bahn will mehr Geld für Ticketverkauf

Die App DB Navigator erfreut sich großer Beliebtheit Foto: Deutsche Bahn AG

Die Staatskonzern verärgert kommunale Verkehrsverbünde mit teils drastisch erhöhten Provisionsforderungen und Kündigungen der Vertriebsverträge.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)

Die Deutsche Bahn kündigt Vertriebsverträge mit kommunalen Verkehrsverbünden und will in neu angebotenen Verträgen bis zu viermal höhere Umsatzprovisionen für den Ticketverkauf durchsetzen. Das erfuhr unsere Redaktion aus gut informierten Fachkreisen. Das Vorgehen des Staatskonzerns, der profitabler werden soll, könnte dazu führen, dass Kooperationen beim Fahrkartenverkauf scheitern und am Ende die Fahrgäste die Leidtragenden sind, wenn im DB Navigator fürs Smartphone oder an DB-Automaten künftig weniger Verbund- und Regio-Tickets buchbar sind.

 

Bahn fordert neben Provisionen noch eine hohen Fixbetrag

Mehr als 50 Verkehrsverbünde zwischen Stralsund und Garmisch verkaufen ihre Fahrkarten für den Regionalverkehr schon auch über den DB Navigator. Praktisch für Reisende, denn so kann die Bahnreise gleich inklusive dem oft nötigen Anschluss per Bus, Straßen- oder U-Bahn gebucht werden und man muss sich nicht entnervt durch das Tarifdickicht regionaler Anbieter wühlen. Doch das erstrebenswerte Ziel, möglichst alle Regionaltickets in einer App bequem buchbar zu machen, rückt nun wieder weiter in die Ferne.

„Die Vertragskündigungen und höheren Provisionsforderungen treffen vor allem kleinere Verbünde“, sagte ein Insider unserer Redaktion. Demnach fordere der Staatskonzern in neuen Verträgen zusätzlich zur Umsatzprovision einen neuen mindestens vierstelligen Fixbetrag, der auch fällig wird, wenn nur wenige Tickets verkauft werden. Die teureren Konditionen will die Deutsche Bahn nach Informationen aus der Branche je nach Vertrag teils schon im Spätsommer durchsetzen.

Manchen Verbünden sind die Kosten zu hoch

Bisher kassiert der DB-Konzern nach Informationen unserer Redaktion Umsatzprovisionen von meist fünf bis sieben Prozent, wenn Tickets anderer Anbieter verkauft werden. Das gilt in der Branche überwiegend als noch angemessene und auskömmliche Marge für beide Seiten. Es gibt aber Verbünde, denen diese Kosten zu hoch sind und die deshalb ihre Tickets nicht über den DB Navigator verkaufen. Schon bisher beklagt mancher Verkehrsverbund hinter vorgehaltener Hand, dass die DB ihre starke Marktposition ausnutze und zu hohe Provisionen verlange.

Der Staatskonzern lässt die meisten Fragen unserer Redaktion zu den Provisionserhöhungen und Vertragskündigungen unbeantwortet. Der digitale Vertrieb von Nahverkehrstickets sei „nicht immer Bestandteil von Verkehrs- oder Vertriebsverträgen“, erklärt ein Sprecher ausweichend. Die Deutsche Bahn sei deshalb „beständig in Gesprächen mit ihren Geschäftspartnern zu Vertragsbeziehungen“. Und weiter: „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu Details nicht äußern können.“

Unabhängigkeit beim Buchen wird gewünscht

In manchen Bundesländern versucht man sich schon länger vom DB Navigator unabhängiger zu machen. So hat Baden-Württemberg schon vor Jahren einen attraktiven BW-Tarif eingeführt, der landesweit gilt und das ÖPNV-Tarifdickicht bei den 19 Verkehrsverbünden etwas gelichtet hat. Verkehrsminister Winfried Hermann treibt zudem mit den Verbünden ein Online-Vertriebssystem voran, das Bus- und Bahnfahren in Baden-Württemberg vor allem für Gelegenheitsfahrgäste ohne D-Ticket kinderleicht machen soll.

Das im Sommer 2023 eingeführte smarte E-Ticketsystem CiCoBW (Check-in Check-out Baden-Württemberg) soll die nervige Beschäftigung mit Tarifzonen und zeitraubende Suche nach Ticket-Automaten ersparen, auch muss man sich nicht mehr sorgen, falsche oder zu teure Fahrscheine gelöst zu haben. Das Land finanziert und betreibt die erforderlichen technischen Hintergrundsysteme für das anbieteroffene System.

Regionale Konkurrenten zu DB Navigator

Zur Nutzung können Reisende einmalig die App des Anbieters Fairtiq herunterladen, der schon in vielen Ländern Europas und auch 15 deutschen Verbünden aktiv ist. Mit einem Wisch auf dem Smartphone vor dem Einstieg bekommt man ein gültiges Ticket, ohne das Fahrtziel eingeben zu müssen. Die App erkennt Start- und Endhaltestelle, rechnet automatisch den günstigsten Fahrpreis ab und funktioniert überall in Baden-Württemberg – in der Straßenbahn, Regionalbahn und im Bus.

Ob sich solche Systeme gegen den bisher dominierenden DB Navigator durchsetzen oder zumindest daneben bestehen können, ist offen. Im Frühjahr hatte Fairtiq in Baden-Württemberg gerade mal 20 000 aktive Nutzer und verbuchte 100 000 Fahrten pro Monat. Weltweit wurden immerhin schon 220 Millionen Fahrten abgewickelt, die Plattform bedient monatlich mehr als eine Million aktive Nutzer und ist schon in Österreich, Tschechien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Italien, Liechtenstein und der Schweiz verfügbar.

Im Südwesten ist beim CiCoBW bisher der landesweite BW-Tarif buchbar. Auch die Verkehrsverbünde sind integriert und haben damit eine Alternative, wenn sie sich vom DB Navigator wegen zu hoher Forderungen des Staatskonzerns abwenden. Der Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) nutzt das System bereits als Pionier in Kooperation mit dem Land.

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