Mit dem neuen doppelstöckigen Modell des Intercity 2 kann die Bahn künftig mehr Passagiere transportieren. Im Dezember sollen die ersten Züge in Deutschland fahren. Auf Strecken im Südwesten ist der erste Einsatz im Jahr 2018 geplant.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)

Stuttgart - Mehr Komfort, mehr Service, mehr Platz – die Deutsche Bahn verspricht viel. Der neue Intercity 2 soll den Schienenverkehr im Wettbewerb mit den Fernbussen wieder attraktiver machen. Eine erste Besichtigung mit dem Pro-Bahn-Ehrenvorsitzenden Karl-Peter Naumann zeigt: die Fahrgäste können sich auf moderne doppelstöckige Züge freuen, müssen sich allerdings auch auf einige Mängel und Mühen einstellen.

 

Nach dem Fahrplanwechsel Mitte Dezember sollen 27 Züge des IC 2 zunächst auf der Strecke Leipzig–Hannover–Bremen–Norddeich starten. Danach werden die Verbindungen Dresden–Köln und Köln–Leer–Emden–Norddeich folgen. 2018 sollen die neuen Flitzer auch auf der Gäubahn im Südwesten fahren. Bis 2030 wird die Flotte nach DB-Plänen auf 120 Züge wachsen und die bisherigen lokbespannten IC-Reisezüge ablösen, die bereits teils seit 40 Jahren und länger im Einsatz sind.

Zwölf Milliarden Euro für den Fernverkehr eingeplant

Der IC 2 ist wichtiger Teil der laut DB-Chef Rüdiger Grube „größten Kundenoffensive“ in der Geschichte der Bahn. Bis 2030 sollen zwölf Milliarden Euro in den Fernverkehr investiert werden, unter anderem in die Modernisierung des Intercity-Express (ICE). Der erste ICE 4, geliefert von Siemens, soll Ende 2017 starten, bestellt sind 130 rot-weiße Flitzer.  Daneben soll ein neues IC-Netz entstehen, das in den nächsten 15 Jahren alle größeren deutschen Städte zumindest im Zweistundentakt verbinden soll.

So neu, wie Grube behauptet, ist dieses IC-Netz aber nicht. In den letzten Jahrzehnten hat der Konzern viele Fernverkehrsverbindungen ausgedünnt oder gestrichen. Mit dem Interregio wurde unter dem früheren Bahn-Chef Hartmut Mehdorn eine ganze Zugklasse eingestellt und ausgemustert. So hat die Bahn viele Städte und Millionen Deutsche vom direkten Zugang zum Fernverkehr auf der Schiene abgehängt und damit den Fernbussen ihren Erfolg ermöglicht.

Massive Probleme mit Hersteller Bombardier

Mit dem IC 2 soll sich das ändern. Schon vor der ersten Auslieferung gab es allerdings massive Probleme. Der weltgrößte Zughersteller Bombardier leistete sich rund zwei Jahre Lieferverspätung, was unter anderem mit verschärften internationalen Normen begründet wird. Damit hat die Bahnindustrie ihren wichtigsten Kunden ein weiteres Mal enttäuscht. Umso mehr hofft man, dass wenigstens die weiteren Lieferungen im Zeitplan sein werden.

Bombardier hat für den IC 2 seine bekannten Doppelstöcker neu konzipiert. Diese fahren bisher im Regionalverkehr. Das Ergebnis sei „insgesamt positiv“, sagte Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn bei einer Präsentation in Potsdam. Die schöne Aussicht aus der oberen Etage, breite Eingangsbereiche für bequemeres Ein- und Aussteigen sowie geräumige Kleinkindbereiche gehören zu den Stärken der Doppeldecker. Zudem verbraucht der IC 2 laut Bahn rund ein Fünftel weniger Energie als sein Vorgänger und hat mit 465 Sitzplätzen mehr Kapazität als ein IC.

Rollwägen mit Snacks statt Bistro und Bordrestaurant

Allerdings sieht Naumann auch deutliche Schwächen. „Leider fehlen Bistro und ein gemütliches  Bordrestaurant, das ist schon sehr bedauerlich und im Fernverkehr ein ärgerlicher Mangel“, kritisiert der Experte. Stattdessen werden Snacks und Getränke von Servicekräften verkauft, die mit Rollwägen durch die Waggons gehen. Ein Ärgernis wird für Fahrgäste mit größerem Gepäck auch die Schlepperei ins obere Stockwerk werden, wenn der Zug unten bereits drangvoll ist. Oben gibt es  zwar mehrere zentrale Abstellflächen, am Platz selbst allerdings bieten die engen Ablagegitter konstruktionsbedingt kaum Raum für einen größeren Rucksack. Auch Michael Ziesak, Vorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland, sieht im zu geringen Stauraum eine deutliche Schwäche des IC 2. Zumal die Fahrgäste gerade im Fernverkehr mit immer mehr Gepäck unterwegs seien, wie auch die Bahn selbst einräumt.

Ein deutlicher Fortschritt seien dagegen die großzügigen Bereiche für Rollstuhlfahrer nahe dem Eingangsbereich, sagt Stefan Krusche von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland. Allerdings wird durch ein Schutzbrett, das bei Notbremsungen das Wegrollen verhindern soll, das Rangieren unnötig erschwert. Das sperrige Brett sei aber leider per EU-Regelung so vorgeschrieben, ärgert sich Krusche. Viel mehr Probleme bereiten mobilitätseingeschränkten Menschen allerdings die unterschiedlichen Bahnsteighöhen in Deutschland. Die Bahn will langfristig alle Stationen auf die Standardhöhe 76 Zentimeter anpassen, im Süden der Republik sind die Rampen oft noch 21 Zentimeter niedriger.

Der neue DB-Verkehrsvorstand Berthold Huber jedenfalls weiß, dass der Wettbewerb um Fahrgäste „nur durch deutlich verbesserte Qualität zu gewinnen ist“. Das betreffe vor allem „die Basisqualität: Pünktlichkeit, Sauberkeit, Service“. Sein Versprechen: „Wir werden alles dafür tun, unseren Kunden das Reisen so angenehm wie möglich zu machen.“ Die Bahnfahrer werden ihn sicher beim Wort nehmen.