Bei der nötigen Verkehrswende hat kaum ein Konzern bessere Chancen als die Deutsche Bahn. Diese müssen jetzt genutzt werden, kommentiert Thomas Wüpper.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)

Berlin - edränge in Zügen und Bahnhöfen, Verspätungen, Baustellen, gesperrte ICE-Strecke - der Alltag für Reisende und Pendler auf der Schiene ist wahrlich oft kein Vergnügen. Viele Probleme scheint die Deutsche Bahn als größter Anbieter und Netzbetreiber seit Jahren kaum in den Griff zu bekommen. Gepeinigte Kunden reagieren daher eher sarkastisch, wenn der Staatskonzern in Werbefilmen von künftigen Mobilitätsangeboten schwärmt und viele schöne Projekte und Ideen präsentiert.

Doch der Ansatz ist richtig, der aktuelle Kurs von Konzernchef Richard Lutz stimmt. Die Verkehrswende weg vom Auto, hin zu nachhaltigeren Städten hat vielerorts längst begonnen und bietet kaum einem Unternehmen größere Chancen als der DB mit ihren Zug-, Bus- und Lkw-Flotten, die europaweit unterwegs sind. Ob der schwerfällige Riesenkonzern mit seinen mehr als 300 000 Beschäftigten diese Chancen jedoch nutzen kann, ist nach den bisherigen Erfahrungen fraglich.

Die Digitalisierung verschlafen

So hat die Bahn die Digitalisierung in vielen Bereichen lange verschlafen. Tolle Angebote wie den DB Navigator und das digitale Ticket gab es zwar recht früh, wurden dann aber nur zögernd ausgebaut und optimiert. Hier fehlte es jedoch auch an Unterstützung durch den Eigentümer, denn die Neuausrichtung kostet viel Geld. Beispiel: der Breitbandausbau. Beim schnellen Internet hinkt Deutschland weit hinterher, und das nicht erst seit gestern, sondern seit Jahrzehnten.

Dabei ist längst bekannt, dass der Ausbau der Kommunikationsnetze entlang der Schienen nicht nur die Bahn, sondern die gesamte Republik enorm voranbringen und viele Gebiete besser versorgen würde. Der Konzern hätte dafür vom Bund gerne 3,5 Milliarden Euro Investitionsmittel allein fürs nächste Jahr, der frühere Kanzleramtschef und Bahnvize Ronald Pofalla führt die Verhandlungen. Die gesamte Umstellung des bundesweiten Bahnnetzes auf digitale Leit- und Steuertechnik könnte in den nächsten 15 Jahren bis zu 35 Milliarden Euro kosten.

Enorme Summen – aber gut investiert

Das sind enorme Summen. Doch im besten Fall sorgt das Geld für mehr Kapazitäten und bessere Abläufe im erfreulich wachsenden Schienenverkehr, wäre also gut investiert. Voraussetzung dabei ist jedoch, dass die Regierung die Aufsicht über die DB nicht länger vernachlässigt und die Verwendung der Milliardensummen besser kontrolliert, die jedes Jahr an den Staatskonzern fließen. Sonst besteht die Gefahr, dass Geld in falschen Kanälen versickert.

Der Bundesrechnungshof hat erst kürzlich wieder gefordert, dass der Bund seiner Aufgabe als Eigentümer und Aufseher der DB besser gerecht werden muss. Die Regierung sollte diese Mahnungen ernst nehmen und die sinnvolle Förderung der Digitalisierung mit strengen laufenden Verwendungskontrollen durch den Rechnungshof verknüpfen.

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