Deutsche CO2-Bilanz im Vergleich Ein „Bigfoot“ unter den Klimasündern

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Dass Deutschland nur zwei Prozent zur Belastung des Weltklimas beiträgt, ist nur die halbe Wahrheit. Der deutsche CO2-Fußabdruck ist der größte in Europa. Welche Faktoren verhageln uns Deutschen die Bilanz?

Das Erdklima ist gefährdet. Foto: dpa/NASA Goddard Space Flight Center
Das Erdklima ist gefährdet. Foto: dpa/NASA Goddard Space Flight Center

Stuttgart - Klimastatistiken sind kompliziert. Fast jeder weiß, dass China mittlerweile der größte CO2-Emittent der Welt ist – mit 28 Prozent der Treibhausgasemissionen –, während Deutschland mit einem Anteil von zwei Prozent an den globalen Emissionen aktuell nur einen kleinen Teil zur Belastung des Erdklimas beiträgt. Ein Grund zur Entspannung ist das nicht. Das zeigt der Blick auf die Pro-Kopf-Emissionen. Der „Brown to Green“-Bericht über die Klimabilanz der zwanzig wichtigsten Industrieländer (G20), den Climate Transparency vorgelegt hat, macht das besonders deutlich. Wir haben ihn und die Daten des Umweltbundesamts im Blick auf die deutsche Rolle beim Klimawandel unter die Lupe genommen.

Die größten Klimasünder unter den wichtigsten Industrienationen

Dass die Einwohner der westlichen Industriestaaten mit ihrer Wirtschafts- und Lebensweise die Hauptursache für den Klimawandel sind, ist unumstritten. Weniger bekannt ist, dass es nicht nur weltweit sondern auch in Europa große Unterschiede gibt. Während der Treibhausgasausstoß im G-20-Schnitt von Climate Transparency auf 7,5 Tonnen pro Kopf und Jahr beziffert wird, liegt der europäische Mittelwert mit 7,9 Tonnen etwas höher. In den G-20-Staaten führt Australien (21,8 Tonnen pro Kopf) die Rangliste der Klimasünder an. Deutschland steht mit einem Pro-Kopf-Ausstoß von 11,1 Tonnen Treibhausgas 2018 deutlich besser da und liegt auf Platz sieben. Allerdings: Indien ist nach China und den USA der drittgrößte CO2-Emittent auf dem Globus. Mit 1,9 Tonnen pro Kopf und Jahr ist der ökologische Fußabdruck der Inder trotzdem der mit Abstand kleinste aller G-20-Staaten.

Bei den CO2-Emissionen ist Deutschland der Bigfoot in Europa

Wer annimmt, dass die führenden Industriestaaten Europas beim ökologischen Fußabdruck fürs Klima mehr oder weniger gleichauf liegen, täuscht sich. Tatsächlich sind die Unterschiede erheblich. Der Durchschnittsdeutsche stößt laut dem „Brown to Green“-Bericht pro Kopf und Jahr fünfzig Prozent mehr Treibhausgase aus als ein Brite (7,4), 63 Prozent mehr als ein Italiener (6,8) und 76 Prozent mehr als ein Franzose (6,3). Damit sind die Deutschen beim Klima-Fußabdruck mit großem Abstand der „Bigfoot“ unter den Europäern.

Woher kommen die großen Unterschiede zwischen den europäischen Nachbarn?

Der höhere Wohlstand in Deutschland verursacht höhere CO2-Emissionen. Das gilt zum Beispiel beim Wohnen: 3,15 Tonnen Klimagase stößt der Durchschnittsdeutsche jährlich durch Heizung und Warmwasser in Gebäuden aus. Das ist mehr als das Doppelte des G-20-Durchschnitts und etwa ein Drittel mehr als der EU-Mittelwert. Die überdurchschnittliche Wohnungsgröße in Deutschland sieht Climate Transparency als wesentliche Ursache für die schlechtere CO2-Bilanz. Frankreich (1,26 Tonnen pro Kopf), Italien (1,8) und Großbritannien (1,93) liegen unter dem EU-Durchschnitt (2,07).

Auch der Verkehr verursacht in Deutschland höhere Klimalasten als in den benachbarten Industrieländern. Zwar liegt Italien bei der Motorisierungsrate mit 869 Autos je tausend Einwohnern vor Deutschland, Großbritannien und Frankreich. Aber die Verkehrsemissionen sind mit 1,99 Tonnen pro Kopf in Deutschland am höchsten. In Frankreich sind es 1,8, in Großbritannien 1,79 und in Italien 1,67 Tonnen pro Kopf und Jahr. Beim Fliegen (national und international) liegen die Deutschen (0,34 Tonnen pro Kopf und Jahr) auf Platz zwei nach den Briten (0,54). Die Franzosen (0,3) fliegen etwas, die Italiener (0,2 Tonnen) deutlich weniger.

Was sagt das Umweltbundesamt zum Fußabdruck der Durchschnittsdeutschen?

Auch das Umweltbundesamt (UBA) hat die Klimabilanz der Deutschen genau analysiert. Laut den Daten der Behörde ist das Konsumverhalten des Durchschnittsbürgers ziemlich stabil. Laut der Behörde entfallen im Schnitt 38 Prozent der jährlichen CO2-Emissionen pro Kopf auf Konsumgüter. Allerdings: Dabei wird nicht nur das persönliche Kaufverhalten berücksichtigt, in diese Rubrik fließen die durch die Industrie entstandenen Klimagase mit ein. Der zweitgrößte Brocken entfällt mit 19 Prozent auf Mobilität. Jeweils 15 Prozent der Emissionen verursachen die Deutschen durch Essen und Wohnen. Der private Stromverbrauch schlägt mit sieben Prozent zu Buche. Öffentliche Dienstleistungen wie etwa die Krankenversorgung in Kliniken, Müllabfuhr und Verwaltung verursachen sechs Prozent der Emissionen pro Kopf.

Was ist mit den Emissionen der Wirtschaft selbst?

Der hohe Produktionsanteil der deutschen Wirtschaft und der Atomausstieg belasten die Klimabilanz. 36 Prozent der deutschen Emissionen stammen aus der Industrie. Genauer: 21 Prozent kommen aus der Wirtschaft direkt, 15 Prozent aus der Stromerzeugung. In Frankreich mit seinem starken Dienstleistungssektor und dem mit 44 Prozent sehr hohen Kernenergieanteil, verursacht die Wirtschaft 22 Prozent der Emissionen. Blickt man auf die Effizienz der europäischen Industrieländer, haben sie mit Japan die niedrigste CO2-Belastung der G-20-Staaten bei der Bruttowertschöpfung pro Dollar.




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