Deutsche Eislauf-Union So tickt der neue Präsident aus Stuttgart
Andreas Wagner ist der Chef der deutschen Eiskunstläufer und Eistänzer. In das Amt ist er hineingeschlittert – nun sucht er die nächste Katarina Witt.
Andreas Wagner ist der Chef der deutschen Eiskunstläufer und Eistänzer. In das Amt ist er hineingeschlittert – nun sucht er die nächste Katarina Witt.
Andreas Wagner hat selbst nie zum Salchow angesetzt, den Rittberger probiert oder einen Toeloop gestanden. Trotzdem ist er nun in ein Amt hineingeschlittert, in dem es gilt, die eine oder andere gekonnte Pirouette zu drehen. Der frühere SWR-Journalist aus Stuttgart ist nicht nur neuer Präsident der Deutschen Eislauf-Union (DEU) – er hat sich auch auf glattes Parkett begeben.
Schließlich plagen die DEU (166 Vereine, 17 359 Mitglieder) ähnliche Sorgen wie andere kleine Verbände. Finanziell könnte es besser laufen, sportlich sowieso. Die Coronakrise kostete Substanz, nun bedroht die Energiekrise die Sportstätten. Und dazu gibt es auch noch hausgemachte Probleme. Erst fehlte es an Elan, dann ging es bei der Wahl des neuen Präsidiums plötzlich hoch her. „Da haben sich tiefe Gräben aufgetan, es wurden alte Rechnungen beglichen“, sagt Andreas Wagner, „umso wichtiger ist es jetzt, wieder Ruhe reinzubringen. Das ist für jemanden, der von außen kommt, sicher etwas einfacher.“ Also für einen wie ihn.
Andreas Wagner hat früher Fußball gespielt, ist Fan des VfB Stuttgart. Er absolvierte etliche Marathons, fuhr mehrmals mit dem Mountainbike über die Alpen. Und begeisterte sich auch für Sportarten, die er nicht selbst betrieben hat. Zum Beispiel für Eiskunstlauf, eine „faszinierende Kombination aus Ästhetik und Athletik“. Mit der er irgendwann dann doch in Berührung kam. Seine Frau Monika Wagner-Kutinová, eine Tschechin, die er 1994 kennenlernte, stammt aus einer Eiskunstlauffamilie. Sie blieb dem Sport nach ihrer Karriere als Trainerin, im Lehrwesen und als Wertungsrichterin auf höchster Ebene treu. Andreas Wagner hat sie immer wieder zu Wettbewerben begleitet, einen Einblick in die Szene erhalten, viele Leute kennengelernt, interessante Gespräche geführt, eine emotionale Bindung aufgebaut. Und selbst Spuren hinterlassen. Als eine Findungskommission nach neuem Führungspersonal für die DEU suchte, stand der Name Andreas Wagner ziemlich weit oben.
Der frühere Abteilungsleiter Sport Hörfunk des SWR, der sich seit Juni in der Passivphase der Altersteilzeit befindet, stellte sich denn auch zur Wahl – als Vizepräsident in einem Trio mit Stefan Steinmetz und Udo Dönsdorf. Zugleich trat ein weiteres, wesentlich jünger besetztes Dreierteam um Medizinerin Larissa Vetter an. Dieter Hillebrand (80), der nach 16 Jahren an der Spitze abtrat, sprach eine Wahlempfehlung für die Gruppe um seinen langjährigen, allerdings umstrittenen Sportdirektor Udo Dönsdorf aus, verfehlte damit jedoch sein Ziel.
Steinmetz und Dönsdorf fielen durch, der zum Vizepräsidenten gewählte Wagner konnte sich eine Zusammenarbeit mit Vetter nicht vorstellen („Ich war überzeugt, dass dies nicht funktioniert“). Letztlich nahmen beide die Wahl nicht an. Zugleich, erklärt Wagner, sei er von mehreren Landesverbänden gefragt worden, ob er als Präsident zur Verfügung stehe. „Das war nie mein Plan“, sagt er, „aber ich habe die Verantwortung empfunden, meine Stärken einzubringen.“
Einen Monat später wurde Andreas Wagner zusammen mit den Vizepräsidenten Daniel Hermann, einem früheren Eistänzer, und Thomas Rücker, dem Chef des Landesverbandes Rheinland-Pfalz, ohne Gegenstimme gewählt. Was das Trio im Gefühl bestärkte, nicht etwa dünnes Eis betreten zu haben. „Im alten Präsidium haben sich die Leute öfter mal nicht so gut verstanden. Wir harmonieren hervorragend, und wir wussten genau, was auf uns zukommt“, sagt Wagner, „nun müssen wir den Vertrauensvorschuss, den wir erhalten haben, auch rechtfertigen.“
In den ersten drei Wochen war der neue DEU-Chef deshalb ziemlich viel unterwegs, zuletzt beim Eisemann-Pokal des TEC Waldau Stuttgart. Ihm ist es wichtig, sich mit den Leuten an der Basis auszutauschen, ihre Sorgen und Nöte kennenzulernen – neben all den anderen Zielen, die er hat. Wagner will eine hauptamtliche Geschäftsführung installieren, dem Verband zu mehr Präsenz in der Öffentlichkeit verhelfen („Der Präsident gibt jetzt auch Interviews“), in die PR-Arbeit auch ehemalige Eiskunstlaufgrößen einbinden, neue Sponsoren suchen, endlich mal wieder ein Großereignis ausrichten (das letzte war die WM 2004). Die Agenda ist lang. Und der Sport kommt ja noch hinzu.
Der Olympiasieg von Aljona Sawtschenko und Bruno Massot liegt bald fünf Jahre zurück, und es ist niemand in Sicht, der eine ähnliche Perspektive hätte. „Wir haben uns technisch nicht so weiterentwickelt wie andere Nationen. In den Einzeldisziplinen sieht es nicht gut aus, im Paarlauf und Eistanz können wir dagegen mittelfristig wieder erfolgreich sein“, sagt Andreas Wagner und skizziert das größte Problem: Die meisten aktiven Mitglieder hat die DEU im Alter zwischen sieben und 14 Jahren, danach folgt ein Bruch. „Wir benötigen eine breitere Basis. Ein Aushängeschild würde sehr helfen – wir bräuchten eine neue Katarina Witt.“
Allein diese Aussage zeigt, dass dem DEU-Präsidenten die Arbeit so schnell nicht ausgehen wird. Andere Hobbys? Kann er in nächster Zeit getrost auf Eis legen.