Was tut man nicht alles für die Oper. Landauf, landab werden für Millionen- und auch mal Milliardenbeträge betagte Kulturpaläste renoviert. Dass das trotz aller Sparzwänge und Zukunftsängste von vielen Menschen für eine Notwendigkeit gehalten wird, hat viel mit geschichtlichen Verwurzelungen zu tun. Es ist aber auch einem Filmemacher zu verdanken, der am 5. September vor 80 Jahren in München zur Welt kam und dessen Bilder sich tief ins deutsche Gedächtnis eingegraben haben: Werner Herzog.
Im März 1982 kam Herzogs Spielfilm „Fitzcarraldo“ in die Kinos, die Geschichte eines größenwahnsinnigen Musikliebhabers namens Brian Sweeney Fitzgerald, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts vornimmt, in einem unzugänglichen Provinzflecken Perus ein Opernhaus zu errichten und dort den Weltstar Enrico Caruso singen zu lassen. Für dieses Irrsinnsprojekt muss der von den Indigenen Fitzcarraldo Genannte eine weitere Herausforderung meistern: Er muss ein großes Schiff dort hinbringen, wo schiffbare Wasserwege nicht hinführen. Also lässt er es mitten im Urwald in tödlicher Schufterei einen Berg hinaufziehen. Herzog hat da der sonst gern mal ritualverliebten Hochkultur ihre wildeste Liebeserklärung geliefert: Alles sei sie wert, jauchzt Fitzcarraldo, das eigene Vermögen und das Leben.
Man muss nicht alles wissen
Aber dieser Film ist weit mehr als eine frühe Rechtfertigung sparzwangbefreiter Opernausgaben. Das Schiff, das über einen Berg gezogen wird, hat der Filmemacher selbst erkannt, sei eine wichtige Metapher – er wisse nur nicht, wofür. Das ist ein oft zitierter Satz, einer der wichtigsten zur Steuerbarkeit und Wirkungsweise von Film überhaupt.
In „Fitzcarraldo“, der wie wenige Werke des deutschen Kinos internationale Beachtung fand, gewinnen die großen Themen des Autorenfilmers ihre einprägsamste Form: Träumerei und Außenseitertum. Ob Herzog 1974 in „Jeder für sich und Gott gegen alle“ vom ohne jede Zuwendung aufgewachsenen Findelkind Kaspar Hauser erzählt, 1976 in „Herz aus Glas“ von einem Seher im 19. Jahrhundert, dem schon die apokalyptischen Schrecken des 20. Jahrhunderts vor Augen stehen, oder 1979 in „Nosferatu“ vom Blutsaugermonstrum, das an seiner Einsamkeit leidet, Herzog erkundet das Leben am Rande, das ganz anders ist als das jener, die brav in Rillen und Mulden der Gesellschaft passen.
Bösewicht bei „Star Wars“
Dass der in den USA Lebende mit 80 Jahren noch aktiv ist, dass ihn eine ganz junge Generation als Darsteller einer faszinierenden Bösewichtfigur aus Disneys Serie „The Mandalorian“ aus dem „Star Wars“-Universum kennt, das ist die wunderbare Ad-absurdum-Führung der Fix-und-fertig-Zuweisung, Herzog sei ein wichtiger Vertreter des Jungen Deutschen Films. Je länger das politische Rumpeln sowie das verbaltaktische Ringen um Finanzierung der Bewegung her sind, desto klarer wird, wie wenig die Macher miteinander gemein hatten, Schlöndorff, Fassbinder, Kluge und eben Herzog etwa.
In seiner gerade erschienenen Autobiografie, die sich ihren Titel „Jeder für sich und Gott gegen alle“ vom Kaspar-Hauser-Film leiht, macht Herzog noch einmal klar, wie sehr ihn seine Kindheit im oberbayerischen Dörflein Sachrang geprägt hat. Trotz Abitur und Studium sieht sich der filmische Autodidakt als Landjunge mit ganz anderer Perspektive, mit Blick auf elementare Erfahrungen und Gewalten.
Wege abseits des Popcornkinos
Im rabiat exzentrischen Klaus Kinski, der in einigen seiner Filme, auch in „Fitzcarraldo“, die Hauptrolle übernahm, hatte Herzog die Idealfigur des Außenseiters gefunden, in der das Destruktive spektakulär mit angelegt war. Gerade in Deutschland, wo man tragische Untergänge mag, haben einige mit Herzog darum 1987 abgeschlossen, als die letzte, halb misslungene Kinski-Kooperation „Cobra Verde“ an den Start ging. Von vielen wird übersehen, dass gerade in den USA Herzogs Stern da erst richtig aufging, dass er dort als Weiser gilt, als Leitfigur junger Filmemacher, die nach einem Weg abseits des Bedienens einer von visionsloser Marktforschung geformten Amüsiermaschine suchen.
Dafür sind vor allem auch Herzogs Dokumentarfilme verantwortlich, Porträts von Visionären, Sonderlingen und Traumverwirklichern, Filme wie „The White Diamond“ (2004), „Grizzly Man“ (2005) und „Begegnungen am Ende der Welt“ (2007), aber auch „Lektionen in Finsternis“ (1992), in dem Herzog der kollektiven Weltvernichtungssehnsucht der Menschheit nachspürt, mithilfe von Bildern der verwüsteten Ölfelder in Kuwait nach dem Golfkrieg. Herzog folgt wahren Geschichten über die Grenze zum Fabulieren hinaus. Er mischt eigene Erfindungen und Färbungen mit ein und macht sie im Einzelnen nicht kenntlich. Dafür lässt er im Ganzen spüren, dass er erzählt, was ihm wichtig scheint, nicht das, was sich exakt so aus Dokumenten zusammensetzen lässt.
Wer von Herzog fasziniert ist, sieht da keine Hybris am Werk, sondern den Willen, die Wirklichkeit dort zu stützen, wo sie momentan Gefahr läuft, ins Kleinliche abzugleiten. Mit 80 Jahren, mitten in einer Krisenzeit, strahlt Herzog den Willen aus, großen Ideen zu folgen, zur Not über Berge. Schlimmstenfalls wartet da ein würdigerer Untergang als jener im Stillstand.
Werner Herzog
Karriere
Der am 5. September 1942 geborene Werner Herzog hatte seit seinem ersten Kurzfilm von 1962 schon etliche Werke gedreht, als ihm 1972 mit „Aguirre, der Zorn Gottes“ mit Klaus Kinski als meuterndem Konquistador der Durchbruch gelang. Seine Werke standen seitdem oft im Wettbewerb renommierter Festivals.
Autobiografie
Man darf kein geradeaus erzähltes Buch erwarten, schon gar keine Tipps und Tricks zum Filmedrehen. In seinen Lebenserinnerungen mixt Herzog Anekdoten, Reflexionen, Gefühlszustände zum Beleg, dass in seinem Leben das Ungeheuerliche schon immer da war, dass er später mit der Kamera suchte, was ihm längst vertraut war: das Besondere. „Jeder für sich und Gott gegen alle“. Hanser-Verlag, 353 Seiten, 28 Euro.