Deutsche Meisterschaft der Maskenbildner Ein Monster in exakt 90 Minuten

2015 ging es bei dem Wettbewerb um Aliens, dieses Jahr will die Jury Monster sehen. Foto: Messe Düsseldorf/Constanze Tillmann

Wer erschafft das gruseligste Gesicht? Am Sonntag kämpft der Maskenbildner-Nachwuchs um die deutsche Meisterschaft. Mit dabei: Jennifer Wehrli, die in Waldshut-Tiengen die Kunst der Verwandlung lernt.

Waldshut-Tiengen - Jennifer Wehrli drückt den Knopf der Stoppuhr. 15.21 Uhr. Fertig. „Na, bin ich hübsch?“, fragt eine Gestalt mit zierlicher Stimme, die an einen Untoten aus „The Walking Dead“ erinnert. Das einäugige Wesen späht von einem Sessel mit kreideweißer Pupille zu seiner Schöpferin hinauf. Jennifer Wehrli geht drei Schritte zurück, verzieht die Lippen, atmet hörbar aus. „Nein, und bis zum Wettbewerb musst du noch scheußlicher werden!“

 

Die 20-Jährige bereitet sich auf die deutsche Meisterschaft für Maskenbildner-Lehrlinge vor, die am Sonntag in Düsseldorf stattfindet. Nach Aliens im Jahr 2015 und Märchenfiguren 2016 lautet das diesjährige Motto: Monster. Jennifer Wehrli hat sich mit einer Zombie-Skizze beworben. Laut Reglement darf keine der Wettbewerbsmasken vor Beginn der Meisterschaft öffentlich gezeigt werden. Aber beschreiben ist erlaubt: Anstelle des zweiten Augapfels fault ein dunkles Loch, aus dessen Mitte sich Narben über das restliche Gesicht schlingen. Blut trieft aus der verwesten Haut. „Realistische Wunden und Narben sind schon immer meine Lieblingsaufgabe gewesen“, sagt Jennifer Wehrli.

Haarige Zehen und abgehackte Hände

Als sie ihre Zombie-Verwandlung beginnt, ist es 13.45 Uhr. Jennifer und ihr Model Laura sitzen im Atelier der IMC Maskenbildner-Schule in Waldshut-Tiengen. Ein Horrorkabinett mit schaurig-schönen Köpfen an den Wänden. Haarige Zehen einer „Herr der Ringe“-Figur ragen über den Rand der Mikrowelle, die Schüler zum Erwärmen von Essen und von Industriegelatine für künstliche Nasen nutzen. Zwei abgehackte Hände baumeln von der Neonlampe, deren Licht in die ausgehöhlten Augen der Totenköpfe im obersten Regal scheint. Während die meisten Maskenbildner als Erstes eine Mann-Frau-Verwandlung lernen, war es bei Jennifer Wehrli der Totenkopf.

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Sie zieht das Karohemd über dem T-Shirt aus. Ihr Markenzeichen, eine rote Beanie, behält sie auf. „Bisch ready?“, fragt sie ihre Freundin und beginnt, Lauras Gesicht mit Mastix einzupinseln. Der Kleber lässt ihren dunklen Teint, die dichten Augenbrauen und ein lidschattengefärbtes Auge langsam hinter einer weißen Maske aus Schaumstoff verschwinden. „Ihr Gesicht wird nun zu meiner Leinwand“, sagt Jennifer Wehrli und grinst.

Die übliche Maskenbildner-Ausbildung dauert in Deutschland drei Jahre und erfolgt dual oder schulisch. Es gibt vier Berufsschulen in Hamburg, Berlin, Köln und Baden-Baden. Einen Studiengang zum Maskenbildner bieten die Hochschule für Bildende Kunst in Bremen und die Bayerische Theaterakademie in München an. Mit der privaten Maskenbildnerschule hat Jennifer Wehrli einen Sonderweg gewählt. 20 Schüler werden hier in zwei Semestern von dem international bekannten Maskenbildner und Schulleiter Klaus Börrnert sowie zwei Assistenten unterrichtet. Einen Eignungstest zu Beginn gibt es nicht. Für Börrnert zählt allein der Wille, den Beruf zu erlernen.

Als Mädchen spielte sie zwar in einer Theatergruppe, doch beruflich wollte Jennifer Wehrli nie selbst auf einer Bühne oder einer Leinwand zu sehen sein. Schon in der Kindheit schaute sie lieber das Backstagevideo als den eigentlichen Film. „Das Leben hinter dem Vorhang hat mich schon immer mehr interessiert“, sagt sie. Etwas noch nie Dagewesenes schaffen zu können, fasziniert sie: Sie schminkt, frisiert, fertigt plastische Körper und Gesichter. Jede Maske ist ein Unikat.

Für die Jury zählt Sorgfalt

Bei Laura reicht der Schaumstoff nicht aus, um ihre volle Lippen ganz zu überdecken. Jennifer hilft nach und zieht und drückt und schiebt. Im Vorfeld habe die Zeit nicht gereicht, um Lauras Gesicht einzugipsen und eine individuelle Maske zu modellieren, sagt Jennifer. Deshalb verwendet sie nun eine fertige Zombie-Maske aus der Schule als Grundlage und hofft, dass sich die Ränder vor den Preisrichtern verstecken lassen. Die vierköpfige Jury aus internationalen Maskenbildnern achte ja nicht nur auf das Endergebnis, sagt Jennifer Wehrli, sondern bewerte die Kandidaten auch nach ihrer Ausführung und der Sorgfalt, die in der Maske steckt.

Ihre Chancen beim Wettbewerb kann sie nicht einschätzen. „Mein Monster wird ganz anders als die anderen sein“, sagt sie. Ihre sieben Meisterschaftskonkurrenten arbeiten alle im Theaterbereich, die Schule von Klaus Börrnert ist jedoch seit 26 Jahren auf Film spezialisiert. Der Unterschied? „Beim Film muss alles detailliert und realistisch aussehen, beim Theater sind die Effekte größer und gröber, da die Schauspieler ja aus der Ferne betrachtet werden“, sagt Jennifer Wehrli und nimmt einen schwarzen Schlauch in die Hand. Die Airbrush-Maschine startet mit einem dumpfen Geräusch. Laura hält die Luft an, während Jennifer blutrote Farbe um ihre Mundwinkel sprayt. Die Schlitze der Maske füllt sie mit schwarzer Farbe auf, sodass sich die Haut des Monsters nach und nach vernarbt.

Jennifer Wehrli ist zufrieden. Sie war sich nicht ganz sicher, wie die Farben wirken. Airbrush-Farben auf Wasserbasis sind die günstigste Variante. Sie muss aufs Geld achten, denn die Kosten für den Wettbewerb, schätzungsweise 600 Euro, trägt sie aus eigener Kasse. Um die Ausgaben zu decken, sollte sie mindestens Zweite werden. Dafür gibt es 750, für die Siegermaske 1000 Euro.

Die teuren Materialien erklären auch die hohe Ausbildungsgebühr von 17 000 Euro. Da Jennifer von ihrer Heimatstadt Schaffhausen nach Waldshut-Tiengen pendelt, hat sie keinen Anspruch auf Schweizer Bafög.

Borsten ums Maul

Auch deswegen sah Jennifers Mutter die Berufspläne ihrer Tochter zunächst mit Skepsis. Vor allem, als sie sich trotz ihres sehr guten Fachabiturs auch noch überlegte, vorher eine Lehre zur Kosmetikerin zu machen. Eine Vorbildung als Kosmetikerin oder Friseurin ist bei Maskenbildnern nicht selten und kann vor allem im Theaterbereich Vorteile verschaffen. Jennifer entschied sich dagegen, da sie die Filmbranche ohnehin mehr reizt. Die kurze Dauer der Ausbildung bei der IMC beruhigte die Mutter schließlich. So investierte Jennifer Wehrli trotz eher trüben Berufsaussichten das Erbe ihres früh verstorbenen Vaters.

Etwa 1900 Maskenbildner arbeiten an deutschen Theatern, Filmsets oder Opernhäusern. „Das ist eine geschlossene Gesellschaft“, sagt Jennifer Wehrli, die sich keine große Hoffnungen macht, gleich eine Festanstellung zu finden. „Ich werde wohl mit Studentenprojekten Referenzen sammeln müssen und dann anfangen, mich selbst zu vermarkten.“

In dem einen Jahr Maskenbildnerschule habe sie viel gelernt, sagt Jennifer. Auf den Totenkopf folgte eine Modellation nach Fotovorlage. Jennifer suchte nach etwas „Süß-Hässlichem“ und fand ein „Katzenmonster“, dessen faltige Haut an einen Nacktmull erinnert. Nur um das Maul sprießen schwarze Borsten. Das breite Grinsen gibt den Blick auf verfaulte Zähne frei, und die strahlend blauen Augen werden von einer dunklen Hautschicht überlappt. Die Katzenskultpur steht im Atelier neben Neyitir aus „Avatar“, dem Yoda aus „Star Wars“ und Kapitän Davy Jones aus „Der Fluch der Karibik“. Und neben ihnen Monster an Monster an Monster. Beim Blick durch den Raum laufen Filmtrailer vor dem inneren Auge.

Noch ein bisschen Kunstblut

Jennifer Wehrli tänzelt um ihr Model herum, geht in Distanz zu ihrem Werk, um Mängel bei den Proportionen besser zu sehen, überlegt immer wieder, was fehlt. Um 15:01 Uhr ist es Kunstblut. Mit einem vollgesaugten Wattestäbchen tupft sie Lauras Gesicht wund. Dann die letzten Schritte, künstliche Kontaktlinse und schwarze Perücke.

Jennifer Wehrli begutachtet ihr Werk. „Ich habe immer wieder Glücksgefühle, wenn ich vor einer Verwandlung stehe, die ich mit meinen Händen erschaffen habe“, sagt sie und tritt ein letztes Mal zwei Schritte zurück. Sie runzelt die Stirn und zählt mit den Fingern auf, was für die Meisterschaft noch fehlt: falsche Zähne, eine passende Perücke und ein Kostüm. 15.21 Uhr zeigt die Stoppuhr. Sechs Minuten überzogen. Am Sonntag muss das Monster nach exakt 90 Minuten fertig sein.

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