Deutsche Nationalmannschaft Julian Nagelsmann lässt die deutschen Tugenden aufleben

Der Bundestrainer Julian Nagelsmann strukturiert die deutsche Nationalmannschaft neu. Foto: IMAGO/Eibner

Für den Bundestrainer und sein Team geht es in die WM-Qualifikation. Dabei soll es mit alten Stärken am Ende neuen Ruhm geben.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Seine eigenen Worte holen Julian Nagelsmann immer wieder ein. „Ein goldener Pokal wäre auch ganz schön.“ Ausgesprochen in einem Moment der Enttäuschung. Als der Nationalmannschaft die silberne Trophäe bei der Heim-EM im vergangenen Jahr bereits im Viertelfinale gegen den späteren Europameister Spanien dramatisch aus den Händen geglitten war. Da schon machte der Bundestrainer klar, dass nun die WM-Mission 2026 starte – mit nur einem Ziel: dem Titelgewinn.

 

Seither muss sich Nagelsmann ständig erklären. Zuletzt vor dem Beginn der WM-Qualifikation, die mit den Spielen an diesem Donnerstag (20.45 Uhr/ARD) in der Slowakei und am Sonntag (20.45 Uhr/RTL) in Köln gegen Nordirland für die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) losgeht. „Ich finde, das Ziel auszurufen, dass wir Weltmeister werden wollen, ist jetzt nicht arrogant oder nicht demütig genug, sondern ich glaube, das ist ganz normal“, sagt der Bundestrainer zu den Ambitionen.

Christian Streich bestätigt den Bundestrainer

Um seine Einschätzung zu bestätigen, hat er einen Kronzeugen aufgerufen: Christian Streich. Der langjährige Freiburger Trainer, für Nagelsmann die fleischgewordene Bodenständigkeit, saß kürzlich während des internationalen Trainerkongresses in Leipzig neben ihm, und als die Sprache einmal mehr auf die wagemutige Ankündigung für das Mammutturnier in den USA, Kanada und Mexiko kam, da bestätigte Streich den „American Dream“ des nach wie vor jungen Coaches: „Was sonst?“

Auch die Nationalspieler sind eingeschworen. „Natürlich sollten wir uns die höchst möglichen Ziele setzen und jeder träumt davon, Weltmeister zu werden. Ich glaube auch, dass wir mit den besten Teams mithalten können“, sagt Maximilian Mittelstädt vom VfB Stuttgart. Ein Überstehen der WM-Vorrunde genügt nicht den Ansprüchen, denn Nagelsmann denkt groß. Trotz der Ernüchterung im vergangenen Juni beim Finalturnier der Nations League mit den Niederlagen gegen Portugal (1:2) und Frankreich (0:2). Dabei offenbarte sich der Abstand zur Weltspitze, vor allem wenn die DFB-Elf nicht in Bestbesetzung antreten kann. Die anderen Topnationen verfügen über mehr Alternativen für sämtliche Positionen und über klare Abläufe auf dem Feld .

Doch besseres Personal lässt sich nicht aus dem Hut zaubern. Aus diesem Grund hat sich Nagelsmann mit seinem Trainerstab auf eine Edelhütte in den Bergen zurückgezogen und die eigene Strategie überarbeitet. Getrieben ist der Ansatz von der Sehnsucht nach Stabilität. Im Allgäu ist dann ein neues Defensivkonzept entstanden – samt deutlicher Botschaft an die Spieler. „Das ist jetzt schon eine extrem wichtige Zeit“, bestätigt Mittelstädt, „wir wollen uns direkt ein gutes Gefühl in der WM-Qualifikation holen, um dann gestärkt in das Turnier zu gehen.“

Wenn man so will, sollen die „deutschen Tugenden“ wieder aufleben. Starke Defensive, hart arbeitend, nie aufgebend – ein Bollwerk voller Widerstandskraft für die Gegner verbunden mit der Selbstsicherheit aus frischen Siegen. „Der deutsche Fußball stand schon immer für Stabilität“, sagt Nagelsmann und mahnt: „Wir dürfen nicht den Fehler machen, Spanien 2.0 sein zu wollen.“ Stattdessen will er über die alten Stärken zu neuem Offensivschwung kommen.

Ein Deutschland 2.0 will der Bundestrainer formen und erinnert an die sogenannte „Ochsenabwehr“ von 2014. Vier Innenverteidiger bildeten auf dem Weg zum WM-Triumph in Brasilien die Abwehrkette. Jerome Boateng, Per Mertesacker, Mats Hummels, Benedikt Höwedes. Drei von ihnen (Boateng, Hummels, Höwedes) standen im Endspiel gegen Argentinien in der Startelf.

Ein ähnliches Konstrukt schwebt Nagelsmann nun vor, wenn auch taktisch angepasst und mit Schienenspielern wie Mittelstädt. Wobei der aktuelle Bundestrainer genau wie einst Joachim Löw in erster Linie das Zentrum davor im Blick hat – mit Joshua Kimmich, der vom Rechtsverteidiger wieder zum Mittelfeldspieler wird. Der Kapitän soll dem deutschen Spiel mehr Struktur und Stabilität verleihen. Auch, weil er es beim FC Bayern München dauerhaft und gekonnt tut. Und weil Kimmich jenseits seiner Spielintelligenz die traditionellen Werte verkörpert wie kein anderer im DFB-Kader.

Gibt es eine neue Ochsenabwehr?

Kimmich ist selbst kein Künstler, aber einer, der im Verbund mit einer robusten Defensive den Rahmen für freie Offensivgeister wie Florian Wirtz schafft. Gleich jetzt, wie Nagelsmann einfordert: „Wir sind Favorit in dieser Gruppe“, sagt er über die Qualifikationsgruppe A mit dem weiteren Gegner Luxemburg: „Es ist unser Anspruch, dass wir mit einer guten Dominanz durchgehen, dass wir keine Zweifel innerhalb der Spiele aufkommen lassen.“ Auch das sind klare Worte, an denen sich der Bundestrainer bald schon messen lassen muss.

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