Deutsche Nationalmannschaft Sieben Meilensteine einer großen Reise

Der Anfang eines unglaublichen Torreigens: Thomas Müller dreht nach dem 1:0 gegen Brasilien jubelnd ab. Am Ende heißt es im WM-Halbfinale von 2014 dann 7:1. Foto: IMAGO/Offside Sports Photography/IMAGO/Marc Atkins

Seit 115 Jahren trägt der DFB Länderspiele aus – an diesem Montag steht in Bremen die 1000. Partie gegen die Ukraine an. Anlass genug, auf besondere Begegnungen zu blicken.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Die Auswahl der besten deutschen Fußballer ergibt nicht nur eine Mannschaft – sie bildet eine Institution. In 115 Jahren hat sie nun in bald 1000 Länderspielen viele Geschichten geschrieben. Tore, Triumphe, Tragik – das alles verbindet die Nation mit der Elf des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Doch nicht nur die 578 Siege bei 214 Niederlagen und 207 Unentschieden sowie vier Weltmeister- und drei Europameistertitel sind es, die ein besonderes Bild prägen. Die Nationalmannschaft ist mehr, als all die beeindruckenden Zahlen belegen können.

 

In ihren besten Momenten hat das DFB-Team die Bevölkerung vereint. Es gibt sogar Historiker, die meinen, es sei wie 1954 sinnstiftend gewesen. Auf jeden Fall ist die Nationalmannschaft immer auch ein Spiegel ihrer Zeit gewesen. Die Spieler fungieren als Botschafter in kurzen Hosen. Sie repräsentieren eine Gesellschaft und tragen das Bild einer Nation in die Welt. Nun geht es im Jubiläumsspiel an diesem Montag (18 Uhr/ZDF) in Bremen gegen die Ukraine – eine symbolträchtige Begegnung für den Frieden und Anlass genug, auf sieben Meilensteine zu schauen.

Das erste Länderspiel

5. April 1908 Die Geschichte der deutschen Nationalmannschaft beginnt mit einem Länderspiel in der Schweiz. Es sind andere Zeiten, und die Umstände erscheinen heute kurios. Es gibt keinen Bundestrainer, und die Nationalspieler erfahren teilweise aus der Zeitung von ihrer Nominierung. Auch die Zusammenstellung der DFB-Elf ist einmalig. Sie folgt einem Proporz, den die Landesverbände nach heftigem Streit beschließen.

So darf der kleine Berliner Verband nur den Torhüter benennen, der Mitteldeutsche stellt die Abwehr, der Süddeutsche bildet fast die komplette Sturmreihe. Die Spieler lernen sich zum Teil auf der Zugfahrt nach Basel kennen und siezen sich zunächst. Eine Mannschaftsbesprechung soll es vor der Begegnung mit den Eidgenossen auch nicht gegeben haben. Überliefert sind die Anstoßzeit (15.10 Uhr) und das Ergebnis (3:5). Das erste deutsche Länderspieltor erzielt Fritz Becker.

Der höchste Sieg

1. Juli 1912 Erstmals nimmt die deutsche Nationalmannschaft am olympischen Turnier teil. Im zweiten Spiel trifft sie in Stockholm auf Russland. 600 Zuschauer wollen sich die Begegnung nicht entgehen lassen. Das Kommen lohnt sich, denn am Ende steht der Rekordsieg der DFB-Auswahl. 16:0 gewinnt sie das Spiel in Schweden. Gottfried Fuchs gelingen dabei zehn Tore, auch das bis heute eine Bestmarke.

Wie so oft in dieser Anfangszeit umrankt eine Legende die Begegnung. Es soll ein rauschendes Schiffsbankett gegeben haben, bei dem sich Spieler beider Teams vergnügten. Es wurden Kaviar und Krimsekt gereicht, zudem floss Wodka in Strömen. Ungeklärt ist nach wie vor, ob vor oder nach der Partie gefeiert wurde. Die höchste Niederlage kassierte das DFB-Team übrigens drei Jahre zuvor in England – 0:9.

Der Neustart

22. November 1950 Dieses Datum dokumentiert einen Neuanfang. Es ist das erste Länderspiel nach dem Zweiten Weltkrieg, der 1945 geendet hatte. Insgesamt acht Jahre lang ist der Ball nicht gerollt und der DFB zuletzt aus dem Weltverband Fifa ausgeschlossen worden. Nun beendet eine Begegnung mit der Schweiz den Bann – in Stuttgart. Das Neckarstadion ist überfüllt. Offiziell bietet es 80 000 Zuschauern Platz, doch es sollen weit mehr als 100 000 Menschen gekommen sein. Auf den Rängen herrscht Chaos.

Dennoch stellt das 1:0 durch das Elfmetertor von Herbert Burdenski einen der am meisten umjubelten Siege dar. Als Prämie gibt es für die Nationalspieler 100 Mark und eine Schweizer Uhr. Und diese Partie ist nicht nur das erste Länderspiel des legendären Sepp Herberger als Bundestrainer, sondern auch der Start einer Epoche großer Erfolge.

Das Fußballwunder

4. Juli 1954 Das Wunder von Bern – der 3:2-Sieg im Finale der Weltmeisterschaft gegen die als unschlagbar geltenden Ungarn. Die Mannschaft um den Kapitän Fritz Walter wird noch heute verehrt. Und wohl keine Radioreportage wird so oft eingespielt wie Herbert Zimmermanns Sternstunde am Mikrofon, als er treffend erkennt: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt . . .“ Und wie!

Der Treffer des Esseners ist wie die Geburtsstunde der jungen Bundesrepublik. Die Nationalspieler werden bei der Rückkehr von einer begeisterten Bevölkerung frenetisch gefeiert, bleiben jedoch bodenständig – als Tankstellenbetreiber und Kinobesitzer. Auf der Beliebtheit dieser Spielergeneration fußt die Bedeutung der Nationalmannschaft. Weder die Weltmeister von 1974 noch 1990 oder 2014 schaffen ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl wie die Helden von Bern.

Das Jahrhundertspiel

17. Juni 1970 Das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Italien ist verewigt. Auf einer Gedenktafel am Aztekenstadion von Mexiko-Stadt steht: „El partido del siglo“. Das Jahrhundertspiel. Triumph und Tragik des Fußballs auf eine Partie verdichtet. In Erinnerung bleibt, wie der an der Schulter verletzte Franz Beckenbauer sein Team mit Ehrgeiz und Eleganz nach vorne treibt. Wie Karl-Heinz Schnellinger kurz vor Schluss zum 1:1 trifft. „Ausgerechnet Schnellinger, werden die Italiener sagen“, kommentiert der Fernsehreporter Ernst Huberty.

Der Abwehrspieler, der an vier Weltmeisterschaften teilnimmt und nur ein Länderspieltor erzielt, verteidigt seit Jahren für den AC Mailand. Durch das Tor nimmt das Drama in der Verlängerung bei 40 Grad Hitze seinen weiteren Verlauf. Zwei Tore von Gerd Müller reichen nicht. Italien gewinnt durch Gianni Rivera mit 4:3 (111.). Doch auch die Verlierer dürfen sich als Sieger fühlen.

Das Bruderduell

11. Juni 1974 Sportlich geht es um nichts mehr in Hamburg, aber die Begegnung ist politisch aufgeladen wie selten zuvor oder danach. Die BRD und die DDR treffen aufeinander. Erstmals, in einem WM-Gruppenspiel. Ein Klassenkampf unter Brüdern, die durch eine Mauer jahrelang getrennt sind. Beide Mannschaften haben sich bereits für die nächste Runde qualifiziert, und es entwickelt sich keine besonders ansehnliche Partie.

In Erinnerung bleibt jedoch das Bild, wie Jürgen Sparwasser das 1:0 für die DDR erzielt und mit ausgebreiteten Armen jubelnd abdreht. Der Magdeburger entscheidet das Prestigeduell, wofür ihm der damalige Kapitän der DFB-Elf noch bis heute dankbar ist. „Sein Tor hat uns aufgeweckt, sonst wären wir nicht Weltmeister geworden“, sagt Franz Beckenbauer, der wenig später nach dem 2:1 in München gegen die Niederlande den WM-Pokal in den Himmel streckt.

Das sagenhafte Halbfinale

8. Juli 2014 Wie soll man beschreiben, was im Grunde nicht zu fassen ist. In Belo Horizonte wird das WM-Halbfinale zwischen den Fußballgiganten Brasilien und Deutschland ausgetragen. Die Spannung ist groß, und am Ende steht ein sagenhaftes 7:1 für die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw.

Eine gespenstische Stille legt sich über das Stadion, als die DFB-Elf innerhalb von sechs Minuten von 2:0 auf 5:0 davonzieht. Fassungslose Brasilianer, viele tränenüberströmt, können ebenso wenig glauben wie die staunenden Deutschen, was sie erleben. Ein einmaliges Spiel, in dem sich die deutschen Nationalspieler als perfekte Botschafter ihres Landes zeigen. Philipp Lahm und Co., die sich wenig später zu Weltmeistern krönen, haben es nicht nötig, die Südamerikaner weiter zu demütigen. Nicht zuletzt deshalb stehen viele Brasilianer bei der Rückkehr ins Mannschaftsquartier Spalier und applaudieren.

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