Deutscher Handballbund So fiebern Sebastian Heymann und Xenia Smits Paris entgegen

Beide spielen im Rückraum, tragen die Rückennummer 11 und sind bei den Olympischen Spielen für Deutschland am Ball: Sebastian Heymann und Xenia Smits Foto: imago/Steinbrenner

Erstmals seit 2008 sind wieder zwei Teams des Deutschen Handballbundes (DHB) bei Olympischen Spielen am Start. Sebastian Heymann und Xenia Smits sprechen vor der Generalprobe in Stuttgart über ihre Ambitionen.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Mit einem Länderspiel-Doppelpack am Freitag (Männer 17.15 Uhr, Frauen ab 19.45 Uhr/jeweils gegen Ungarn) und Sonntag (Frauen 15 Uhr gegen Brasilien, Männer 17.30 Uhr gegen Japan) in der Stuttgarter Porsche-Arena stimmen sich die Nationalteams des Deutschen Handballbundes (DHB) auf die Olympischen Spiele ein. Wir haben uns mit Sebastian Heymann (Rhein-Neckar Löwen/zuvor Frisch Auf Göppingen) und Xenia Smits (HB Ludwigsburg) unterhalten. Beide verbindet der Bezug zur Region, ihre Position im Rückraum, ihre Abwehrstärke und die Rückennummer 11.

 

Wie finden Sie die Idee, diese Länderspiel-Doppelpacks zu veranstalten?

Heymann Ich halte dies für eine sehr charmante Idee. Solch ein Doppelpack wie zuletzt in Dortmund und nun in Stuttgart hat etwas von einem riesigen Handballfest.

Smits Das finde ich auch, und vor allem freut es mich, dass beide Teams zu den Olympischen Spielen fahren. Das gibt es nicht oft, dass man das Vergnügen hat, mit der Männer-Nationalmannschaft unterwegs zu sein und gemeinsam an solch einem Turnier teilzunehmen.

Welchen Bezug zum Handball des anderen Geschlechts haben Sie?

Heymann Bis zu meinem Wechsel zu den Rhein-Neckar Löwen habe ich in den acht Jahren bei Frisch Auf Göppingen die Frauenmannschaft des Vereins praktisch hautnah miterlebt, die jetzt ja auch wieder in die Bundesliga aufgestiegen ist. Zudem hat meine Freundin Anna in der Jugend-Bundesliga gespielt und bei den Aktiven bis zur Württembergliga.

Smits Wir hatten in Bietigheim natürlich Kontakt zum Männerteam der SG BBM. Sonst habe ich immer wieder Spiele auch bei Dyn angeschaut.

Manche sprechen von einer anderen Sportart?

Heymann Der Hauptunterschied ist die Athletik. Unser Spiel ist stärker von Kraft und Zweikämpfen geprägt. Die Frauen sind taktisch hervorragend geschult. Sie haben ein sehr, sehr gutes Auge und Spielverständnis, gehen mit Tempo in die Lücken. Daher gibt es auch Sportfans die sagen, ihnen gefällt der Frauenhandball besser als der Männerhandball. Da darf jeder seine Meinung haben.

Smits Freut mich, dass du das sagst. Für mich ist Frauen- und Männerhandball jedenfalls die gleiche Sportart. Wir können uns in Sachen Härte von den Männern einiges abschauen. Das haben wir sogar bei unserem Trainingsspiel vor kurzem gegen eine gemischte B- und A-Jugendmannschaft festgestellt. Auch da haben wir viel gelernt.

Wie ging’s denn aus?

Smits Wir haben nicht mitgezählt, von daher weiß ich das Ergebnis nicht. Aber wir waren schon einen Tick besser (lacht).

Zu den Olympischen Spielen. Für Sie, Herr Heymann, war die Teilnahme eine echte Zitterpartie.

Heymann Mich plagte gegen Saisonende eine Ellbogenblessur, daher war ich nicht zu 100 Prozent fit. Als ich zunächst nicht nominiert wurde, war ich dennoch extrem geknickt.

Dann profitierten Sie von der Familienplanung von Marian Michalczik.

Heymann Ja, er verzichtet, da er Papa wird. Als ich die Nachricht erhielt, dass ich für ihn nachrücke, war ich super happy. Jetzt bin ich stolz, froh und dankbar, dass sich ein Kindheitstraum erfüllt.

Smits Das geht mir ganz genauso. Wir haben in der Vorbereitung in der Sportschule Kienbaum schon ein wenig olympisches Flair geschnuppert, als wir mit Kanuten, Volleyballern und Bobfahrern Kontakt hatten. Jetzt dann bald ein Teil des größten Sportfestes der Welt zu sein, ist natürlich der Wahnsinn. 2008 waren zuletzt deutsche Handballerinnen bei Olympia am Ball. Jetzt hoffe ich, dass wir mehr für den deutschen Handball tun können, als nur dabei zu sein.

Das klingt nach hohen Zielen. Ist eine Medaille wirklich realistisch?

Smits Ich stelle mich nicht hin und sage, dass wir uns mit Platz vier zufrieden geben. Das wäre eine Lüge. Als Leistungssportler fährt man da hin, um alles zu gewinnen.

In den vergangenen Jahren waren die deutschen Frauen aber mehr oder weniger deutlich hinter den Top Vier.

Smits Stimmt schon, aber auch diese Topteams können wir an einem guten Tag schlagen. Wir müssen in der Vorrunden-Sechsergruppe unter die ersten Vier kommen, dann stehen wir im Viertelfinale und sind nur noch einen Sieg von den Spielen um die Medaillen entfernt.

Dazu müssen aber solche Blackouts ausbleiben, wie etwa 2023 im WM-Viertelfinale gegen Schweden, als Ihr Team am Anfang über 14 Minuten ohne Tor blieb.

Smits Das Vertrauen in mein Team ist groß, dass so etwas nicht mehr vorkommt. Wir haben auch mit unserer Mentaltrainerin noch einmal darüber geredet, dass es nicht an der Vorbereitung, am Matchplan oder an der Einstellung lag. Es war einfach ein rabenschwarzer Tag.

Heymann Ich kann mich Xenia nur anschließen. Wenn man schon das Olympia-Ticket ergattert hat, dann will man auch eine große Rolle spielen und um die Medaillen spielen. Ich glaube, es ist sowohl fürs Frauen-, als auch fürs Männerteam eine Chance, nicht als Favorit ins Turnier zu gehen. Diese Lauerstellung könnte uns liegen. Sollte es in einem Viertelfinale etwa gegen Dänemark gehen, dann wären wir Außenseiter und hätten nichts zu verlieren. Aber wir brauchen in jedem Spiel die perfekte Leistung – und zwar über 60 und nicht nur über 45 Minuten.

Bei Olympia gibt es für das Frauen- und Männerturnier den gleichen Modus, in der Bundesliga unterscheidet er sich ab der kommenden Saison. Was halten Sie von den in der Frauen-Bundesliga neu eingeführten Play-offs?

Smits Ich lasse mich gerne noch überzeugen, dass es gut ist. Aber ich bin davon noch kein Fan. Schon zu meiner Zeit in Frankreich war ich von dem System nicht begeistert. Für die Mannschaften, die international lange am Ball sind, stellt es ein Risiko dar, die Meisterschaft auf der Zielgeraden noch abzugeben, obwohl man bis dahin eine ganze Saison lang erfolgreich abgeliefert hat.

Heymann Ich bin froh, dass bei uns Männern alles beim Alten bleibt. Wer nach 34 Spieltagen oben steht, hat es ganz einfach auch absolut verdient, Meister zu sein.

Was machen Sie, wenn Sie mit der Goldmedaille heimkommen?

Smits Mal schauen, was sich das Team Deutschland dann einfallen lässt. Ich bin überall dabei. Ich muss nur am 18. August bei meinem Verein wieder in der Halle stehen, ich hoffe, dass ich das dann schaffe (lacht).

Heymann Ich könnte mir vorstellen, dass das lange Tage und lange Nächte werden würden. Aber ich wechsle ja zu einem neuen Verein, da sollte man schon fit zum Trainingsstart erscheinen.

Smits Feiern muss ja nicht immer mit Alkohol in Verbindung gebracht werden.

Heymann Richtig ,aber wenig Schlaf ist auch nicht hilfreich.

Info

Sebastian Heymann
Er wurde am 1. März 1998 in Heilbronn geboren und spielte nach der Jugend beim TSB Horkheim von 2016 bis 2024 für Frisch Auf Göppingen. Ab der kommenden Saison spielt der abwehrstarke Rückraumspieler für Ligarivale Rhein-Neckar Löwen. In 34 Länderspielen hat der Rechtshänder 60 Tore für Deutschland geworfen.

Xenia Smits
Sie wurde am 22. April 1994 in Wilrijk/Belgien geboren. 2014 erhielt sie zusätzlich zur belgischen die deutsche Staatsbürgerschaft und spielt seitdem für den DHB. Nach fünf Jahren bei Metz Handball wechselte die abwehrstarke Rückraumspielerin 2020 zur SG BBM Bietigheim, ab dieser Saison heißt der Club HB Ludwigsburg. Sie hat in 118 Länderspielen 277 Tore erzielt.

Vorbereitungsturnier
In Stuttgart DHB-Männer – Ungarn (Freitag, 17.15 Uhr), DHB-Männer – Japan (Sonntag, 17.30 Uhr), DHB-Frauen – Ungarn (Freitag, 19.45 Uhr), DHB-Frauen – Brasilien (Sonntag, 15 Uhr). Karten unter dhb.de/tickets

Olympische Vorrundenspiele
DHB-Männer – Schweden (27. Juli, 19 Uhr), DHB-Männer – Japan (29. Juli, 9 Uhr), DHB-Männer – Kroatien (31. Juli, 11 Uhr), DHB-Männer – Spanien (2. August, 16 Uhr), DHB-Männer – Serbien (4. August, 14 Uhr). DHB-Frauen – Südkorea (25. Juli, 16 Uhr), DHB-Frauen – Schweden (28. Juli, 14 Uhr), DHB-Frauen – Slowenien (30. Juli, 9 Uhr), DHB-Frauen – Dänemark (1. August, 19 Uhr), DHB-Frauen – Norwegen (3. August, 19 Uhr). (jüf)

Weitere Themen