Deutscher Herbst 1977 Die Suchen nach dem Menschlichen

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Am Morgen des 27. Oktober 1977 leitet der Amtschef Ernst Schauer persönlich die Dienstbesprechung der städtischen Friedhofsmitarbeiter. Der Totengräber Eduard Kreer erfährt, dass die Särge nicht wie üblich im Leichenhaus auf die Träger warten, sondern erst kurz vor der Bestattung von einem unbekannten Ort herbeigeschafft werden. Welche Leiche in welchem Sarg liegt, unterliegt strengster Geheimhaltung. Kreer wird Nummer eins, vorne links, zugewiesen. Die zwölf Totengräber sollen an der Aussegnungshalle warten, bis die heikle Fuhre eintrifft.

Um 9.52 Uhr hievt Eduard Kreer mit drei Kollegen Sarg eins aus einem Transporter auf einen Wagen und schiebt ihn in die Feierhalle. Zu der Trauerzeremonie sind nur geladene Gäste und einige Pressevertreter zugelassen. Draußen haben sich RAF-Sympathisanten versammelt und ein Transparent enthüllt: „Gudrun, Andreas und Jan in Stammheim gefoltert und ermordet“. Drinnen predigt Pfarrer Streibel: „Für die einen haben die drei Toten zerstört, was vielen Halt gibt. Für die anderen verbindet sich mit ihrem Namen – trotz Zerstörung – die Suche und der Kampf um das, was menschlich ist.“ Noch geht es pietätvoll zu.

Als sich der Trauerzug formiert, wird es hektisch. Hunderte Journalisten stürzen auf die Särge zu, ein Reporter schreit Kreer an: „Mach den Deckel auf! Zeig uns die Leiche!“ Der Totengräber verzieht keine Miene, fährt den Ellenbogen aus und drückt die Pressemeute beiseite. Pfarrer Streibel muss auf dem 500 Meter langen Weg von zwei Kollegen gezogen werden, um überhaupt vorwärts zu kommen. Einmal baut sich ein Demonstrant vor ihm auf und fragt: „Na, Herr Pastor, haben Sie jetzt Angst?“ Streibel antwortet: „Ja.“

Am Grab – Abteilung 99, hinterste Reihe – wird Sarg eins auf der rechten Seite abgelassen, Sarg zwei kommt nach links, der dritte wieder nach rechts. Kameraleute hetzen an den Rand, werfen Blumenvasen um. Zuschauer hangeln sich an Pappelstämmen hinauf, brechen dabei Äste ab. Das „Vater unser“ übertönen Regieanweisungen („Nimm den Ensslin im Profil!“) und die Parolen der Sympathisanten („Noch ist nicht genug Blut geflossen!“). Anneliese Baader ohrfeigt einen Fotografen, der sie, die Mutter des toten Topterroristen, hautnah einfangen will.

Tausend Beamte stehen tausend Besuchern gegenüber

Eine Dienstanweisung lautet: Sobald die Angehörigen der Verstorbenen gegangen sind, sollen die Totengräber das Grab schließen. Kreer schaufelt, so schnell er kann. Anschließend legt er Kränze auf die Ruhestätte. „Gott sei gnädig Sündern und Gerechten“ steht auf den Schleifen, „Zentralkomitee des Kommunistischen Bundes“ oder „Letzter Gruß Dein Onkel Walter“. Jeder, der den Friedhof verlässt, wird an den Ausgängen von der Polizei kon­trolliert – tausend Beamte stehen tausend Besuchern gegenüber. Kreer sieht, wie vermummte Gestalten über den Zaun klettern und im Wald verschwinden.

Zu diesem Zeitpunkt stellt Edith Bengs in der nahe gelegenen Gärtnerei Tiedemann ein Blumengebinde für eine nachmittägliche Trauerfeier zusammen. In der Ferne hört sie Polizeisirenen und Geschrei, am Himmel kreisen Hubschrauber. Normalerweise würde die Halbtagskraft Bengs noch zwei Stunden arbeiten, doch ihrer Chefin ist der Rummel nicht geheuer: „Edith, du solltest heute lieber früher heimfahren.“ Gegen elf macht sich Bengs auf den Weg.

Hinter dem großen Friedhofsparkplatz biegt sie in die Karl-Kloß-Straße ein. Sie kommt kaum 200 Meter weit, dann rennt rechts aus dem Wald eine wilde Horde auf ihr Auto zu. Ein Dutzend mit Palästinensertüchern Vermummte schütteln an ihrem Fiat. Edith Bengs ist Floristin, keine Kapitalistin. Doch dieser Unterschied interessiert die linken Revolutionäre nicht, sie versetzen ihr Zufallsopfer in Todesangst. Edith Bengs, die sich nicht sonderlich für Politik interessiert, bekommt die Kälte des Deutschen Herbstes zu spüren. Sie zündet sich eine Zigarette an und versucht, Ruhe zu bewahren. Viele Minuten vergehen.




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