Einst war Marcel Kittel das Vorbild von Pascal Ackermann. Nun füllt der Pfälzer die Lücke, die der pausierende Kittel beim Giro d’Italia klaffen lässt. Einen Etappensieg hat der 25-Jährige schon eingefahren – und traut sich noch mehr zu.

Frascati - Die Lücke, die sich auftat in der Riege der deutschen Radsprinter, kam ja ein wenig überraschend. Marcel Kittel legt eine umfangreiche Rennpause ein. Kittel also, einer der Stars der vergangenen Jahre. Schwer zu schließen? Dachte man. Aber dann begann der Giro d’Italia. Und dann gewann Pascal Ackermann gleich die zweite Etappe.

 

Ackermann, 25 Jahre jung, Träger des deutschen Meistertrikots fährt seine erste große Rundfahrt – und konnte kaum fassen, dass diese derart traumhaft begonnen hatte. Mit einem Sieg im Massensprint auf der Zielgeraden in Fucecchio. „Ich bin so glücklich. Das war meine erste Chance auf einen Etappensieg und wir haben es großartig gemacht. Das ist unglaublich“, sprudelte es nach dem Erfolg nur so aus ihm heraus. Ackermann hatte in einem offenen Sprint – niemand war eingebaut, niemand stürzte, niemand behinderte den anderen – besiegt, was Rang und Namen hat in der Hochgeschwindigkeitsdisziplin des Straßenradsports. Am Tag danach bestätigte er seine gute Verfassung und wurde – nach Disqualifizierung des ursprünglichen Siegers – Dritter, am Dienstag folgte Rang vier. Was zeigt: Er hat sich etabliert im Kreis der schnellsten Männer. Zunächst aber hatte er sich im eigenen Team durchsetzen müssen.

Ackermann peilt weitere Etappensiege an

In Peter Sagan hat er bei der Equipe Bora hansgrohe einen elfmaligen Etappensieger bei der Tour de France vor sich, in Sam Bennett zudem einen dreifachen Giro-Etappensieger. Der Slowake Sagan fährt in diesem Jahr wie gewohnt die parallel zum Giro stattfindende Kalifornienrundfahrt und holte da bereits einen Etappensieg. Den Iren Bennett aber verdrängte Ackermann in der Teamhierarchie – und fuhr ein, was er einfahren sollte: den Etappensieg. „Es können auch zwei oder drei werden“, kündigte er danach munter an.

Der Pfälzer ist sich seiner Qualitäten bewusst. Er begann als Bahnfahrer, wurde vor acht Jahren Juniorenweltmeister im Teamsprint. „Die Bahn war wichtig für mich. Man fährt da ohne Bremsen und lernt, die Lücke zu finden. Das hilft für die Straße. Du fährst dort durch Lücken, die andere gar nicht sehen“, meinte er nach seinem Sieg beim Eintagesrennen Eschborn – Frankfurt kürzlich am 1. Mai. Da hatte er seine Lücken-Aufspürfähigkeiten ganz eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Lange schien der Weg zum Sieg verbaut, dann sprintete er an den Absperrungen entlang, als sich dort eine ganz kleine Tür auftat. Der Sieg, vor dem wahrlich nicht langsamen John Degenkolb übrigens, sorgte für Aufmerksamkeit in der Branche. Bei der Eröffnung des Giro wurde Ackermann dann schon als einer der am besten in Form seienden Top-Sprinter vorgestellt. Zu Recht, wie er wenig später zeigte.

Der Vater fährt im Moped vorneweg

Seine Kraft holt er sich beim Training in der Hügellandschaft der Pfalz, rings um seinen Geburtsort Mindorf bei Kandel. Oft sieht man da seinen Vater auf dem blauen Moped vorneweg brausen. Im Windschatten der Sohn im Bora-Dress, der so das Gefühl für die Geschwindigkeit trainiert, und auch die Beinkraft, die zum Erreichen derselben notwendig ist.

In unserer Bildergalerie: Die Giro-Sieger seit 2009

Sich selbst sieht Ackermann als eine Mischung aus seinem Jugend-Idol Marcel Kittel und seinem aktuellen Teamkollegen Peter Sagan. „Die ganz flachen Sprints mag ich nicht. Da ist oft zu viel Hektik. Mir gefällt es, wenn vorher noch eine Selektion durch eine Windkante oder einen kleineren Anstieg kommt“, beschreibt er den Unterschied zu Kittel. Und weil Sagan kein typischer Flachsprinter ist, sondern mit den noch steileren Anstiegen besser zurecht kommt, sieht Ackermann für die Zukunft auch gemeinsame Perspektiven mit dem Slowaken bei der Tour de France. „Ich kann mir gut vorstellen, dass wir je nach unserer Charakteristik die Etappen aufteilen“, blickte er voraus.

Sagan und Ackermann – geht das zusammen?

Dass beide miteinander harmonieren, zeigte sich bereits 2017. Da verhalf der Weltmeister Sagan dem Jungprofi Ackermann zu einer guten Positionierung beim Scheldeprijs. Ackermann wurde Fünfter, Sieger war Kittel. Nun also ist, aus deutscher Sicht, Ackermann der neue Kittel. „Ich wäre schon froh, wenn ich die Hälfte der Tour-de-France-Etappensiege von Marcel einfahren könnte“, zeigt sich Ackermann gleichermaßen bescheiden wie angriffslustig. Kittel gewann im Laufe seiner Karriere übrigens 14-mal bei der Frankreichrundfahrt.

Ackermann also achtet die Großen seines Fachs. Er weiß aber auch, dass er selbst gut genug für Siege ist. Die Tour steht, wenn alles gut geht, 2020 erstmals für ihn an. Für den Mann mit dem Gespür für die Lücken.