Stuttgart - Das Werk, mit dem der am Bodensee lebende Schriftsteller Martin Walser die Geschichte Nachkriegsdeutschlands literarisch kartografiert hat, ist riesig. Und es wächst weiter und weiter. Noch heute sendet der am 24. März seinen 95. Geburtstag feiernde Autor Jahr für Jahr neue Zeugnisse seiner nicht erlahmenden Schaffenskraft aus. Entsprechend umfangreich und von unschätzbarer Bedeutung für das literarische und politische Leben des Landes ist das Massiv aus Entwürfen, Briefen, Manuskripten, Übersetzungen, das sich das Deutsche Literaturarchiv in Marbach nun sichern konnte.
Insgesamt umfasst die spektakuläre Erwerbung des Vorlasses Martin Walsers etwa 75 000 handschriftliche Seiten. Hinzu kommt die Privat- und Arbeitsbibliothek mit über 7800 Bänden. Von den 75 Tagebüchern, die eine wesentliche Quelle für Leben und Werk bilden, sind viele noch unveröffentlicht.
Hinter den Kulissen der Romane
Zu den wichtigsten Werken Walsers zählen die „Ehen in Philippsburg“, in die Erfahrungen seiner Zeit in Stuttgart beim Süddeutschen Rundfunk eingeflossen sind, die Beziehungsnovelle „Ein fliehendes Pferd“ wurde zum Bestseller, „Der Tod eines Kritikers zum Skandal“. Auf den dokumentarischen Hintergrund für die Schlüsselromane „Finks Krieg“ und „Die Verteidigung der Kindheit“ fällt durch den Neuzugang ebenso Licht wie auf Walsers Zeit in der Gruppe 47. Als öffentlicher Intellektueller hat er über Jahrzehnte gesellschaftliche Debatten angestoßen, etwa mit seiner umstrittenen Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998.
Abonnieren Sie hier unseren kostenlosen Literatur-Newsletter „Lesezeichen“
Für die in Marbach in den letzten Jahren intensivierte Erforschung der Produktionsbedingungen der Literatur sind die Korrespondenzen mit den Verlagen Suhrkamp und Rowohlt wichtige Quellen. Entlang der Briefpartner von Walser lässt sich die jüngere Literatur- und Zeitgeschichte nacherzählen: von Alfred Andersch und Rudolf Augstein, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Jürgen Habermas, Uwe Johnson bis Siegfried Unseld. Im Juli soll der Vorlass mit einer feierlichen Veranstaltung übergeben werden.