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Deutschland Bodensee: Fast zu schön

Von Dorothee Schöpfer aus Hemmenhofen 

Er ging nicht freiwillig an den Bodensee, aber er ist dort geblieben: Der Maler Otto Dix. Jetzt wird sein Wohnhaus als Museum neu eröffnet.

Das Dix’sche Wohnhaus. Foto: Weller 3 Bilder
Das Dix’sche Wohnhaus. Foto: Weller

Hemmenhofen - Seine Welt war die Großstadt, seine Themen die Verwerfungen des noch jungen 20. Jahrhunderts. Otto Dix hat Dirnen und Krüppel gemalt, seine Gemälde sind grelle Anklagen, die das Grauen des Ersten Weltkriegs zeigen. Kein Wunder, dass einer wie er mit der Lieblichkeit der Landschaft am Untersee erst einmal nichts anfangen konnte. „Zum Kotzen schön“, befand Dix das Idyll. „Ich stehe vor der Landschaft wie eine Kuh.“ Es war auch kein freiwilliger Rückzug in die Abgeschiedenheit, sondern ein von den Nazis erzwungener Ortswechsel.

1933 musste Dix seine Professur an der Dresdner Kunstakademie aufgeben. Die Familie fand zuerst Unterschlupf im Hegau, 1936 hat Dix mit dem Geld seiner Frau ein stattliches Wohnhaus samt Atelier in dem Bauerndorf Hemmenhofen gebaut. Heute hat das Haus viele Nachbarn, damals stand es weit draußen am Ortsrand auf einer Anhöhe. Der Blick von dort oben ist immer noch grandios. Unten der See in allen Schattierungen, gegenüber das Schweizer Ufer mit seinen Hügeln und Wäldern. So friedlich und über den Dingen stehend das Anwesen heute wirkt: Damals galt Dix’ Kunst von Staats wegen als „entartet“.

„Wer hierherkam, der konnte woanders nicht bleiben“

Er hat den Krieg mit Auftragsarbeiten weitgehend unbehelligt überstanden, als innerer Emigrant in einer mit äußerlichem Liebreiz überbordenden Gegend. Als Künstlerwinkel war die Landschaft auf der Halbinsel Höri am Untersee schon seit der Jahrhundertwende etabliert. Allerdings: „Wer hierherkam, der konnte woanders nicht bleiben.“ So sieht es der Historiker Helmut Fidler, der sich schon lange mit dem Untersee und seiner Anziehungskraft für Literaten und Künstler beschäftigt. Vor dem Ersten Weltkrieg waren es empfindsame Seelen, die ihr Heil in der Natur suchten und sich am Untersee eine Existenz fern von den Einflüssen des Molochs Großstadt schufen. Hermann Hesse zum Beispiel hat von 1904 bis 1912 im Nachbarweiler Gaienhofen gewohnt.

Nahe bei Hesses erstem Wohnhaus ist heute ein Museum eingerichtet, das auch Kunst vom Untersee aus verschiedenen Jahrzehnten zeigt. Auf einer Kunstroute kann man manche dieser Werke noch einmal finden: Metallstelen mit einem leeren Rahmen stehen an den Stellen, an denen die Künstler ihre Staffelei aufgestellt hatten. Das dort entstandene Bild ist ebenfalls auf der Stele aufgedruckt. So können die Besucher beim Spaziergang durch den Rahmen in die Landschaft schauen und sehen, wie der Maler diese Perspektive umgesetzt hat. Die von den Nationalsozialisten vertriebenen Künstler wie Dix, Max Ackermann oder Ernst Heckel haben am Untersee keine Künstlerkolonie gebildet, sondern blieben Einzelkämpfer. Dix, die Großstadtpflanze, ist dem Bodensee bis zu seinem Tod treu geblieben. Ein Zeugnis seines Schaffens in der Nachkriegszeit ist nur wenige Fahrminuten entfernt in der evangelischen Kirche von Kattenhofen zu sehen: Dort hat Dix ein wandfüllendes Glasfenster gestaltet. Nach seinem Tod 1969 und dem Auszug der Familie hat sich ein privater Förderverein um das Anwesen in Hemmenhofen gekümmert.

Bis zu 10 000 Besucher kamen jährlich

Am nächsten Wochenende wird das frühere Wohnhaus unter der Regie des Kunstmuseums Stuttgart neu eröffnet. Helmut Fidler, der sich lange im Förderverein engagiert hat, ist darüber froh. Bis zu 10 000 Besucher kamen jährlich in das renovierungsbedürftig gewordene Wohnhaus. Für einen kleinen Verein ein immer schwerer zu bewältigender Aufwand. „Es gab woanders vielleicht bessere Kuchen. Aber zum Kaffeetrinken mit Blick auf den See war die Terrasse unschlagbar“, erinnert sich Fidler. Ein Besuchercafé hat auch das neue Museum Haus Dix nach der eineinhalbjährigen Renovierungszeit zu bieten. Ansonsten geht es in der Ausstellung weniger um die Kunst als um die Existenz einer Künstlerfamilie: Manche Zimmer sind mit Originalmobiliar ausgestattet, im Partykeller wurden unbekannte Wandmalereien entdeckt und freigelegt.

Die Räume zeigen, wie die Dixens mit ihren drei Kindern gelebt haben - etwa mit Anita Berber und dem Großstadt-Triptychon an den farbig angemalten Wänden. Diese beiden Ikonen des Malers werden jedoch nicht im Original gezeigt. Nur im ehemaligen Atelier im oberen Stockwerk gibt es ausgewählte Gemälde und Druckgrafiken zu sehen. Jan Dix, der Sohn, der heute noch am Bodensee lebt, führt die Besucher durch das Haus. Nicht persönlich, aber als Stimme auf dem iPad, das den Gästen Raum und Zeit erklärt.

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