Deutschland gegen Israel Das große Debüt des Nico Schlotterbeck
Der gebürtige Waiblinger Nico Schlotterbeck feiert in Sinsheim gegen Israel seine Länderspielpremiere – vor den Augen eines Fanclubs aus der Heimat.
Der gebürtige Waiblinger Nico Schlotterbeck feiert in Sinsheim gegen Israel seine Länderspielpremiere – vor den Augen eines Fanclubs aus der Heimat.
Das Ticketbüro Nico Schlotterbeck musste irgendwann schließen. Nichts ging mehr, der kleine Block in der Sinsheimer Arena war ausverkauft. Selbst für Nationalspieler sind die persönlichen Kartenkontingente beim DFB offenbar endlich, so dass einige Familienmitglieder und Freunde Schlotterbecks am Ende selbst online Karten ordern mussten.
Der Ansturm im Schlotterbeck-Lager auf das Testspiel der DFB-Elf an diesem Samstag gegen Israel (20.45 Uhr/ZDF) hat zwei gute Gründe: Nach Sinsheim ist es von der Heimat in Stuttgart und Waiblingen nicht weit. Und, noch wichtiger: Der Waiblinger Schlotterbeck, der von 2007 bis 2014 in der Jugend der Stuttgarter Kickers spielte, wird gegen Israel sein erstes Länderspiel bestreiten. Darauf hatte sich Bundestrainer Hansi Flick vor ein paar Tagen festgelegt, am Freitag wurde er nun noch konkreter und verkündete: Der Innenverteidiger darf von Anfang an ran.
Die Eltern, klar, werden live dabei sein, ebenso wie Onkel Niels, der frühere Kickers-Profi, und Bruder Keven, der wie Nico beim SC Freiburg spielt. Dazu werden Schlotterbecks Großeltern erstmals nach drei Jahren wieder ins Stadion kommen. „Darüber“, so sagt es Schlotterbeck im Gespräch mit unserer Zeitung, „freue ich mich ganz besonders.“ Insgesamt 30 Familienmitglieder und Jugendfreunde aus dem Stuttgarter Raum, die noch heute Schlotterbecks beste sind, werden in Sinsheim sein, wenn der Abwehrmann die erste Chance unter Flick erhält.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Ein besonderes Spiel für David Raum
Aber wie das dann immer so ist beim Bundestrainer: Er fördert nie, ohne zu fordern. Also nahm Flick seinen Schützling am Freitag in die Pflicht – und blickte dabei nicht nur auf die Partie am Samstag: „Nico ist manchmal noch einen Tick zu bequem“, sagte Flick: „Bei der Art und Weise, wie wir spielen wollen, muss er aber immer aktiv sein.“ Manchmal nehme sich Schlotterbeck vielleicht noch ein bisschen raus, so Flick weiter: „Aber daran arbeiten wir, und daran arbeitet auch Christian Streich, das weiß ich.“
Besagter Streich trainiert Schlotterbeck bekanntlich beim SC Freiburg. Flick und Streich wiederum haben seit Jahren ein exzellentes Verhältnis, jetzt ist der Austausch in der Konstellation Vereinstrainer/Bundestrainer nochmals intensiver geworden.
Die Trainer wissen dabei um die enormen Fähigkeiten Schlotterbecks, sie schätzen den glänzenden Spielaufbau des 22-Jährigen, die Zweikampfhärte sowie das große Selbstvertrauen. Auch beim Blick auf die Schwächen aber sind sich die Trainer einig, weshalb sie im Einklang daran arbeiten: Streich im Alltag – und Flick fernab der Länderspielperioden mit Videositzungen, bei denen er Schlotterbeck Spielszenen samt aller Mängel zeigt. Jetzt, auf dem Trainingsplatz der DFB-Elf, setzt Flick die Arbeit Streichs fort und verfeinert sie im neuen Umfeld.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wie Hansi Flick jetzt schon die Zügel für Katar anzieht
Schlotterbeck selbst weiß also immer, woran er ist – und er weiß, wo er sich steigern muss, um im Winter zur WM in Katar mitfliegen zu dürfen. Die Passivität in seinem Spiel habe er erkannt, sagt er: „Ich weiß, dass ich daran arbeiten muss, aktiver im Spiel gegen den Ball zu werden.“
Dabei hat sich Schlotterbeck in den vergangenen Jahren bereits weiterentwickelt. Der Wechsel auf Leihbasis zu Union Berlin in der vergangenen Saison tat ihm gut. „Von dort“, so sagt das nun sein Freiburger Teamkollege Christian Günter im Kreise der DFB-Elf, „ist Nico körperlich als anderer Spieler zurückgekehrt. Er hat gemerkt, dass er ein bisschen mehr tun muss für den Fußball.“
Darauf angesprochen, nickt Schlotterbeck und betont dann, dass er als Typ und Mensch bei Union zwar gleich geblieben sei: „Aber im fußballerischen Bereich habe ich mich verändert – ich mache zum Beispiel viel mehr im athletischen Bereich, und ich habe sehr an meinen Schwächen gearbeitet.“
Das setzte sich in dieser Saison in Freiburg fort, wo Schlotterbeck wieder auf seinen größten Förderer traf, der auch sein größter Kritiker ist. Der Fußballlehrer Christian Streich bringt junge Fußballer seit Jahrzehnten meist in die richtige Spur – Schlotterbeck hatte er schon vor dessen einjährigem Intermezzo in Berlin mit auf den Weg gegeben, dass er sich bei seinen Diagonalbällen aus der Abwehr heraus verbessern müsse.
Damals wie heute geht es Streich bei Schlotterbeck übergeordnet um die Aufmerksamkeit. „Ich musste lernen, die Konzentration immer aufrechtzuerhalten“, sagt der Innenverteidiger nun im Kreis der DFB-Elf selbst dazu und spricht nicht ohne Stolz über seine jüngsten Fortschritte: „Ich habe jetzt nicht mehr so viele Patzer drin und dribble von hinten heraus nicht mehr in jede Situation rein wie früher, ich spiele seriöser.“
Hochseriös sind auch Schlotterbecks Aktivitäten im Fitnessstudio. Seit seiner Zeit bei Union geht er jeden Tag „pumpen“, wie er es sagt. Zehn Kilogramm an Muskelmasse hat er so zugelegt. Weshalb Teamkollege Günter, der Kapitän des SC Freiburg, dies sagt: „Also ich würde ja gerne etwas anderes behaupten – aber mit Nicos Oberarmen, da kann ich schon lange nicht mehr mithalten.“
Wohin der Weg des Kraftpakets bald führt? Alles bleibt offen. Schlotterbecks Vertrag beim SC Freiburg läuft 2023 aus. Ein Wechsel in diesem Sommer bleibt wahrscheinlich, längst haben ihn der FC Bayern und Borussia Dortmund auf dem Zettel.
Jetzt steigt aber erst einmal das große Länderspieldebüt in Sinsheim. Es wird ein Tag, den die Fußballfamilie Schlotterbeck wohl nie vergessen wird.