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Deutschland Meditation im Sattel

Von Ulrike Amler aus Leiheim 

Entschleunigung ist auch im Pferdesport angekommen. Statt Leistungsdruck auf dem Turnierplatz finden immer mehr Reiter das höchste Glück beim Wanderreiten - unterwegs sein mit einem PS im Einklang mit der Natur.

Elke Ganser-Braun führt die Wanderreiter an. Foto: Amler
Elke Ganser-Braun führt die Wanderreiter an. Foto: Amler

Leiheim - Mackintosh läuft fröhlichen Schrittes zwischen seinen sechs Artgenossen. Der Wallach genießt ganz offensichtlich den klaren Spätfrühlingstag. Links des Weges liegt luftiger Buchenmischwald, rechts dichter, dunkler Fichtenjungwald. Verschiedenfarbige Blumen säumen die lichten Wegränder. Die Reiter bewegen sich im Schritttempo im wildromantischen Nirgendwo auf dem östlichen Härtsfeld - eine karge und dünn besiedelte Hochfläche im Osten der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg. Verwitterte Steine deuten an, wo einst die Grenze verlief zwischen den Herrschaftsgebieten des früheren Wittelsbacher Herzogtums Pfalz-Neuburg, der Grafschaft Oettingen und der Fürsten von Thurn und Taxis.

Letztere kamen mit der Postreiterei im 16. bis zum 18. Jahrhundert zu Wohlstand und Einfluss. Elke Ganser-Braun führt die Wanderreiter an. Sie kennt das Gebiet wie ihre Westentasche. „Der besondere Reiz des Wanderreitens liegt für mich in der Nähe zu Pferd und Natur, ob man nun alleine oder in der Gruppe unterwegs ist“, sagt die gebürtige Aachenerin. „Es fasziniert mich, auf unbekannten Wegen die landschaftlich schönsten Strecken zum nächsten Quartier zu finden und mir dabei die Zeit zu nehmen, an besonders schönen Orten zu rasten und zu verweilen. Ich genieße es, in einem Tempo zu reiten und zu reisen, das die Seele folgen lässt.“ Wanderreiten ist reizarmes Reisen. Das wird deutlich durch eine Untersuchung, die der Pferdefachtierarzt Dr. Gerd Heuschmann aus dem westfälischen Dülmen zitiert.

Zweieinhalb Tage dauert der Härtsfeldritt

Danach müsse der Menschen auf einer Autofahrt von 400 Kilometern in dichtem Verkehr, begleitet von Navi, Handy und Radio, in wenigen Stunden mehr Reize verarbeiten als Menschen vor 100 Jahren in einem ganzen Jahr. Beim Wanderreiten sind Menschen im Lebensrhythmus von Pferden: Das ist völlige Achtsamkeit im Hier und Jetzt. Zweieinhalb Tage dauert der Härtsfeldritt. Zunächst lernen sich Reiter und Pferd auf einem Einführungsritt um die Wanderreitstation Kranichaue kennen. Drei Reiterinnen haben ihre eigenen Pferde dabei. Einige sind Neueinsteiger, andere „alte Hasen“. Zu Letzteren zählt Brigitte Fröhlich aus dem nahen Tapfheim, die schon auf vielen geführten Wanderritten war, in Namibia ebenso wie in Botsuana. Beim Härtsfeldritt genießt es die Rentnerin, unter ortskundiger Leitung die raue Schönheit der Ostalb zu entdecken.

Andrea Kirschner ist mit ihrer Ponystute Roxy dabei. Nach einem Einführungskurs bei Elke Ganser-Braun hat die Schwäbisch Gmünderin vor einiger Zeit ihre Prioritäten beim Reitsport völlig neu ausgerichtet. „Früher war ich viel auf Turnieren in der Vielseitigkeit und Dressur unterwegs, aber erst beim Wanderreiten hat Roxy ihren Traumjob gefunden“, sagt die 27-Jährige. Im vergangenen Jahr war sie mit der Schimmelstute eine Woche allein in der Eifel unterwegs und hat die Zweisamkeit in vollen Zügen genossen. „Ich freue mich immer, wenn auf unseren geführten Ritten die Stimmung harmonisch ist, die Menschen einen glücklichen und die Pferde einen zufriedenen Eindruck machen“, sagt Elke Ganser-Braun. Auch Ursula Mauch aus dem schwäbischen Mertingen berichtet von wiederkehrenden Stresssituationen beim Reitunterricht mit ihrem bayerischen Warmblutwallach Colorado. Auf dem Wanderritt dagegen trottet der große Braune ganz entspannt an jeder Position in der Gruppe.

In ihren Lehrwanderritten bereitet Elke Ganser-Braun Reiter auf erste selbstständige Wanderritte vor. „Im Vorfeld gibt es immer eine Menge zu organisieren“, sagt die Expertin. Routen müssten festgelegt und das passende Kartenmaterial beschafft werden. Die Ausrüstung für Reiter und Pferd sollte angepasst und daher am besten auf kleineren Vorbereitungsritten erprobt worden sein. Außerdem sei es sehr wichtig, dass Kondition und Ausbildungsstand von Reiter und Pferd auf die Anforderungen der geplanten Tour abgestimmt sind. „Ist man erst mal unterwegs, stellt sich ein gewisser Rhythmus ein“, sagt sie, der in etwa so aussieht: Bei Tagesanbruch wird das Pferd versorgt, dann gibt es ein Frühstück für den Reiter, danach werden die Ausrüstung und das Kartenmaterial geprüft und die Route zum nächsten Quartier festgelegt. Geritten wird dann bis zum Mittag. „Für die Rast eignen sich Stellen, die Witterungsschutz, Gras, Wasser und idealerweise auch eine Sitzmöglichkeit für den Reiter mit einer schönen Aussicht haben“, sagt Elke Ganser-Braun.

„Ausgeruht machen sich Tier und Mensch anschließend wieder auf den Weg, um spätestens vor Einbruch der Dunkelheit am Ziel zu sein.“ Orientierung ist selbst im Zeitalter von Navigationsgeräten ein wichtiger Ausbildungsinhalt, denn Reiten mit GPS kommt immer mehr in Mode. „Man darf aber nie ohne Karte los“, warnt Elke Ganser-Braun, „denn im tiefen Wald ist schon mal das Signal weg.“ Gute Reitkenntnisse sind Voraussetzung, um bei Elke Ganser-Braun mitzureiten. „Ich nehme keinen Anfänger mit ins Gelände. Dafür ist das Wanderreiten zu anspruchsvoll.“

"Ich bin in dieser Zeit mit mir selbst ins Reine gekommen“

Schließlich muss der Reiter dem Pferd auch in schwierigen Situationen ein vertrauenswürdiger Partner sein. Egal ist dagegen, in welcher Reitweise das Pferd ausgebildet ist. In vielen Regionen Deutschlands gibt es mittlerweile ein dichtes Netz an Wanderreit-Stationen. Angeboten werden Halbtages- oder Tagesritte rund um den heimatlichen Hof, aber auch mehrtägige Touren oder Sternritte mit einem gemeinsamen Start- und Zielort. Immer mehr Reiter suchen in mehrtägigen oder mehrwöchigen Ritten auf Pilgerwegen oder alten Säumerrouten über die Alpen Entschleunigung. Auch Elke Ganser-Braun ist nach einer persönlichen Zäsur vor zwölf Jahren die rund 500 Kilometer aus der Eifel in vier Wochen aufs Härtsfeld geritten. „Wanderreiten kann auch einen meditativen Aspekt haben. Ich bin in dieser Zeit mit mir selbst ins Reine gekommen.“

Wer aber glaubt, dass Wanderreiten weniger anstrengend ist, als selbst zu laufen, der irrt. Selbst die erfahrendsten Reiter der Gruppe entlasten bereits einige Zeit vor der Mittagspause immer häufiger den Allerwertesten und fachsimpeln, wie man dem Wundreiten am besten vorbeugt. Die einen setzen auf Radlerunterwäsche, andere haben Hirschtalg im Gepäck. Am Ende des ersten Reittages haben die Teilnehmer 30 Kilometer bewältigt. Kaum aus dem Sattel, springt die Rittführerin an den Herd, um die hungrigen Reiter zum Abendessen mit einem schmackhaften Menü aus der schwäbischen oder rheinischen Küche zu überraschen.

Ihr Mann unterstützt die Gäste beim Absatteln und hat weiteres Wanderreiterwissen parat. Am Sonntagabend haben die Reiter des Härtsfeldrittes fast 70 Kilometer tiefenentspanntes Reisen in den Pobacken. Die Heimfahrt mit hoher Geschwindigkeit auf der Autobahn kommt dem einen oder anderen jetzt beinahe ungesund vor.