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Deutschland Neuer Glanz

In der Bremer Silberschmiede werden auch Trophäen für den Deutschen Fußball-Bund hergestellt, wie die Meisterschale. Foto: Bendl
In der Bremer Silberschmiede werden auch Trophäen für den Deutschen Fußball-Bund hergestellt, wie die Meisterschale. Foto: Bendl

Zu Gast bei Kaffeeröstern und Silberschmieden: Im alten Hafenareral Bremens entwickelt sich die Überseestadt als neues Stadtquartier am Wasser.

Bremen - Wie das duftet! Intensiv, nach feinstem Arabica-Kaffee, weil der Röstmeister sein Handwerk versteht und gerade die Tür seines Cafés öffnet, um die Nachbarn mit den tausend Aromen seiner neuesten Charge zu beglücken. Und wie es stinkt! Penetrant, nach Fischmehl, weil am Fabrikenufer gerade ein Frachter seine Ladung löscht und das hier immer noch ein Hafen ist. Musikalische Untermalung liefern der sanfte Wellenschlag sowie kreischende Sturmmöwen und Steinsägen: Die einen nisten an der Mole, die anderen verwirklichen Architekten-Träume. Dornröschen erwacht: Wo einst im alten Stadthafengebiet das Herz des Handels pochte, wo erst Stückgut lagerte und sich dann Container stapelten, entwickelt sich gerade Bremens neuestes Stadtviertel. Tonnen von Südfrüchten wurden im Schuppen 1 umgeschlagen, nun schrauben hier Spezialisten an Oldtimern - wer in den Etagen darüber ein Apartment hat, kann seinen automobilen Schatz per Aufzug ins Wohnzimmer stellen.


Die alte Hafenfeuerwache hat sich in einen Italiener verwandelt

Die Hochschule für Künste nutzt einen 400 Meter langen Speicher, auch Start-ups und das Hafenmuseum haben sich eingemietet. Es gibt Galerien und Einrichtungsstudios und eine Marina für Freizeitskipper, dazu allerlei Cafés und Restaurants: Die alte Hafenfeuerwache hat sich in einen nicht gerade billigen Italiener und das Zollamt in ein Hostel verwandelt. Nebenan entstehen Büros und Wohnungen. Platz gibt es genug: Das Areal umfasst 300 Hektar, so viel wie 420 Fußballfelder. Das Bild rahmen aber 100 Jahre alte Getreidemühlen, Holzhandlungen und eine riesige Fabrik für Cornflakes ein. „Wir haben immer noch Umschlag im Hafen. Die Mischung aus Industrieanlagen, Büros und Wohnungen macht das besondere Flair aus“, sagt Peter Siemering. Er hat hier an der Kaikante einst Spediteur gelernt und wirbt nun mit dem Überseestadt-Marketingverein für das neue Quartier.


In Bremen ist man zwar noch nicht so weit wie in Hamburg mit seiner Hafencity, eine Zeitreise von der Geschichte in die Zukunft lohnt sich aber schon jetzt. Im historischen Bremen, rund um den Marktplatz mit dem über 600 Jahre alten Rathaus im Stil der Weser-Renaissance und dem ebenso prächtigen Schütting, wo die Handelskammer residiert, schwelgen die Stadtführer in der Vergangenheit. Sie erzählen glorreiche Geschichten aus Zeiten, in denen die Kaufleute stolz und frei und mächtig waren: Damals klauten sie der Kirche sogar den Petrusschlüssel für das neue Stadtwappen, um ohne den Segen des Erzbischofs Einlass zu finden ins Himmelreich. Den Dom in Schach hält auch der Roland, inzwischen Unesco-Weltkulturerbe: Die Figur ist seit dem Jahr 1404 das in Stein gehauene Symbol für die Macht der Händler und die Freiheit der Hansestadt, die sich seit 1200 Jahren gegen Einmischungen von außen wehrt. Besucher sind hingegen willkommen.


Der Überseehafen wurde 1998 zugeschüttet

Die Einheimischen machen sich aber über sie lustig, wenn Touristen nach ihrer Tour durch das Fachwerkviertel Schnoor und die Klinkerpracht der Böttcherstraße mit ihren Märchenhelden posieren. Wer am Wahrzeichen der Stadt, der Skulptur der Bremer Stadtmusikanten, die Beine des Esels mit zwei Händen streichelt, hat zwar einen Wunsch frei, wer aber nur eine Hand dafür verwendet, outet sich nach Bremer Lesart selbst als einer. Der größte Wunsch der Ratsherren war in den 1990er Jahren, die Hafenbecken an der Weser neu zu beleben. Das war bitter nötig: „1966 legte hier ein Frachter aus den USA an und setzte den ersten Container ab“, erzählt Andreas Heyer, Chef der Bremer Wirtschaftsförderung. Damit begann der Abstieg, weil die immer größeren Schiffe es nicht mehr die Weser hinaufschafften und ihre Fracht bald nur noch in Bremerhaven löschten, näher an der Küste. Der Überseehafen wurde dann 1998 kurzerhand zugeschüttet, um zwischen den Becken des Europa- und Holzhafens Platz für Neues zu schaffen. Das ist gelungen: Im Schuppen 2 produziert Birgitta Rust nun Obstbrände, Liköre und Nussgeiste.


Im gleichen Gebäude kann man in der Silberschmiede das Team der mehr als 185 Jahre alten Manufaktur Koch & Bergfeld Corpus bei der Arbeit beobachten. „Die Walzstühle, Zieh- und Werkbänke stammen noch aus der Gründerzeit, als die Firma ganze Eisenbahnwaggons mit Silberbesteck an die Zarenfamilie in Russland geliefert hat“, erklärt Chef Florian Blume. Heute ist die Manufaktur auf Kandelaber, Services, Tabletts und Zierbecher spezialisiert. Die Manufaktur kümmert sich auch um Trophäen aus der Fußballwelt: DFB-Meisterschale, DFB-Pokal und der Champions-League-Pokal. Am Fabrikenufer, wo bis heute Getreidefrachter vor dem Art-déco-Hochhaus der Rolandmühle ihre Ladung löschen, erinnern Produktionsanlagen aus Eisenbeton und Backstein sowie ein Marmorsaal an den Bremer Kaffeepionier Ludwig Roselius: Seine Kaffee-Handels-AG wurde zum Synonym für koffeinfreien Kaffee. Nach etlichen Fusionen ist Kaffee HAG inzwischen ausgezogen, doch mit Lloyd Caffee geht die Geschichte weiter: Die älteste noch immer traditionell röstende Kaffeerösterei Bremens hat in dem historischen Gemäuer ein Café eröffnet. Nebenan steht ein architektonisches Prunkstück: Die Kaba-Fabrik, wo Ludwig Roselius wasserlöslichen Kakao produzieren ließ. In den Fenstern fehlt das Glas, die Gebäude stehen leer. Hier schlummert der Bremer Hafen noch im Dornröschenschlaf und wartet darauf, dass ihn jemand wachküsst.

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