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Deutschland Vom Hütejungen zum Olympiasieger

Von Wolfgang Albers aus Hinterzarten 

Aus dem armen Schwarzwälder wurde ein Top-Sportler: Im Skimuseum Hinterzarten wird die Geschichte des Skispringers Georg Thoma erzählt.

Im Skimuseum zeigt Georg Thoma historische Wintersportausrüstungen. Foto: dpa - tmn
Im Skimuseum zeigt Georg Thoma historische Wintersportausrüstungen. Foto: dpa - tmn

„Was, Sie schon wieder?“, rief der norwegische König im Jahr 1965 entgeistert aus. Denn der Monarch überreichte den Pokal an den Sieger der Nordischen Kombination am Osloer Holmenkollen-Gelände - und der ging stets an die norwegischen Sportler. Doch dann sprang, lief und siegte im Jahr 1963 ein junger Schwarzwälder. Und 1964 wieder. Und 1965 räumte Georg Thoma zum dritten Mal den Titel ab. Spätestens da hatte der Junge aus Hinterzarten die Ski-Nation Norwegen nachhaltig beeindruckt. Aber die ihn auch. Am Holmenkollen hatte er ein Ski-Museum gesehen, das wünschte er sich auch für seine Heimat. 1997 öffnete das Schwarzwälder Skimuseum im umgebauten, jahrhundertealten Hugenhof. Hinter alten Schindeln sieht man eine moderne Präsentation, die nicht in Ski-Nostalgie schwelgt, sondern vielen Aspekten nachgeht. Der Mode etwa, die immer mehr vom Skisport beeinflusst wurde. Die Keilhose, die in den 30er Jahren als olympische Ausrüstung aufkam, wurde in den 50er Jahren mit berühmten Trägerinnen wie Marilyn Monroe oder Ingrid Bergmann zur Damenhose schlechthin. Allerdings schrieben die Hüter einer sogenannten Sittsamkeit noch 1925: „Es tut schon in der Ehe selten gut, wenn die Frau die Hosen anhat, aber im unbarmherzigen Licht eines Gebirgstages noch viel weniger.“ Solche Trouvaillen birgt das Museum etliche, wie auch den Bericht des Skispringers Dieter Thoma über den Werdegang eines Kindes zur Springer-Weltspitze. Man spürt, dass eine unerbittliche psychische Härte sich selbst gegenüber nicht die unwichtigste Voraussetzung ist.

Der Skisport hatte auch "dunklere" Seiten

Überhaupt, der Skisport hat durchaus auch seine nicht so glanzvollen Seiten, macht der Olympiasieger und Weltmeister Thoma klar. Und zeigt in eine Ecke mit einem Paar weiß überstrichener Ski. Schwarzwaldski, für die Wehrmacht requiriert, der Schneefarbe angepasst und in den Weiten Russlands eingesetzt, wo so viele ihr Leben ließen. Im Krieg war auch sein Vater, Bergbauer und Skilehrer. Sieben Kinder waren sie, zu viele, als dass die Eltern alle durchbringen konnten. Georg, das „Jörgle“, wurde deshalb siebenjährig als Hütejunge auf einen anderen Hof geschickt. Um 5 Uhr stand er dort auf, machte den Stall, dann Butter, mit der er ins Dorf lief, um sie zu verkaufen. An Kleidung hatte er nur, was er am Leib trug, gelaufen ist er barfuß. „Gewaschen habe ich mich nie“, erzählt er. Wenn er im Regen fror, stellte er die Füße in die warmen Kuhfladen. Mit solchen Füßen und solchem Aufzug ging er auch einmal ins vornehme Parkhotel, um seine Butter anzubieten - aber er flog schneller raus, als er hineinspaziert war. Dies alles erzählt Georg Thoma in der Thoma-Stube des Museums, die voll ist mit seinen Siegerskiern, Pokalen, Medaillen, Zeitungsausschnitten und Fotos. Aber er weist kaum darauf hin, sondern auf eine bestimmte Tatsache: „Diese Zeit meiner Kindheit ist noch gar nicht so lange her - aber es hat sich alles verändert.“ Sagt’s und scheint es immer noch nicht so richtig zu fassen. Aber die Zeit im Wald hat ihn auch sportlich hart gemacht. Den „Schwarzwald-Kenianer“ nennt man ihn auch, weil er auf seinen kilometerlangen Wegen im steilen Gelände eine Kondition aufbaute, die ihn alles an Jugendrennen gewinnen ließ, wo der Vater ihn hingeschickt hatte. Etwa auf der Alb, in Onstmettingen.

Ein baumlanger Bayer beugte sich da am Start mitleidig zu dem kleinen Jörgle in seinen zusammengestoppelten Sachen herunter: Was er hier denn wolle? Doch die Antwort hörte der Bayer schon gar nicht mehr: Der Startschuss fiel, und weg war der Kleine aus dem Schwarzwald. Wie bei den Olympischen Spielen in Squaw Valley im Jahr 1960. Im Rennen trifft Georg Thoma, an den Händen die von der Oma gestrickten weißen Handschuhe, auf den Favoriten, natürlich einen Norweger. „Lauf die erste Hälfte 80 Prozent, und dann gib alles“, riet der Trainer. „Ich lauf gleich 100 Prozent. Was ich hab, das hab ich“, sagte Georg Thoma, tat dies - und gewann. Im Museum steht das alte Radio aus der Bauernstube der Thomas, vor dem die Familie das Rennen verfolgte. Zu den Fanfaren der Siegerehrung gibt es die fassungslose Stimme des Reporters wieder: „Der kleine. blonde, gedrungene Thoma hat das vollbracht, was wir nie für möglich gehalten haben.“ Georg Thoma lässt das Gerät gleich wieder ausschalten und sagt: „Von dieser Minute an war der Georg nicht mehr der Georg. Auf einen Schlag gehörst du jedem, kennen dich alle. Wenn du das nie gewohnt warst, tust du dich schwer. Ich habe oft zur Mama gesagt: Wäre ich doch langsamer gelaufen.“ Nun, er ist in das neue Leben gut reingekommen, hat den Ruhm, wie die ganze Thoma-Großfamilie, auch nutzen können, als der Schneetourismus Geld in die Heimat der Hütejungen brachte. Einmal aber hat ihn die Vergangenheit doch noch eingeholt. Das war bei seiner Rückkehr, als ihn seine Mitbürger begeistert empfingen. „Und jetzt“, sagte ihm der Bürgermeister, „gehen wir noch zu einem Empfang ins Parkhotel.“ Strahlend begrüßte ihn dort der Wirt. „Ich komme nur unter Protest“, sagte da der ehemalige Hütejunge.