Deutschlands kleinste Duftfabrik Eine Mischung aus Ofenheizung, Kohl und Schienen der Bahn

Korrespondenten: Katja Bauer (tja)

Ein Beispiel aus der Welt der verschwundenen Berliner Gerüche hat Tolaas vor einiger Zeit konserviert – sie hat lange danach gesucht: dem Geruch des Ostens. Gefunden hat sie ihn an der Jannowitzbrücke, im U-Bahnhof, wo sie in Ritzen herumwischte. „Es ist eine Mischung aus Ofenheizung mit Kohl, den Schienen der Bahn und einer ganz bestimmten Seife, die ich auch anderswo im Osten fand.“

Es ist nicht das, was die Touristen suchen, wenn sie am Checkpoint Charlie zwischen Grenzregimegrusel und Currywurst ganz schnell das Topsouvenir erwerben: den Duft von Berlin. Den gibt es keine 200 Meter vom ehemaligen Mauerverlauf entfernt in einem kleinen, ganz in Weiß gehaltenen Ladengeschäft in Flaschen. „Frau Tonis Parfum“ heißt das Geschäft – und ist das für das neue Berlin, was Herr Lehmann vielleicht in der goldenen Vorkriegsstadt war. Im Eiltempo rennen da manche Touristen herein, der Motor des Reisebusses läuft schon – sie wollen „Linde Berlin“ kaufen, „Eau de Berlin“, „Berlin Summer“ oder eben Marlene Dietrichs Veilchenduft. Der heißt hier auch Nummer 37 – was kein Wunder ist, denn alle Düfte kommen von Harry Lehmanns kleiner Parfumfabrik. Und werden von Stefanie Hanssen, der Erfinderin von Frau Toni, für eine etwas andere Zielgruppe übersetzt. Riecht genau gleich, findet aber ganz andere Abnehmer.

Hanssen ist Fachfrau für Rebranding, sie haucht angejahrten Hotels neues Leben ein. Frau Toni erfand sie aus Eigenbedarf. „Ich suchte ein bestimmtes Parfum, das ich gerochen hatte und versuchte es zu beschreiben. In keiner Parfumerie konnte man mir helfen.“ Sie bekam nur Empfehlungen für die Hits der Saison. Hanssen erzählte ihre Geschichte und fand einen Haufen Frauen, die es satt hatten, so zu duften wie die Dame am Nebentisch – alle sehnten sich nach etwas Individuellem.

Der letzte Schrei aus dem hippen Berlin

So kann man nun bei Frau Toni sein ganz individuelles Parfum zusammenstellen, Freundinnen treffen sich zum Schnupperkurs – und Touristen stürmen den Laden: „Berlin in a bottle“, titelte das „Wall Street Journal“, die brasilianische „Vogue“ erkor das Geschäft zum „Must Go“ in Berlin, und in einigen New Yorker Concept Stores sind die Düfte, die vor bald 90 Jahren in Harry Lehmanns feiner Nase entstanden sind, der letzte Schrei aus dem hippen Berlin.

Der Berliner Duft, er riecht eben für jeden anders. Neulich, so erzählt Hanssen, kam eine Gruppe britischer Herren zu Frau Tonis. Ausgewiesene Marlene-Dietrich-Fans auf Devotionalientour. Den Besuch am Ehrengrab hatten sie schon hinter sich. Nun wollten sie nur das eine: reines Veilchen. Zuckrig, aber mit Abgrund.




Unsere Empfehlung für Sie