Deutschlandticket in Frankreich In elf Stunden von Stuttgart nach Paris
Dank einer Sommeraktion können junge Menschen aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland mit dem Deutschlandticket kostenlos bis nach Paris reisen. Ein Selbsttest.
Dank einer Sommeraktion können junge Menschen aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland mit dem Deutschlandticket kostenlos bis nach Paris reisen. Ein Selbsttest.
Wer gibt schon 109 Euro aus, wenn man auch kostenlos nach Paris kommen kann? So viel hätte jedenfalls der ICE gekostet, wenn ich mich spontan dazu entschlossen hätte, von Stuttgart einen Ausflug in die französische Hauptstadt zu unternehmen. An diesem Dienstag aber fahre ich mit dem Deutschlandticket. In meinem Gepäck: Wasser, Cola, Laptop, Handy, Fotoapparat, noch ein wenig Kleinkram. Und das Wichtigste: jede Menge Geduld. Denn die werde ich noch brauchen.
Während Stuttgart plötzlich wieder mit frischen 17 Grad und Regen aufwartet, reise ich nach Paris, wo immerhin 24 Grad angesagt sind. Ganz so spontan geht es aber doch nicht. Um mit dem Deutschlandticket in Frankreich reisen zu können, gilt auf bestimmten Strecken eine Reservierungspflicht. Dazu zählt auch diejenige von Straßburg nach Paris. Über die App der französischen Staatsbahn SNCF reserviere ich mir also schon zwei Wochen im Voraus einen Platz. Mit der Anleitung auf der Website des baden-württembergischen Verkehrsministeriums ist das im Nu erledigt.
Das Deutschlandticket ist eine der größten Errungenschaften der jüngeren Vergangenheit. Mit einem Ticket für 58 Euro durch ganz Deutschland reisen, ohne sich mit Reservierungen und komplizierten Tarifen herumärgern zu müssen. Ein Projekt, um das uns ganz Europa beneidet. Vielleicht auch ein Projekt, das zukünftig mal auf ganz Europa ausgedehnt wird?
Zumindest mit dem Nachbarland Frankreich gibt es erste Ansätze für einen grenzüberschreitenden Regionalverkehr. Bereits zum zweiten Mal gibt es die Sommeraktion, bei der junge Menschen aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland mit dem Deutschlandticket Paris und die Region Grand Est erkunden können. Voraussetzung dafür ist, dass man unter 28 Jahre alt ist und seinen Wohnsitz in einem der drei Bundesländer hat. Als (zumindest auf dem Papier) junger Journalist erfülle ich diese Bedingungen.
Etwas schwieriger als die Reservierung für die Strecke von Straßburg nach Paris gestaltet sich die Planung für die Strecke Stuttgart – Straßburg. Denn das Verkehrsministerium schreibt: „In der Straßenbahn zwischen Kehl und Straßburg ist das Deutschland-Ticket in Frankreich nicht gültig. Bitte nutze für die Fahrten nach Straßburg die Regionalbahn RB 25 ab Offenburg.“ Also ab in die DB-App. Um herauszufinden, welcher Zug damit gemeint ist, ist allerdings etwas Rechercheaufwand nötig, denn von einem „RB 25“ ist nirgendwo die Rede.
Nach einigem Herumbasteln steht mein Reiseplan: Los geht es um 11.32 Uhr am Stuttgarter Hauptbahnhof, nach Umstiegen in Karlsruhe und Offenburg erreiche ich Straßburg. Vorsichtshalber plane ich mal zwei Stunden Puffer in Straßburg ein – bei der Deutschen Bahn weiß man ja nie. Von Straßburg geht es dann mit einem TER direkt bis nach Paris zum Gare de l’Est, wo für 21.23 Uhr die Ankunft geplant ist. Zum Vergleich: Mit dem ICE hätte es genau 3 Stunden 13 gedauert.
Es weht ein frischer Wind, als ich an besagtem Dienstag um 11.15 Uhr auf Gleis 6 des Stuttgarter Hauptbahnhofs stehe. Laut Plan soll der RE 1 nach Karlsruhe um 11.32 Uhr losfahren. Aber nur nach Plan. Als es so weit ist, steht noch immer ein ICE auf dem Gleis. Kurze Nachfrage beim Schaffner: „Wo fährt der Zug hin?“ „Nach Köln.“ „Und wo ist der Zug nach Karlsruhe?“ „Das weiß ich nicht, kann ich nicht sagen.“ Wissen tut es keiner, auch nicht die Fahrgäste, die nach Karlsruhe wollen und fälschlicherweise schon in den Zug eingestiegen sind. Sie müssen wieder den Rückzug antreten.
Um 11.36 Uhr kommt schließlich eine Durchsage: „Information zu ihrem RE 1 nach Karlsruhe, Abfahrt um 11.32 Uhr. Heute von Gleis neun.“ Also schnell drei Gleise weiter sprinten; am besten schnell an allen anderen vorbei, um sich einen guten Platz zu sichern. Und das war sinnvoll, denn die Menschen tummeln sich im Zug; die Sitzplätze reichen gar nicht aus. Um 11.41 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung. „Wir verlassen Stuttgart Hauptbahnhof mit einer leichten Verspätung von neun Minuten“, sagt jemand durch. Zugfahren in Deutschland halt. Manchmal braucht es dafür keine Erklärung.
Bei den neun Minuten Verspätung bleibt es aber nicht. Aus den eigentlich komfortablen 14 Minuten Umstiegszeit wird immer weniger, bis auf meinem Smartphone plötzlich die Push-Benachrichtigung reinkommt: „Anschluss nicht erreichbar. Bitte tippen Sie auf diese Nachricht, um eine alternative Verbindung zu wählen.“ Na toll.
Als der RE 1 in Karlsruhe einrollt, steht der Anschlusszug direkt am Gleis gegenüber, doch es ist bereits Abfahrtszeit. „Ich hoffe, wir schaffen es noch. Vielleicht wartet er ja“, sagt eine junge Frau, die zusammen mit ihrem Freund das gleiche Ziel hat wie ich. Die Türen öffnen sich, alle stürzen heraus. Wieder rennen, im Slalom vorbei an den älteren, langsameren Fahrgästen. Ein Sprung – und ich stehe drin. Geschafft. Dabei hätte ich mich gar nicht so beeilen müssen. Der Zug nach Offenburg hat ebenfalls drei Minuten Verspätung.
In Offenburg gestaltet sich der Umstieg deutlich entspannter, denn trotz fünfminütiger Verspätung ist der Anschlusszug noch gar nicht da. Der Zug nach Straßburg fährt schließlich mit 13 Minuten Verspätung ab. Wer mit der Bahn fährt, braucht gute Nerven. Und genügend zeitlichen Spielraum. Straßburg erreiche ich mit einer Viertelstunde Verspätung. Zeit für eine Pause.
Um 16.19 Uhr geht es schließlich weiter mit dem französischen Regionalzug TER nach Paris. Und zwar pünktlich. Fünf Stunden und vier Minuten muss ich mich jetzt noch gedulden, aber immerhin fährt der Regionalzug durch bis nach Paris – wenn auch mit zwölf Zwischenstopps. Im Zugabteil ist nur das Brummen des Motors zu hören, ansonsten ist es mucksmäuschenstill. Das liegt auch daran, dass fast niemand mitfährt. Für die Strecke bekommt man zwar einen festen Sitzplatz zugewiesen, aber praktisch herrscht freie Platzwahl. Beim ersten Halt in Saverne steigt auch noch die Frau neben mir aus. Es wird immer einsamer.
Wie viele junge Menschen von diesem Angebot Gebrauch machen? Das baden-württembergische Verkehrsministerium hat im vergangenen Jahr keine Daten erhoben, verweist aber auf eine nicht-repräsentative Umfrage von bwegt, der Mobilitätsdachmarke für den Nahverkehr im Land, von August und September vergangenen Jahres. Demnach haben von knapp 100 befragten jungen Menschen unter 28 Jahren zwölf Prozent die Aktion genutzt – was Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) als „gutes Ergebnis“ wertete.
„Auch das Webseite- und Social-Media-Monitoring während der Aktion 2024 gibt uns gute Hinweise darauf, dass das Angebot bei den jungen Menschen sehr gut angekommen und angenommen worden ist“, sagt ein Ministeriumssprecher. Insgesamt hätten Postings auf der Webseite und in Social-Media-Kanälen rund drei Millionen Aufrufe bekommen. Die Kommentare seien darüber hinaus „überwiegend positiv“ gewesen.
Der Zug tuckert unterdessen mit mäßiger Geschwindigkeit durch Waldstücke, durch einen gefühlt 20 Kilometer langen Tunnel. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wo ich mich gerade befinde, werfe ich einen Blick auf Maps. Auf der Karte ist Stuttgart immer noch näher als Paris. Ermutigend ist das nicht gerade. Aber immerhin geht es voran.
Erst um kurz vor halb neun kommt ein SNCF-Mitarbeiter zur Fahrscheinkontrolle. Das funktioniert erstaunlich reibungslos: Reservierung für den TER gezeigt, Deutschlandticket gezeigt, Personalausweis gezeigt – „Merci et bon voyage“, sagt der freundliche Schaffner und geht weiter. Draußen strahlt da gerade die Abendsonne. Es geht dem guten Wetter entgegen.
Auf der Karte fahren wir am Disneyland vorbei, Paris rückt immer näher. In der Ferne kann man schon einen Blick auf die Basilika Sacré-Cœur erhaschen. Und dann um 21.23 Uhr eine Punktlandung: Auf die Minute genau erreichen wir den Gare de l’Est. Knappe elf Stunden war ich nun unterwegs. Elf lange Stunden. Doch ich werde mit einem unglaublichen Panorama vom Eiffelturm vor dem Abendrot belohnt. Der Aufwand hat sich gelohnt.
Grundsätzlich ist es ja eine gute Sache. Doch ob es unbedingt Paris sein muss? Wer mit dem Deutschlandticket bis zum Eiffelturm kommen will, braucht Zeit. Viel Zeit. Doch das Ergebnis lohnt sich – versprochen.