Deutschsein als Konstrukt Sind Socken in Sandalen schützenswert?
In der Regel hat man eine Vorstellung davon, was deutsch ist. Aber schaut man genauer hin, sind die Beispiel schwammig und fragwürdig.
In der Regel hat man eine Vorstellung davon, was deutsch ist. Aber schaut man genauer hin, sind die Beispiel schwammig und fragwürdig.
Würde man alteingesessene Bewohner im Norden oder Süden, auf dem Land oder in einer Großstadt fragen, was „deutsch“ eigentlich bedeutet, so würden sie vermutlich das in den Ring werfen, womit sie groß geworden sind. „Hänschen klein“, Goethe oder Wilhelm Busch, Loriot, Pünktlichkeit und die gute alte deutsche Wertarbeit. Aber schon beim Essen gingen die Meinungen sicher auseinander. Hier Spätzle, dort Matjes, Sauerbraten oder Weißwurst, Grünkohl oder Handkäs mit Musik.
Aber wenn an diesem Wochenende der Landtag in Baden-Württemberg gewählt wird oder am 22. März in Rheinland-Pfalz, ist davon auszugehen, dass nicht wenige ihr Kreuzchen bei einer Partei machen, die verspricht, „deutsch zu denken“ und „deutsche Interessen“ zu vertreten – als wäre klar, was das genau meint. Aber selbst wenn man keiner rechtsradikalen oder nationalkonservativen Ideologie anhängt, hat man doch eine diffuse Vorstellung davon, was man für deutsch hält, einerlei, ob man es selbst ist oder von außen darauf schaut. Verbindlich sind diese Kriterien allesamt nicht.
Das Kunstmuseum Heidenheim wollte es genauer wissen und hat Künstlerinnen und Künstler befragt, was aus ihrer Sicht „Deutsch“ ist, so der Titel der Ausstellung, die am Wochenende eröffnet wird. Die Antwort von Anna Ley scheint einzuleuchten: Sie hat einen deutschen Reisepass in Öl gemalt, der unspektakulär anmuten mag, aber doch ein Bekenntnis ist: Deutsch ist oder wird man mit einem deutschen Pass. Der politische Plakatkünstler Klaus Staeck hat vor Jahren auf einem Plakat ein anderes Plädoyer zitiert, das in politischen Debatten schon häufig zu hören war: „Deutsch ist, wer in Deutschland Steuern zahlt.“
Marco Hompes vom Kunstmuseum Heidenheim hat für die Ausstellung auch Nicht-Künstler befragt und erhielt Antworten wie Kehrwoche, reservierte Liegen, Gartenzwerge oder Sauerkraut. Dass den Leuten vor allem alte Stereotype einfielen, brachte ihn zu der provokanten Frage: Wenn Socken in Sandalen als typisch deutsch gelten, sind sie dann schützenswert? Er hofft, dass die Ausstellung motiviert, kritisch nachzufragen, „wenn sie von einer Partei etwas vom Schutz deutscher Werte erzählt bekommen“, sagt Hompes und will zeigen, „dass es das typische Deutsche so gar nicht mehr gibt“.
Aber gab es je das typisch Deutsche? Schaut man in die Geschichte, muss die Antwort eindeutig Nein lauten. Die bereits von den Nationalsozialisten so gebetsmühlenartig beschworene gemeinsame Identität der deutschen Nation ist eine Schimäre. So selbstverständlich von Nation gesprochen wird, so schwierig wird es, den Begriff präzise zu definieren. Deshalb existieren ganz unterschiedlichste Theorien, Konzepte, begriffliche Bestimmungen und Kategorien. Einig ist man sich nur, dass Nation ein Konstrukt ist, das aus verschiedenen sozialen Faktoren hergestellt wird – mal ist es die Sprache, mal sind es kulturelle Aspekte oder auch biologistische Eigenschaften.
Sprachlich basiert der Begriff Nation, der um 1400 ins Deutsche aufgenommen wurde, auf dem Verb „nasci“, also geboren werden. Schon bald wurde er zum Kampfbegriff, aber nicht, um bestimmte Personen aus der Gemeinschaft auszugrenzen, sondern um den Kaiser zu ermahnen, dass er sich doch bitte um die nationalen Belange kümmern sollte – statt gegen die Türken zu kämpfen. Im 18. Jahrhundert waren es dann die gebildeten und kulturbeflissenen Bürger, die den Begriff der Nation politisch nutzten. Die meisten Menschen definierten sich damals eher über Familie, Dialekt und das soziale und kulturelle Umfeld. Das selbstbewusster werdende Bürgertum wollte Kaiser und Könige in die Schranken weisen und verbreitete die Idee einer imaginierten Nation. Dazu gründeten sie auch „Deutsche Nationaltheater“ in Hamburg, Mannheim, Berlin und Weimar.
Heute würde wohl niemand mehr eines dieser Nationaltheater anführen, eher identifiziert man sich mit Sport als über Kultur. Das thematisiert der Künstler Kai Fischer in seiner Serie „Patria“, Heimat, zu der zum Beispiel ein hölzernes Emblem des FC Bayern München gehört, das an der Wand hängt. Gerade die Logos, Farben und Zeichen von Fußballvereinen vermitteln den Fans ein Gefühl von Zugehörigkeit. Aber wer ist jetzt deutscher – der FC Bayern München oder der VfB Stuttgart?
Noch deutlicher als bei Sport und Speisen zeigt sich bei der Sprache, dass das Deutsche letztlich eine imaginierte Gemeinschaft ist und das gute Alte und Verbindende nie existiert hat. Denn über Jahrhunderte hinweg hatte jeder Landstrich seine eigene regionale Landesprache. Diese Sprachen waren so unterschiedlich, dass man sie sich wie eine Fremdsprache aneignen musste, um einander überhaupt verstehen zu können. Im 17. Jahrhundert bildete sich dann zumindest eine überregionale deutsche Schriftsprache heraus, gesprochen wurde jedoch weiterhin in regionalen Dialekten.
Dass der Schwabe sich heute problemlos mit einem Ostfriesen „auf deutsch“ unterhalten kann, ist keineswegs selbstverständlich und verdanken wir letztlich dem Radio. Als in den 1920er Jahren die ersten Rundfunkempfänger in den Privathaushalten Einzug hielten, mussten die Sprecher so reden, dass man sie von Nord bis Süd versteht. Dazu griff man auf die „Deutsche Bühnenaussprache“ zurück, die ein gewisser Theodor Siebs 1898 entwickelt hatte, damit man im 1871 gegründeten Deutschen Reich nicht nur eine gemeinsame Verfassung hatte, sondern endlich auch eine verbindliche Aussprache.
Ist dann also diese von oben diktierte Sprache das, was das „Deutsche“ ausmacht? Oder ist es der Toast Hawaii, den das Malerduo Albrecht und Wilke auf seinem Gemälde „Inselfieber“ vor einem Sonnenuntergang schweben lässt, als wolle der Reiseweltmeister Deutschland in der Ferne zwar Sonne und Strand, ansonsten aber nur, was er von zu Hause kennt? Oder sind es die Rote-Armee-Fraktion und der Nationalsozialistische Untergrund NSU, den der Fotograf Andreas Mühe für seine Serie „Freitag den 13.“ mit Personen in Innenräumen reinszeniert hat. Denkwürdig sind auch die Postkarten, die Bianca Patricia erstellt hat. Sie zeigen, wofür der Bodensee neben Fisch und Obst noch steht, nämlich die Rüstungsindustrie. Die Künstlerin hat die Panzer und Flugzeuge auch als Reliefs auf dünne Porzellanplatten geprägt, die so zerbrechlich sind wie der Wahrheitsgehalt hinter Symbolen.
Die Kunst scheint ein probates Mittel zu sein, bewusst zu machen, wie viele Fallstricke sich auftun, wenn man versucht, das Deutsche zu definieren wie auch die deutsche Kultur oder Nation. Denn mit vielem typisch Deutschen werden sich selbst überzeugte Nationalisten nicht identifizieren wollen. So werden in der Ausstellung in Heidenheim auch Fotos typischer Hinterhöfe gezeigt, in denen sich irgendwelcher Krempel stapelt; oder spießige Eigenheime, an denen die Besitzer so kuriose wie scheußliche Anbauten angebracht haben.
Ausstellung „Deutsch!“ vom 8. März bis 31. Mai im Kunstmuseum Heidenheim