„Deutschstunde“ an der Landesbühne Esslingen Das Wesen des deutschen Bürgers

Von Markus Dippold 

Laura Tetzlaff inszeniert Siegfried Lenz‘ „Deutschstunde“ an der Landesbühne Esslingen – und wählt ein falsches Konzept dafür.

Er spielt Mann und Kind abwechselnd:  Benjamin Janssen (li.) als Siggi Jepsen. Foto: Patrick Pfeiffer
Er spielt Mann und Kind abwechselnd: Benjamin Janssen (li.) als Siggi Jepsen. Foto: Patrick Pfeiffer

Esslingen - Was ist die Pflicht, und was sind die mit ihr verbundenen Freuden? Über diese Frage soll sich der Jugendliche Siggi Jepsen Gedanken machen. Zur Lebensbeichte wird ihm in Siegfried Lenz’ 1968 erschienenem Roman „Deutschstunde“ dieser Besinnungsaufsatz. Und er gerät ihm zu einer Auseinandersetzung mit dem Wesen des deutschen Bürgers in der NS-Zeit, den sein pflichtbesessener Vater verkörpert.

Laura Tetzlaff hat den Roman für die Württembergische Landesbühne Esslingen dramatisiert und ihre Textfassung selbst inszeniert. Die bei Lenz so wichtige Konstruktion von Rahmen- und Binnenhandlung verwischt sie dabei. Während Lenz seinem Protagonisten Siggi zwei deutlich unterscheidbare Stimmen gibt und die Perspektive des Kindes neben die des reiferen Jugendlichen stellt, woraus ein Gutteil des Romangehalts resultiert, rückt die Regisseurin allein die Binnenhandlung in den Fokus.

Kaum Tempo

Benjamin Janssen verkörpert Siggi, und der Erwachsene tut sein Bestes, um glaubhaft die kindliche Figur darzustellen. Oft macht er sich klein auf der Bühne, senkt den Kopf, wendet den Blick ab, vor allem, wenn seine dominante Mutter die Szene betritt. Doch weder dieser schauspielerische Tiefstatus noch die Ausgelassenheit in den kindlichen Spielen können über das Bühnenkonstrukt hinwegtäuschen. So vermisst man als Zuschauer zu oft den spannungsreichen Kontrast von kindlichem Erleben und jugendlicher Reflexion.

Lenz’ „Deutschstunde“ ist noch immer relevant. Preußisch pflichtbewusste Spießer wird es immer geben, national denkende Typen machen sich lauter denn je bemerkbar, und das intellektuelle, tolerante Künstlertum sieht sich an vielen Orten Angriffen ausgesetzt. Doch Laura Tetzlaff verschenkt letztlich das Potenzial dieses Stoffes, den sie als szenischen Reigen in schneller Folge auf die Bühne bringt. Seltsamerweise entwickelt der Abend kaum erzählerisches Tempo, sondern fließt eher breit, beinahe zäh dahin.

Weitere Vorstellungen am am 15 und 26. November und am 18. und 21. Dezember 2019.