DFB-Elf bei der EM Ann-Katrin Berger: die dribbelnde Torhüterin

Stark mit dem Ball am Fuß: Nationaltorhüterin Ann-Katrin Berger Foto: IMAGO/Shutterstock

Torhüterin Ann-Katrin Berger dribbelt gerne – Bundestrainer Christian Wück kritisiert das nach dem Viertelfinaleinzug der DFB-Elf bei der EM in der Schweiz offen.

Sport: Marco Seliger (sem)

Christian Wück überlegte nicht lange. „Nein“, antwortete der Bundestrainer nach dem Sieg der deutschen Fußballerinnen im zweiten EM-Gruppenspiel gegen Dänemark (2:1) in Basel auf die Frage, ob er mit dem riskanten Spiel seiner Torhüterin Ann-Katrin Berger einverstanden sei. Und: Mehr könne er dazu erst mal nicht sagen. Berger war am Dienstagabend mehrmals in Dribblings gegen dänische Spielerinnen gegangen und hatte sie so ins Leere laufen lassen, statt den Ball frühzeitig zu klären. Schon beim EM-Auftaktsieg gegen Polen (2:0) in St. Gallen war das öfters so zu sehen gewesen. Allein: Die riskanten Manöver der technisch versierten Torhüterin mit einem bewegten Lebensweg gingen stets gut.

 

Wer es nun wohlwollend mit Berger meint, attestiert ihr Ruhe und enorme Klasse mit dem Ball am Fuß. Wer die Kabinettstückchen der Keeperin anders interpretieren will, der bescheinigt ihr bei allen technischen Fertigkeiten im Spielaufbau einen so akuten wie unnötigen Leichtsinn. Wück also gehört eher der zweiten Fraktion an – und konnte dann auf dem Podium in Basel doch noch etwas mehr zu seiner Torfrau sagen: „Ich werde mich mit Ann-Katrin natürlich an den Tisch setzen, dass wir da andere Lösungen finden müssen – weil sonst werde ich bei diesem Turnier nicht mehr alt.“ Graue Haare hat der Coach ja schon, in Basel sind nun zumindest noch ein paar dazugekommen.

Eine knappe halbe Stunde später nach Wücks Worten auf der Pressekonferenz schritt Ann-Katrin Berger ein Stockwerk tiefer durch die Katakomben des St.-Jakob-Parks und wurde mit den Aussagen des Trainers konfrontiert. Und, was soll man sagen: Die Keeperin ließ nach den Däninnen vorher auf dem Platz nun auch noch Wück elegant aussteigen. Gelassen, gelassener – Ann Katrin Berger, so kann man das vielleicht sagen. Und das während der Partie und danach.

„Vielleicht sieht es bei euch so aus, aber ich muss sagen: Die drei Aktionen, die ich hatte, da hatte ich ein echt gutes Gefühl“, sagte die gebürtige Göppingerin also, die einst bei der KSG Eislingen und beim FV Vorwärts Faurndau das Kicken lernte. Höher habe ihr Puls bei den Dribblings gegen die Däninnen nicht geschlagen, so Berger weiter, denn: „Ich kriege im Training die ganze Zeit Druck – ich liebe es, Fußball zu spielen, und ich glaube, das ist einfach meine Art und Weise. Vielleicht kann man es minimieren, aber ich glaube, ganz raus werde ich es nicht bekommen.“ Mit Wück sprechen werde sie nun aber dennoch, um nach einer Lösung zu suchen. „Mal gucken, was der Cheftrainer zu sagen hat“, sagte die Keeperin und grinste: „Und mal gucken, ob wir eine Lösung finden, mit der wir beide einverstanden sind.“

Berger schockt so schnell nichts mehr

Wen Bergers Bierruhe inmitten der frisch vom Bundestrainer losgetretenen Debatte über ihre Spielweise nun überrascht, dem sei ein Blick in ihre Vita empfohlen. Im besten Sinne (und ohne jede Flapsigkeit) lässt sich da sagen: Die 34-Jährige schockt so schnell nichts mehr. Weil sie weiß, was es heißt, echte Schocks im Leben zu bewältigen.

Zweimal wurde bei Ann-Katrin Berger Schilddrüsenkrebs diagnostiziert. Zum ersten Mal im Jahr 2017, als einer Operation eine Tabletten-Therapie mit radioaktivem Jod folgte. Mehrere Tage lang lag Berger auf einer Isolierstation. Bald darauf (und so schnell es möglich war) kehrte sie auf den Platz zurück – weil der Sport ihr extrem geholfen habe, wie sie heute im Rückblick sagt.

Während der EM in England 2022, bei der Berger als Ersatztorhüterin war, erhielt sie die Nachricht, dass der Krebs zurückgekehrt war. Ihren Mitspielerinnen sagte sie nichts davon. Berger wollte jede Ablenkung verhindern, nach dem Turnier aber ging sie erneut offen mit der Krankheit um. „Wenn ich Menschen, die es vielleicht brauchen, ein bisschen Mut zusprechen kann, reicht mir das schon. Ich habe es durchlebt, ich habe eine Plattform, die muss ich nutzen“, sagt sie. Im Hinblick auf die überwundenen Krebserkrankungen hat Ann-Katrin Berger vor dem Beginn der EM in der Schweiz schließlich noch dies betont: „Ich hasse es zwar weiter, zu verlieren – aber vielleicht bin ich auf dem Platz noch entspannter als zuvor, weil ich gemerkt habe: Fußball ist nicht alles.“

Berger pariert die Kritik

Eine vom Bundestrainer losgetretene Debatte über ihre Spielweise? So etwas pariert die Torhüterin also wie jetzt in Basel geschehen so spontan wie entspannt und elegant. Weil es eben: Wichtigeres gibt im Leben.

Bergers Mitspielerinnen übrigens stärkten ihr am Ende im St.-Jakob-Park den Rücken. Stellvertretend dafür steht die Aussage der neuen Kapitänin und Innenverteidigerin Janina Minge: „Ann-Katrin strahlt eine enorme Sicherheit aus. Wenn ich den Ball zu ihr zurückspiele, weiß ich, dass er gut aufgehoben ist. Ich habe volles Vertrauen in sie.“

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