DFB-Elf bei der EM Christian Wück – auf dem Weg zum Frauenversteher
Christian Wück arbeitete zwölf Jahre lang im männlichen Nachwuchsbereich beim DFB. Seit August 2024 trainiert er die Fußballfrauen – und betritt auch bei der EM noch Neuland.
Christian Wück arbeitete zwölf Jahre lang im männlichen Nachwuchsbereich beim DFB. Seit August 2024 trainiert er die Fußballfrauen – und betritt auch bei der EM noch Neuland.
Am Montag war Freizeit angesagt. Sightseeing in Zürich, Zeit mit der Familie und ein Café-Besuch standen am freien Tag für die DFB-Elf auf dem Plan. Seine Spielerinnen, das betonte der Bundestrainer Christian Wück (52), dürften „den Kopf komplett ausschalten, das ist sehr wichtig aus meiner Sicht“.
Wenn die Spielerinnen denn bei der EM den Kopf in den entscheidenden Situationen auf dem Platz mal einschalten, ließe sich nach den Eindrücken beim 1:4 im letzten Gruppenspiel gegen Schweden und vor dem Viertelfinale am Samstag (21 Uhr/ZDF) in Basel gegen die bärenstarken Französinnen – neben Spanien die beste Mannschaft im bisherigen Turnier – nun vielleicht sagen. Wück jedenfalls ist die gute Stimmung außerhalb des Platzes nicht nur wichtig, sie ist für ihn eine Voraussetzung für Erfolg. So lässt der Coach seinen Spielerinnen Freiräume, was die Freizeitgestaltung angeht – und er hebt den Daumen bei spontanen, von den Spielerinnen geplanten Aktivitäten.
Als Wolfgang Petry noch im Vorbereitungscamp in Herzogenaurach seinen Auftritt beim DFB-Team hatte, der in den sozialen Medien viral ging, sang Wück Arm in Arm mit den Spielerinnen und seinem Stab fleißig mit (und tut das auch, wenn nach Siegen in der Kabine „Verlieben, verloren, vergessen, verzeih’n“ aus den Boxen dröhnt). Erst kürzlich lachte der Bundestrainer im Teamhotel in Zürich mit, als die für einen Abend von der Mannschaft verpflichtete Schweizer Komikerin Hazel Brugger im Besprechungsraum eine Sitzung der lustigeren Art abhielt.
Wück also achtet auf die Atmosphäre – wer aber immer denkt, dass da seit seinem Amtsantritt bei der Frauen-Nationalelf im August 2024 ein Gute-Laune-Bär in einer Wohlfühloase seinen Dienst tut, der irrt. So kann Wück auch hart und streng sein. Er ist stets offen und transparent im Innenverhältnis zu seinem Team – und nach außen. „Ich nehme es auf dem Platz genau und bin konsequent“, sagt der Coach, dessen offensive Spielweise gemeinsamen DFB-Zeiten von 2012 bis 2017 mit Offensivverfechter Hansi Flick (Flick war da Co-Trainer der Nationalelf und später Sportdirektor) entspringt.
Flankierend zur Konsequenz auf dem Platz spricht Wück auch in Interviews meist Klartext. Etwa, wenn er die schlechte Passqualität in den eher schwachen ersten EM-Vorrundenpartien gegen Polen (2:0) und Dänemark (2:1) moniert. Oder wenn er seine Torhüterin Ann-Katrin Berger ob ihrer lässigen Spielweise mit Ball am Fuß offen kritisiert („Wir müssen darüber reden, sonst werde ich nicht mehr alt bei diesem Turnier“).
Wück betont, angesprochen auf die Wohlfühlaktivitäten wie Sightseeing oder Singen mit Wolle Petry, dass er gerne in Vorleistung gehe – er aber im Gegenzug Leistung und extremen Willen von seinem Team verlange. Nun lässt sich nach den bisherigen Eindrücken beim Turnier in der Schweiz sagen, dass seine Elf mit Blick auf den Willen kaum Wünsche offen lässt – es aber bei den Leistungen noch Steigerungspotenzial gibt, um es vorsichtig auszudrücken.
Dabei ist Wück ja ein Experte darin, Mannschaften bei großen Turnieren auf das Top-Level zu führen. Mit den männlichen U-17-Junioren wurde der gebürtige Unterfranke 2023 erst Europameister, ehe wenige Monate später im selben Jahr der Weltmeistertitel folgte. Rund um diese Turniere betonte der Coach stets, was er auch jetzt bei der Frauen-EM in der Schweiz mantraartig beschwört: die berühmten deutschen Tugenden (Wille, Charakter, Fleiß), die für ihn geschlechter- und altersunabhängig gelten und die er als Trumpf einer jeden deutschen Elf sieht.
Nun aber musste sich der Traditionalist Wück ja zuletzt ein bisschen umstellen. So ging es im vergangenen Sommer nach insgesamt zwölf Jahren als Trainer von männlichen Nachwuchsteams beim DFB zu den erwachsenen Frauen. Wesentlich verändert hat sich für Wück auf den ersten Blick nicht viel. So zumindest sagt das der Franke mit dem fränkischen Zungenschlag selbst: „Grundsätzlich bleiben die fußballerischen Inhalte gleich, die ich jetzt vermittele, auch die Ansprache und mein Führungsstil passen bei den Spielerinnen bisher gut: Nah an der Mannschaft sein, offen kommunizieren und ehrliches Feedback geben.“ Eine Sache sei aber anders: „Als Juniorentrainer bei den Jungs hatte ich schon das eine oder andere Mal Konflikte unter Spielern, die ich lösen musste.“ Jetzt, bei den DFB-Frauen, habe es das seit Amtsantritt noch nicht gegeben: „Ich weiß aber nicht, ob das an der Struktur unseres Kaders liegt – oder ob das bei den Frauen generell so üblich ist.“
Die männlichen U-17-Junioren unterscheiden sich laut Wück, der früher als Stürmer beim 1. FC Nürnberg und beim KSC aktiv war, in noch einem Punkt von seinen DFB-Frauen. So hat der Coach bei seinem U-17-Nachwuchs einst „die Mischung aus Gangstern und Schwiegersöhnen“ als einen der Erfolgsgründe genannt. Den Gangstern musste Wück dabei nicht viel erklären, denn die machten sich keinen Kopf. Der Trainer musste sie, vereinfacht gesagt, einfach rennen und kicken lassen. Bei den erwachsenen Fußballfrauen dagegen gestalten sich die Dinge anders: Sie wollen mitgenommen werden, die Dinge erklärt bekommen, alles verstehen.
Daran muss sich der Fußballlehrer Christian Wück auch im Laufe der Europameisterschaft immer noch gewöhnen. Immerhin: Ein Lapsus passiert ihm beim Turnier in der Schweiz im Gegensatz zu seiner Anfangsphase bei den DFB-Frauen nicht mehr. Da sorgte Wück mal für Gelächter auf dem Trainingsplatz, als er dies rief: „Ey Jungs, passt doch auf!“