DFB-Elf bei der EM Elisa Senß mag es eklig

Vorsicht, Elisa Senß kommt! Hier muss die Dänin Sanne Troelsgaard (re.) aufpassen. Foto: IMAGO/Jan Huebner

Die 1,61 Meter große Mittelfeldabräumerin macht bei der EM mit ihrer resoluten Spielweise Eindruck und ist nun gegen Frankreich gefordert.

Sport: Marco Seliger (sem)

Ob Andreas Rettig sich schon mal über den Überschwang seiner Nebensitzerin Nia Künzer in den Schweizer EM-Stadien gewundert hat, ist nicht überliefert. Der Sport-Geschäftsführer des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist nah dran am deutschen Frauenteam beim Turnier in der Schweiz und wird auch beim Viertelfinale an diesem Samstag gegen Frankreich in Basel (21 Uhr/ZDF) wieder neben der Sportdirektorin des DFB-Teams Platz nehmen. Gut möglich ist es, dass Künzer auf der Tribüne wieder jubelnd aufspringt, die Faust ballt und Schreie in Richtung Platz loslässt, wenn es sonst keiner tut im ganzen Stadion (auch Nebensitzer Rettig nicht). Denn es hat sich zum bewährten Schauspiel entwickelt, dass die Weltmeisterin von 2003 gewonnene Zweikämpfe von Elisa Senß lauthals abfeiert.

 

Die defensive Mittelfeldspielerin macht Eindruck in der Schweiz. Senß ist eine der wenigen deutschen Lichtblicke im Turnier – und kann mit ihrem aggressiven Spiel nicht nur Künzer mitreißen, sondern auch ein ganzes Team. Auf die gebürtige Oldenburgerin wird es nun am Samstag im Zentrum ankommen, um die spielstarken und nach den Eindrücken der Vorrunde favorisierten Französinnen in den Griff zu bekommen.

Was es braucht im deutschen Spiel, ist Senß pur. „Ich übernehme hier die Rolle des Abräumers, ich führe unglaublich gerne Zweikämpfe, das macht mir Spaß“, sagt die 27-Jährige über ihren Ansatz: „Ich mag das Aggressive, das Eklige, ich weiß genau, wann ich meinen Körper reinstellen muss.“ Ihr Trick sei es, einen anderen Körperschwerpunkt zu haben, sodass sie nicht Schulter an Schulter mit der Gegenspielerin drücke.

Ohne Rücksicht auf Verluste

Der niedrigere Körperschwerpunkt erklärt sich mit der Statur der Abräumerin. Senß ist 1,61 Meter groß und 55 Kilogramm schwer – und gewinnt gegen größere Spielerinnen teils Zweikämpfe, die sie auf den ersten Blick nicht gewinnen kann. Senß wühlt sich durch und windet sich um die Gegnerinnen herum, auf engem Raum. Und wenn Ball und Gegner aus der Ferne in Sicht sind, gibt es kein Morgen mehr. Die Mittelfeldspielerin von Eintracht Frankfurt zieht dann gerne durch, ohne Rücksicht auf Verluste, teils mit Anlauf. So kam es in der EM-Vorrunde schon vor, dass am Ende der Ball und die Gegenspielerin durch die Luft flogen, gerne mal in unterschiedliche Richtungen. Senß blieb stehen. Und Nia Künzer stand auf und johlte auf der Tribüne.

„Mich unterschätzen manche Gegnerinnen wegen meines Körpers“, sagt Senß. Besagte Gegnerinnen sind dann erstaunt, mit wie viel Kraft und Energie die eher zierlich anmutende Deutsche in den Zweikämpfen auftritt.

Unterschätzt wird die Vertreterin der bei der EM verletzt fehlenden deutschen Mittelfeldchefin Lena Oberdorf (FC Bayern) auch in der öffentlichen Wahrnehmung, weil sie lange unter dem Radar des großen Fußballkosmos spielte und nun auch im Laufe der EM noch nicht die Berühmtheit vieler Teamkolleginnen in der DFB-Elf erlangt hat. „Ich habe mich relativ spät entwickelt und immer kleine Schritte gemacht, die mit gutgetan haben“, sagt Senß über ihren Weg, der erst im Dezember 2023 ins Nationalteam führte – unter dem damaligen Interimstrainer Horst Hrubesch.

Zuvor hatte sie zu ihrer Zeit beim Bundesligisten SGS Essen bis vor drei Jahren noch auf der Krankenstation in der Unfallchirurgie als Medizinische Fachangestellte gearbeitet. An OP-Tagen von 7 bis 16 Uhr – danach ging es zum Training. „Meine Hauptaufgabe war ärztliche Assistenz, mir hat das superviel Spaß gemacht, weil ich Menschen sehr gerne helfe“, sagt Senß. Inzwischen sei sie aber dankbar, „dass ich als Profi nur noch Fußball spielen kann“.

Jetzt ist Senß fit

Die Doppelbelastung mit dem Job in der Unfallchirurgie hatte vorher dazu geführt, dass Senß Tage hatte, die von 6 bis 22 Uhr gingen. Oft stand sie nach dem Arbeiten müde auf dem Trainingsplatz. Jetzt ist sie fit – und für die ehemalige Schweizer Nationaltorhüterin und aktuelle ZDF-Expertin Kathrin Lehmann „die Entdeckung der vergangenen zwölf Monate im Frauenfußball“.

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