DFB-Frauen bei der EM Das Drama um Giulia Gwinn und die Folgen

Am Boden: Giulia Gwinn beim EM-Auftakt in St. Gallen. Foto: IMAGO/Ulmer/Teamfoto

Für die deutsche Kapitänin ist die EM nach der in der Auftaktpartie erlittenen Knieverletzung zu Ende. Wie geht es jetzt weiter?

Sport: Marco Seliger (sem)

Die Fotografen hatten sich längst in Position gebracht vor dem deutschen EM-Teamquartier am Samstagmittag, und was sie da irgendwann vor dem Luxushotel in Zürich vor die Linse bekommen sollten, verhieß nichts Gutes. Giulia Gwinn, die verletzte deutsche Kapitänin, schleppte sich nach der Untersuchung am Vormittag geknickt auf Krücken ins Hotel. An ihrem lädierten linken Knie trug sie eine Schiene.

 

Die durchgesickerten Fotos der Rechtsverteidigerin, die vor dem Hotel am Mittag nach dem tränenreichen Auftakt von ihren Eltern und ihrem Freund Constantin getröstet wurde, ließen schnell erahnen, was der DFB wenig später bekannt gab: Die EM ist für die Anführerin schon nach der ersten Partie gelaufen – dennoch hatte die verletzungsgeplagte Münchnerin wohl Glück im Unglück.

So erlitt Gwinn am Freitagabend beim 2:0-Sieg gegen Polen im ersten Gruppenspiel in St. Gallen eine Innenbandverletzung im linken Knie. „Die Ausfallzeit beträgt voraussichtlich mehrere Wochen. Das weitere Vorgehen wird mit allen Beteiligten besprochen“, teilte der DFB am Samstagnachmittag mit. Das ist bitter genug, für Gwinn und das deutsche Team. Doch wer die Krankenakte der mehrfachen deutschen Meisterin des FC Bayern München kennt, der weiß: Es hätte schlimmer kommen können – wieder einmal. Denn Gwinn hatte sich zuvor schon zweimal das Kreuzband gerissen (2020 und 2022). Genau das wurde nun nach der tränenreichen Auswechslung in St. Gallen kurz vor dem Ende der ersten Hälfte wieder befürchtet. Der schlimmste Kniefall ist aber jetzt nicht eingetreten.

Dennoch sei Gwinn, nun „niedergeschlagen“, sagte die DFB-Sportdirektorin Nia Künzer am Samstagnachmittag in einer kurzfristig einberufenen Medienrunde in Zürich. Ob die Kapitänin beim Team bleiben oder für weitere Untersuchungen abreisen werde, soll, so Künzer weiter, „mit allen in Ruhe“ geklärt werden. Eine Nachnominierung ist für den Bundestrainer Christian Wück jetzt nicht mehr möglich, weil Feldspielerinnen nur bis 24 Stunden vor dem ersten Spieltag ersetzt werden dürfen. Die aus Lindau stammende Innenverteidigerin und bisherige Stellvertreterin Janina Minge (26) ersetzt Gwinn nun als deutsche Kapitänin.

Das Gesicht des Teams

Klar ist: Allein von der Außenwirkung her wird Minge mit der etatmäßigen Spielführerin nicht mithalten können. Denn Gwinn war und ist das Gesicht des deutschen Teams. Die 26-Jährige war rund um die EM in der Schweiz omnipräsent mit zahllosen TV-Auftritten, Fotoshootings und anderen Aktivitäten. Gwinn gab die so eloquente wie smarte Anführerin und betonte die flache Hierarchie im Team, auf die sie wert lege. Womöglich profitiert das deutsche Ensemble nach der Verletzung jetzt genau davon: Dass die Verantwortung fürs große Ganze eben nicht allein auf ihren Schultern lag. Und Gwinn eben keine Alleinunterhalterin war und ist.

Rein sportlich soll aller Voraussicht nach die 21 Jahre alte Carlotta Wamser Gwinn im restlichen EM-Verlauf ersetzen. Schon gegen Polen in St. Gallen kam die Rechtsverteidigerin von Eintracht Frankfurt für Gwinn in die Partie – und überzeugte. An beiden Toren durch Jule Brand (52.) und Lea Schüller (66.) war sie beteiligt. Sie beeindruckte mit ihrer Wucht, der defensiven Stabilität und ihren Flankenläufen in der Offensive. „Man muss da auch immer sehen, wie jung Carlotta noch ist“, sagte Bundestrainer Wück hinterher: „Sie hat das toll gemacht, ich bin hundertprozentig zufrieden mit ihr.“

Wück sagte das eine knappe Stunde nach dem Abpfiff am Freitagabend in St. Gallen. Vorher war das komplette deutsche Team direkt nach dem Schlusspfiff in die Kabine geeilt, um der niedergeschlagenen Gwinn Mut zuzusprechen. Jede Spielerin, so war hinterher zu hören, hat die Kapitänin in den Arm genommen. Erst danach bedankte sich das deutsche Team draußen bei den Fans – die in St. Gallen Zeugen eines kleinen Dramas geworden waren kurz vor der Pause.

In Minute 36 hatte Gwinn im Strafraum gegen Polens Stürmerin Ewa Pajor grätschend eine Topchance verhindert, verdrehte sich dabei aber das Knie. Unter Tränen verließ die Rechtsverteidigerin den Rasen, nachdem sie zunächst unter dem stürmischen Jubel der Fans auf das Feld zurückgekehrt war, dann aber schnell abermals zu Boden sank.

Die Leiden der Gwinns

„Es war schon ein Schock für uns alle“, sagte Torschützin Jule Brand nach der Partie: „Wenn Giuli liegt, dann ist es nie was Gutes, weil sie normal immer wieder direkt aufsteht.“ Sportdirektorin Künzer wiederum hatte noch während der Halbzeitpause auf der Tribüne in St. Gallen den Weg zu Gwinns Eltern gesucht, die das EM-Aus ihrer Tochter auf der Tribüne mitansehen mussten.

Am Samstag dann waren die Gwinns rund um das Mannschaftshotel in Zürich wieder vereint: in trauriger Eintracht.

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