DFB-Frauen bei der EM Jule Brand: Genie und Wahnsinn

Daumen hoch: Jule Brand beim EM-Auftakt in St. Gallen Foto: /Ulmer/Teamfoto

Die Außenstürmerin ist die Unterschiedsspielerin im deutschen EM-Kader. Allerdings fehlt es der 22-Jährigen an Konstanz. Im Leben bezeichnet sie sich als verpeilt und tollpatschig.

Sport: Marco Seliger (sem)

Christian Wück ist seit August 2024 Bundestrainer der deutschen Fußballfrauen – genügend Zeit, um seine Spielerinnen und deren Charaktereigenschaften kennenzulernen und einzuordnen. Wücks wohl speziellster Fall hört auf den Namen Jule Brand. Weil die Außenstürmerin ohne Zweifel eine der wohl herausforderndsten Charaktere im deutschen EM-Kader ist. „Wenn man Jule Brand in ein Konzept stecken würde, würde man ihr alles nehmen, was sie auszeichnet“, sagt Wück also über die gebürtige Pfälzerin, die beim 2:0 im Auftaktspiel gegen Polen in St. Gallen das Führungstor schoss, den zweiten Treffer durch Lea Schüller vorbereitete und später folgerichtig zur Spielerin des Spiels ausgezeichnet wurde. Wück ergänzt: „Jule ist eine Spielerin, die Fußball spielen möchte, ohne große Regeln oder Einschränkungen.“

 

Es ist nicht überliefert, dass der Bundestrainer rund um die erste deutsche EM-Partie ein zweites „Ich“ gefunden hat oder es einen Doppelgänger gibt, der plötzlich ganz andere Sachen redet – es muss ein und derselbe Wück gewesen sein, der am Ende in St. Gallen neben Jule Brand auf dem Pressepodium saß und plötzlich doch dezidiert von Regeln und Einschränkungen sprach, die er seinem speziellen Schützling in der Halbzeitpause mit auf den Weg gegeben hat: „Jule hat sich viel zu früh von außen nach innen bewegt“, sagte der Coach und kam dann zu seiner persönlichen kleinen Brand-Rede: „Wir haben ihr in der Halbzeit noch mal klar dargelegt, dass ihre Stärke im Eins-gegen-eins liegt und sie mit Tempo auf die Gegenspielerinnen zulaufen kann.“

Ziemlich viele Regeln waren das plötzlich für Brand – die sie allerdings in Hälfte zwei famos umsetzte. Merke: Ein bisschen Ordnung und klare Ansagen können auch dem größten Freigeist offenbar nicht schaden, sondern manchmal sogar ein wenig helfen. Es hätte am Ende nicht mehr viel gefehlt, und Wück hätte sich auf dem Podium im Kybunpark zu St. Gallen fast selbst auf die Schulter geklopft. Mächtig stolz war er auf Brands Leistung in der zweiten Halbzeit: „Es freut mich unheimlich, dass Jule gemerkt hat, dass unsere Tipps zu etwas gut sind“, sagte der Bundestrainer mit einem Lächeln. „Sie hat für uns das Spiel entschieden – so wie sie in der zweiten Halbzeit gespielt hat, sind wir sehr zufrieden.“

Mit Brand steigert sich das Team

Die Gepriesene selbst wagte da jedoch zumindest einen kleinen Widerspruch: „Es war nicht mein bestes Spiel“, sagte Brand und hatte mit dem Blick auf die erste Hälfte recht. Da taugte ihr Auftritt als Sinnbild für das gesamte deutsche Team, das fahrig, nervös und ohne die richtigen Positionierungen agierte. Die Flanken und die Pässe im letzten Offensivdrittel gerieten bisweilen zur Katastrophe: bei Brand und dem gesamten deutschen Team. Mit Brand steigerte sich dann die gesamte Elf in der zweiten Hälfte, fertig war der Arbeits- und Auftaktsieg.

Zu später Stunde stimmte die Spielmacherin Linda Dallmann am Freitag in der Mixed Zone von St. Gallen noch eine Lobeshymne auf die Matchwinnerin an: „Ich bin immer wieder fasziniert von Jule Brand – auch davon, was sie im Training zeigt und wie dominant sie gegen jeden Gegner spielt, egal gegen welche Nation. Gerade international hat sie sich enorm entwickelt, und sie hat jetzt gegen Polen defensiv sehr stark mitarbeitet, viele Bälle für uns erobert.“

Brands Problem aber bleibt die Konstanz. Der Freigeist schwankt in seinen Leistungen. Sie sind mal Weltklasse, mal tritt die 22-Jährige kopflos und konfus auf. Oder anders: Jule Brand ist Genie und Wahnsinn in einem. Und das nicht nur auf dem Platz, wenn man so will. So sagt die 61-malige Nationalspielerin über sich selbst, dass sie im Leben etwas verpeilt und tollpatschig unterwegs sei. Die Kapitänin Giulia Gwinn wurde, garniert mit einem Augenzwinkern, kurz vor dem EM-Start noch deutlicher: „Ich glaube, wenn bei Jule der Kopf nicht angewachsen wäre, würde sie ihn schon mal vergessen.“

So einem Schussel, das lehrt das Leben, kann es mitunter ja nicht schaden, wenn er mal raus aus der Komfortzone kommt und einen Schritt in Richtung Selbstständigkeit macht. Dachte sich so offenbar auch der Schussel selbst – denn Jule Brand, vorher beim VfL Wolfsburg, steht seit Anfang Juli beim französischen Spitzenclub Olympique Lyon unter Vertrag. Neues Land, neue Sprache: Brand verspricht sich in ihrer Entwicklung viel von diesen Impulsen. „Ich habe sehr viel Respekt davor. Aber ich weiß einfach, dass ich das brauche“, sagt sie über ihren Wechsel ins Nachbarland. Die Wohnungssuche in Lyon läuft, an ihrem Französisch muss Brand dagegen noch arbeiten, wie sie selbst zugibt. Zumindest einen Kaffee kann sie sich dank einer Sprachlern-App auf dem Handy schon mal bestellen.

Am Dienstag gegen Dänemark

Das aber ist noch Zukunftsmusik, aktuell zählt die Europameisterschaft in der Schweiz, wo es in den gängigen Lokalen statt „Café“ bekanntlich „Schümli“ zu bestellen gibt – und wo Teamkollegin Linda Dallmann zutiefst überzeugt ist von Brands Qualitäten: „Ich glaube“, sagte sie noch in St. Gallen, „dass Jule einen ganz großen Weg vor sich hat“. Im zweiten Gruppenspiel an diesem Dienstag (18 Uhr/ARD) gegen Dänemark in Basel will der Freigeist Brand den nächsten Schritt gehen.

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