Timo Werner, Kai Havertz und Co. DFB-Spieler als Exportschlager
Timo Werner, Kai Havertz, Luca Waldschmidt, Robin Koch und noch viele mehr. Deutsche Nationalspieler zieht es zu ausländischen Clubs – aus vielschichtigen Gründen.
Timo Werner, Kai Havertz, Luca Waldschmidt, Robin Koch und noch viele mehr. Deutsche Nationalspieler zieht es zu ausländischen Clubs – aus vielschichtigen Gründen.
Köln - Julian Draxler (27) sprach am Dienstag von einem verlorenen Jahr bei Paris Saint-Germain. Der Nationalspieler saß meist nur auf der Bank beim Team von Trainer Thomas Tuchel, er hatte obendrein immer wieder mit Verletzungsproblemen zu kämpfen – und dachte bis zum Schließen des Transferfensters am Montagabend an einen Wechsel, auch ein Transfer in die Bundesliga war bis zuletzt im Gespräch. Es habe aber alles nicht gepasst, weshalb er jetzt versuche, sich in Paris durchzubeißen, sagte Draxler noch. Und kam dann zur Kernbotschaft.
Der Offensivmann, der seit fast vier Jahren in Paris spielt, ist ja im Kreise der Nationalelf so etwas wie ein Vorreiter, was sein Engagement im Ausland angeht. Dem Eigengewächs des FC Schalke ist es vor dem Freundschaftsspiel gegen die Türkei an diesem Mittwoch in Köln (20.45 Uhr/RTL) nicht entgangen, dass in diesem Sommer viele seiner Teamkollegen in der Auswahl von Joachim Löw nachgezogen haben – und es ist nicht übertrieben, zu behaupten, dass sich deutsche Nationalspieler in den vergangenen Wochen zu echten Exportschlagern entwickelt haben.
„Goodbye Deutschland“ – so heißt das Motto in Teilen des deutschen Teams. Und der Schritt in die Ferne, so sagt das Julian Draxler trotz seines verlorenen Jahres in Paris, der sei jedem Profi nur zu empfehlen: „Ich habe keine Minute im Ausland bereut“, sagt der Offensivmann im Gespräch mit unserer Zeitung, „weder privat noch sportlich.“ Das Ausland bringe einen als Menschen weiter, ergänzt Draxler noch, und das allein schon wegen der fremden Kultur, die man kennenlerne.
Das tun gerade einige Nationalspieler seit diesem Sommer. Und viele der fußballerischen Auswanderer aus der DFB-Elf versuchen ihr Glück im Gegensatz zu Draxler, der die deutsche Not-Elf an diesem Mittwoch gegen die Türkei als Kapitän aufs Feld führen wird, auf der Insel. Timo Werner und Kai Havertz wechselten nach London zum FC Chelsea, wo der Abwehrmann Antonio Rüdiger bereits auf sie wartete. Innenverteidiger Robin Koch zog es vom SC Freiburg zum Premier-League-Aufsteiger Leeds United, Angreifer Luca Waldschmidt hingegen ging aus Freiburg zu Benfica Lissabon.
Sie alle stehen wie die weiteren Legionäre Bernd Leno, Robin Gosens und Toni Kroos im Kader für den Länderspielblock mit den Partien gegen die Türkei an diesem Mittwoch und die Spiele in der Nations League am Samstag in der Ukraine und am Dienstag darauf in Köln gegen die Schweiz. Der Trend im DFB-Team geht also zur Gastarbeit – was der Bundestrainer Joachim Löw grundsätzlich positiv bewertet, da er „in den letzten zehn Jahren schon einige Spieler“ gesehen habe, die im Ausland „gereift“ seien.
Ein Paradebeispiel dafür ist der Neu-Münchner Leroy Sané, der im Alter von 20 Jahren von Schalke 04 zu Manchester City gewechselt war und dort einen Schritt in Richtung Weltklasse gemacht hat. Löw aber hat bei aller Freude über die Weiterentwicklung seiner Jungs im Ausland auch ein weinendes Auge, denn: „Wenn viele großartige Spieler aus der Bundesliga gehen, ist das immer etwas Negatives – weil die deutschen Fans natürlich auch gerne solche Spieler sehen.“
Für Robin Koch und seine Planungen war dieses Argument selbstredend nicht entscheidend im Sommer – sein Wechsel vom SC Freiburg zu Leeds United nach England erfolgte – wie das so ist bei den Profis dieser Welt – aus persönlichen und nicht aus romantischen Gründen. Und auch bei Koch spielte es sicher eine Rolle, dass er in England ein paar Euros mehr verdient als zuletzt in Freiburg. Der Nationalspieler sagte am Dienstag in Köln allerdings auch, dass er unbedingt raus wollte aus der Komfortzone Freiburg: „Ich will mich nicht nur fußballerisch, sondern auch persönlich weiterentwickeln.“
So oder so ähnlich äußerte sich bisher noch fast jeder Profi, der die berühmte neue Herausforderung im Ausland sucht. Das Beispiel Kochs zeigt aber auch, dass jeder Transfer einzeln zu bewerten ist – bei Koch war es so, dass er sofort angetan war von der Spielidee in Leeds, die der argentinische Trainerguru Marcelo Bielsa, den Pep Guardiola gerne als sein Vorbild bezeichnet, vorgibt. „Wir sollen immer offensiv verteidigen“, sagt Koch dazu, „und ein guter Spielaufbau ist extrem wichtig.“ Das komme ihm entgegen, sagte der Abwehrmann noch. Und: „Davon kann ich auch in der Nationalelf profitieren.“
Auch Timo Werner will in England vorankommen. Über seine Beweggründe für den Wechsel zum FC Chelsea sagt der gebürtige Stuttgarter: „Es erfordert eine Weiterentwicklung, wenn man ins Ausland geht und sich in einer fremden Sprache organisieren muss. Die Premier League wird mich anders fordern.“
Bei allem deutschen Sturm und Drang ins Ausland aber lässt sich mit Blick auf die Struktur in der DFB-Elf aus übergeordneter Sicht festhalten, dass der große Block des FC Bayern weiter das Gros des Kaders stellen wird – die Münchner aber andererseits auch ein Grund dafür sind, dass viele Nationalspieler ins Ausland wechseln. Denn die Bundesliga scheint aus Profisicht gerade nicht viele Möglichkeiten zu bieten, wenn man sehr begabt ist und den nächsten Schritt machen will. Weil sich bei den Bayern eben oft kein Platz findet. Und der zweite Spitzenclub Borussia Dortmund zudem vermehrt auf ausländische Toptalente setzt. Da ist der Schritt ins Ausland für viele Nationalspieler der folgerichtige.