DFB-Team gegen Australien Auf die chilenische Tour

Weil Außenverteidiger in der Fußball-Nationalelf fehlen, testet der Bundestrainer Joachim Löw an diesem Mittwoch (20.30 Uhr/ZDF) gegen Australien eine Dreierabwehrkette.

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Frankfurt - Joachim Löw verzog keine Miene. Der Bundestrainer hatte gerade Zeigefinger und Daumen der rechten Hand zu einem Kreis geformt und war beim Endlosthema Lukas Podolski angekommen, als die im fensterlosen Presseraum der Frankfurter Arena vor dem Podium kauernden Fotografen die Auslöser auf Dauereinsatz schalteten. Solch ausdrucksstarke Gestik kommt ja nicht so oft bei dem in sich ruhenden Badener vor, und einen Tag vor dem Freundschaftsspiel gegen Australien in Kaiserslautern (20.30 Uhr/ZDF) war damit das passende Motiv geliefert.

„Oberste Priorität ist, dass wir in Georgien gewinnen. Und gegen Gibraltar im Juni sowieso. Wenn wir noch mehr Punkte verlieren, geraten wir noch viel mehr unter Zugzwang.“ Der im dunkelblauen Retro-Shirt gekommene Löw legte dabei einen ausgesprochen fordernden Tonfall in die Stimme. Noch sorgt er sich nicht wirklich um die Zugangsberechtigung für die EM-Endrunde 2016, aber dem 55-Jährigen dämmert allmählich, dass der Lorbeer des WM-Titels immens an Wert verlieren würde, sollte die DFB-Auswahl bei Pflichtaufgaben weiter patzen. Die Beschreibung des Istzustands darf dabei ruhig als Mahnmal durchgehen: „Wir haben im Moment nicht die einmalige Einheit wie bei der WM und sind auch nicht auf dem Leistungsniveau.“

Taktische Studienreisen

Taktische Studienreisen

Gemeinsam mit seinem Schweizer Mastermind Urs Siegenthaler hat Löw längst ausgeknobelt, wo der Hebel angesetzt werden kann: Die DFB-Scouts sind nach Italien und Chile ausgesandt worden, um sich über die Vorzüge einer Dreierabwehrkette aus erster Hand zu informieren. Damit soll am ehesten der Mangel an international konkurrenzfähigen Außenverteidigern kaschiert werden. Weniger die starre Interpretation von Teams wie Juventus Turin gilt Löw dabei als vorbildhaft, sondern die chilenische Spielart, die ihm schon vor einem Jahr beim direkten Aufeinandertreffen in Stuttgart schwer beeindruckte. „Es gibt verschiedenste Varianten, die wir im Laufe des Jahres mal ausprobieren werden. Nur darf niemand erwarten, dass wir das über Nacht verinnerlichen.“

Vor allem nicht bei so wenig Trainingszeit: Tatsächlich hat Löw ja nur die gestrige Einheit in der Frankfurter Arena zum gemeinsamen Üben gehabt. „Bei der Systematik wird nicht auf Knopfdruck alles verändert.“ Aber das Motto gelte: „Testen und Fehler machen.“ Verfährt nicht auch so beim Ligaprimus FC Bayern der geschätzte Vereinskollege Pep Guardiola, der noch munter während einer Partie zwischen Dreier- und Viererkette hin- und herwechselt? Und der Katalane bietet mit Philipp Lahm und David Alaba Spieler auf, „die gar keine Verteidiger sind“, wie Löw anmerkte, der sich im Mittelfeld so auch mehr „offensive Lösungen“ erhofft.

Nicht nur taktisch, sondern auch personell könnte es vor dem „heißen Herbst“ (Löw zu den EM-Qualifikationsspielen gegen Polen und in Irland und Schottland) eine Neuausrichtung geben. Namentlich Emre Can, Max Meyer, Kevin Volland und Leon Goretzka führte der Bundestrainer an, die sich aber bitte zuerst bei der U-21-EM im Juni in Tschechien erfolgreich in Szene setzen sollten.

Neuer pausiert für ein Spiel

Manuel Neuer pausiert für ein Spiel

Im Fritz-Walter-Stadion fehlt an diesem Mittwoch der Stammtorwart Manuel Neuer wegen eines entzündeten Schleimbeutels. Löw versicherte: „Für Sonntag gibt es keine Problematik, er wird Donnerstag wieder im Training sein.“ Überhaupt will er so aufstellen, dass „wir in Georgien körperlich und geistig in sehr gutem Zustand sind.“ Gegen Australien hat er bereits den Rückkehrern Holger Badstuber und Ilkay Gündogan einen Freifahrtschein für die Anfangsformation ausgestellt. Badstuber kennt genau wie Jerome Boateng die Dreierkette aus dem Münchner Vereinsbetrieb, und auch die Aktien von Shkodran Mustafi steigen, der bei Sampdoria Genua diese Art der Verteidigung erlernt und beteuert hat: „Wichtig ist, dass man das System aus Überzeugung spielt.“

Löw will damit „mehr Flexibilität“ schaffen. Damit liegt der oberste Fußballlehrer des Landes auf einer Linie mit seinem neuen Anführer. „Im heutigen Fußball sollte man mehrere Systeme beherrschen“, sagt Bastian Schweinsteiger, der die Kollegen aufs Feld führen und das erste Länderspiel seit dem WM-Finale bestreiten will. Für den 30-Jährigen schließt sich damit der Kreis – am 6. Juni 2004 debütierte er auf dem Betzenberg.




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