DFB Zwanziger im Zwielicht

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Der bei der WM 2006 im Sponsoring tätige Jürgen Holder wundert sich über den damaligen Finanzchef des Organisationskomitees, der den dubiosen Scheck über 6,7 Millionen Euro unterschrieben hat.

Das Tischtuch zwischen Theo Zwanziger (vorne) und Wolfgang Niersbach ist zerschnitten. Foto: dpa
Das Tischtuch zwischen Theo Zwanziger (vorne) und Wolfgang Niersbach ist zerschnitten. Foto: dpa

Stuttgart - Jürgen Holder kennt alle Größen im Fußball, egal ob sie beim Weltverband Fifa beschäftigt sind oder in Europa bei der Uefa oder in Deutschland beim DFB und auch egal ob sie Franz Beckenbauer heißen oder Theo Zwanziger oder Wolfgang Niersbach. Schließlich hatte er mit ihnen schon oft zu tun – als Minderheitsgesellschafter einer Tochter von WPP GroupM, der weltweit führenden Marketinggesellschaft mit 130 000 Mitarbeitern. Holder betreute zahlreiche Sponsoren in der Bundesliga wie Eon in Dortmund, Veltins auf Schalke oder Debitel beim VfB Stuttgart.

Bei der WM 2006 saß er ebenfalls mit am Tisch. Da gehörten Sponsoren wie die Deutsche Bank oder Würth zu seinen Kunden. Insofern verfügt er über viel Insiderwissen – auch über die scheinbar dubiose Vergabe dieser WM. Das Sommermärchen ist ins Zwielicht geraten. „Es gibt kein schmutzigeres Geschäft als Fußball und Politik“, sagt Holder.

Den neuesten Beweis liefert in seinen Augen die aktuelle Schlammschlacht, die der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger in der vergangenen Woche angeheizt hat, indem er den amtierenden DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach der Lüge bezichtigte. Der Vorwurf von Zwanziger lautete, dass Niersbach schon lange von schwarzen Kassen im WM-Organisationskomitee (OK) gewusst habe und auch die Hintergründe der rätselhaften Zahlung von 6,7 Millionen Euro kennen müsse, die das OK im Jahr 2002 (oder 2000?) an den Weltverband Fifa überwiesen hat.

Der Aufsichtsrat wusste Bescheid

Belege für seine Behauptungen legte Zwanziger nicht auf den Tisch, aber dafür gibt es andere Tatsachen – siehe die Organisation damals im Jahr 2000 oder 2002. Franz Beckenbauer stand dem OK als Präsident vor. Unter ihm waren drei Vizepräsidenten tätig: Fedor Radmann (zuständig für Marketing), Horst R. Schmidt (Administration und Finanzen) sowie Niersbach (Öffentlichkeitsarbeit und Sporttechnik). Zwanziger war da noch Schatzmeister des DFB. 2003 änderte sich die Besetzung im OK dann dahingehend, dass Radmann durch Zwanziger ersetzt wurde, der den Bereich Finanzen von Schmidt übernahm.

Über dem OK war ein Aufsichtsrat angesiedelt mit Gerhard Mayer-Vorfelder als Vorsitzendem. Weiter zählten unter anderen Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Ex-Nationalspieler Günter Netzer und der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily (früher bei den Grünen, danach SPD) zu diesem Gremium. Satzungsgemäß verankert war, dass das OK zweimal pro Jahr dem Aufsichtsrat über die Aktivitäten zu berichten hatte. So konnte das OK ohne Genehmigung des Aufsichtsrats nicht über einen Millionenbetrag verfügen. Darüber musste Rechenschaft abgelegt werden.

Das waren die Strukturen und die internen Vorgaben. Die jüngste Affäre rankt sich nun um die 6,7 Millionen, die vom OK an die Fifa und deren Boss Joseph Blatter geflossen sind. Blatter soll das laut DFB verlangt haben – als Bedingung, dass die Fifa anschließend dem OK einen Zuschuss von 250 Millionen Euro zur Verfügung stellt, um die WM durchführen zu können. Offiziell hieß es, die 6,7 Millionen Euro würden für eine WM-Eröffnungsparty in Berlin verwendet, die aber später plötzlich ersatzlos gestrichen wurde. „Das stinkt zum Himmel“, sagt Holder, „aus meiner Erfahrung brauchte Blatter das Geld, um seinen Machterhalt zu sichern.“ Sprich, für Ja-Stimmen zu sorgen, da Wahlen an der Fifa-Spitze anstanden.

Die politische Dimension der Affäre

Blatter stritt seine aus Sicht von Holder wohl in der im Sport üblichen verklausulierten Art vorgetragene Forderung zwar ab (Holder: „In diesen Kreisen werden die Dinge nie direkt benannt, damit den Herren später keiner an den Karren fahren kann“), kaum dass sie von Niersbach am Donnerstag öffentlich gemacht worden war (wie lange braucht der Fifa-Präsident sonst für Stellungnahmen?) – aber die Frage lautet, wer glaubwürdiger ist: Blatter, Zwanziger oder Niersbach, der am 6. November auf Initiative der Grünen und der SPD vor dem Sportausschuss des Bundestags aussagen soll? Dabei könnten sich die Grünen und die SPD jetzt doch auch einfach mal bei ihrem Parteifreund Otto Schily erkundigen, der damals als Aufsichtsrat ja mit im Boot war.

Niersbach saß zwar im OK – aber als Chef der PR-Abteilung. Klar ist zudem, dass die 6,7 Millionen Euro vom früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus vorgestreckt wurden. Das OK war in dieser frühen Phase noch nicht so aufgestellt, dass es den im Finanzrahmenplan nicht vorgesehenen Millionenbetrag kurzfristig hätte aufbringen können – doch Eile war geboten, um den Zuschuss der Fifa nicht zu riskieren. So ist Louis-Dreyfus eingesprungen, der von Beckenbauer angerufen wurde, der einen direkten Draht zu ihm hatte.

Um den Zuschuss für die WM zu retten (zunächst war dem OK von der Fifa trotz monatelanger Verhandlungen gar kein Geld in Aussicht gestellt worden), wollte Beckenbauer die 6,7 Millionen Euro zuerst aus eigener Tasche zahlen. Davon haben ihn seine Berater aber abgebracht. Deshalb stand das OK bei Louis-Dreyfus in der Schuld, der sein Geld im Jahr 2004 zurück wollte. Zu diesem Zeitpunkt war bereits Zwanziger der Finanzchef im OK. Holder sagt: „Über diese Vorgänge muss es eigentlich Protokolle geben – mit der Unterschrift der zuständigen Person im OK.“ Zuständig war Zwanziger. „Wie blauäugig muss er als Finanzverantwortlicher dann gewesen sein, seine Unterschrift unter ein Dokument zu setzen, bei dem es um 6,7 Millionen Euro ging?“, sagt Holder.

Zwanziger hat den Überweisungsscheck unterschrieben

Nach StZ-Informationen hat Zwanziger die 6,7 Millionen mit seiner Unterschrift erstens tatsächlich an die Fifa überwiesen – und zweitens ist er persönlich bei Louis-Dreyfus vorstellig geworden, um ihn zu bitten, Abstand von seiner Forderung zu nehmen. Demnach hat Zwanziger mindestens seit 2004 gewusst, was Sache ist – und nichts gesagt. Er und der gesamte Aufsichtsrat haben geschwiegen – einen Vorwurf, den Zwanziger gerade Niersbach macht. Aktuell werden die Unterlagen von der externen Wirtschaftskanzlei „Freshfields Bruckhaus Deringer“ geprüft. Wann es ein Ergebnis gibt, ist ungewiss. Fest steht für Holder dagegen, dass die Rolle von Zwanziger merkwürdig ist. „Wenn sich der Verdacht gegen ihn bewahrheitet, muss die Justiz entscheiden, welche Konsequenzen das hat“, sagt er.

Niersbach hat derweil seine volle Bereitschaft angekündigt, an der Aufklärung der Affäre mitarbeiten zu wollen. Dabei hat er die Rückendeckung der Liga.