DHB-Star zur Handball-EM Wie kann man die Dänen packen, Juri Knorr?

Der deutsche Spielmacher Juri Knorr spielt seit vergangenem Sommer in Aalborg und hat damit bei der EM in Dänemark eine Art Heimspiel. Foto: IMAGO/Laci Perenyi

Juri Knorr ist der einzige deutsche Nationalspieler, der im Ausland spielt. Vor der Handball-EM spricht er über Dänemark, die Chancen des DHB-Teams, Kai Häfner und den Bundestrainer.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Juri Knorr (25) ist die Schlüsselfigur im deutschen Team und einer der vielversprechendsten Handballer seiner Generation. Vor dem EM-Auftakt am 15. Januar (20.30 Uhr/ARD) im dänischen Herning gegen das vom Bietigheimer Zweitligatrainer Iker Romero trainierte Österreich schätzt der Rückraumspieler die Chancen ein.

 

Herr Knorr, freuen Sie sich schon auf Interviews, die Sie auf Dänisch führen können?

Es ist ein ganz lustiger Nebeneffekt, dass wir die EM jetzt in Dänemark spielen und ich schon ein halbes Jahr dort lebe. Das mit den Interviews müsste inzwischen auch ganz passabel klappen, es sei denn, ich habe in den vergangenen Tagen alles vergessen.

Wie fällt Ihr Zwischenfazit in Aalborg aus?

Es war ein aufregendes halbes Jahr, was klar ist, wenn man ins Ausland wechselt. Sportlich lief es wirklich gut für mich und die Mannschaft. Menschlich komme ich immer besser klar, wobei ich schon festgestellt habe, dass es Unterschiede gibt in der Kultur, in bestimmten Verhaltensweisen.

Zum Beispiel?

Der Verein ist total professionell und strukturiert, aber insgesamt ist alles ein bisschen lockerer, nicht undiszipliniert – einfach anders.

Tut Ihnen das gut?

Absolut. Ich bin sicher, dass mir eine gewisse Entspanntheit, eine gewisse Lockerheit auf dem Platz mehr hilft als das allerletzte Quäntchen Disziplin oder Perfektionismus. Diesen Weg bin ich in den vergangenen Jahren gegangen.

Zeitweise schien es so, als müssten Sie die Last einer ganzen Handball-Nation tragen. War der Wechsel auch eine Flucht vor Aufmerksamkeit und Druck?

Nein, ich weiß die vollen Hallen, die Begeisterungsfähigkeit, die Ausgeglichenheit, den Eventcharakter in der Bundesliga zu schätzen. Aber Aalborg ist ein absoluter Topclub in Europa, ich kann in der Champions League um den größten Titel mitspielen, mich gleichzeitig in solch einer großen Mannschaft jeden Tag weiterentwickeln. Und am Ende fand ich es auch cool, ein neues Land kennenzulernen.

Juri Knorr im Dress seines dänischen Clubs Aalborg Handbold. Foto: IMAGO/Gonzales Photo

Was machen sie in diesem Land denn so gut, dass der Handball-Weltmeister zuletzt vier Mal in Serie aus Dänemark kommt?

Zauberei ist es jedenfalls nicht. Dass diese Generation so gut ist, hängt für mich eng mit Mikkel Hansen (Anm.: dänischer Welthandballer 2011, 2015, 2018) zusammen. Er war für die Jungs das große Vorbild, die große Inspirationsquelle, ihm haben viele nachgeeifert. Und dann wird in der Jugend sicher sehr viel Wert auf die technische Ausbildung gelegt, auf Passgenauigkeit, auf Eins-gegen-eins-Qualitäten – und es wird nicht so früh selektiert.

Wie kann man die Dänen bei dieser EM packen?

Ihr Rhythmus, ihr Flow ist einzigartig. Und sicherlich sind sie in jedem Spiel der hohe Favorit, in den vergangenen Jahren konnte sie nur Frankreich ab und zu schlagen. Wir müssen weiter zusammenwachsen, besser agieren als Team, die Abläufe verfeinern. Die individuelle Qualität haben wir, zwar nicht auf dem Niveau der Dänen, aber in einem Spiel kann alles passieren.

Was zeichnet das aktuelle DHB-Team aus?

Zunächst die Teamchemie. Ich genieße es, in dieser Mannschaft zu spielen. Wir sind alle auf einer Wellenlänge. Jeder kann zu jedem hingehen und einen Witz reißen. Keiner verzieht sich aufs Zimmer. Das ist die Basis für den Erfolg auf dem Spielfeld. Dort zeichnet uns die Vielfalt aus, diese verschiedenen Waffen, auf allen Positionen. Wir können sehr variabel spielen und Tempo machen. Theoretisch haben wir alles, wir müssen es jetzt nur auf der Platte auch zusammenbringen.

Und das möglichst schnell. Anders als bei einer WM gibt es keine Einspielphase gegen schwache Gegner.

Das Feld bei einer EM ist noch enger, noch kompetitiver. Das zeigt ja auch die Tatsache, dass Dänemark letztmals 2012 den EM-Titel holte. Wir werden keinen leichten Gegner bei dieser EM haben. In der Hauptrunde ist praktisch jedes Spiel ein Viertelfinale.

Was halten Sie eigentlich von dem Trend, ohne Kreisläufer zu spielen, wie es der TVB Stuttgart fast immer tut?

Ich finde es grundsätzlich cool, wenn neue Ideen aufkommen. Diese Variante mit den vier Rückraumspielern spielen inzwischen viele Mannschaften, aber das Ganze muss sehr gut eingespielt sein. Wir trainieren im Nationalteam auch verschiedene Varianten, mal schauen, was dann am besten funktioniert. Es kann schon passieren, dass wir so auch mal bei der EM spielen.

2023 holt Juri Knorr mit den Rhein-Neckar Löwen den DHB-Pokal. Foto: IMAGO/Sven Simon

Wenn dann Kai Häfner hinzustößt . . .

(Lacht) Ja, er wäre ein Experte für dieses System, und er spielt zudem eine überragende Saison. Aber, so sehr ich das Zusammenspiel mit ihm genossen habe, ich hoffe nicht, dass wir Verletzte bekommen und er nachnominiert werden müsste.

Ihre Nationalmannschaftskarriere begann gleichzeitig mit der von Alfred Gislason. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zum Bundestrainer beschreiben?

Ich bin dankbar, dass er mich immer wieder nominiert hat. Alfred hat einen besonderen Führungsstil. Er ist nicht derjenige, der permanent zu dir kommt und fragt, wie es dir geht. So ein Typ ist er nicht. Du weißt aber ganz genau, was du kriegst. Er schätzt es, wenn du auf der Platte mutig bist und vorangehst.

Eine Jobgarantie hat ihm der DHB-Präsident nicht gegeben.

Ich habe das nicht einmal gelesen. Für uns ist so etwas null Thema. Wenn ich was gelernt habe, dann gerade im Januar nichts außer Büchern zu lesen. Alles andere ist meistens nur Schall und Rauch.

Wann wäre es für Sie eine gute EM?

Ein bisschen kommt es auch auf die Art und Weise an, aber im Endeffekt wollen wir ins Halbfinale kommen. Das war auch in den vergangenen Turnieren immer unser Ziel.

Ihr großer Traum?

Ich habe keinen konkreten Traum. Es kommt, wie es kommt, und ich versuche diese Karriere auch zu genießen.

Zur Person

Karriere
Juri Knorr wurde am 9. Mai 2000 in Flensburg geboren. Er ist der Sohn des ehemaligen Handball-Nationalspielers Thomas Knorr, der in 83 Länderspielen 199 Tore für Deutschland erzielte. In seiner Jugendzeit wurde Juri Knorr besonders von seinem Vater als Trainer beim VfL Bad Schwartau und beim MTV Lübeck geprägt. Als 17-Jähriger wechselte er zum Oberligisten HSG Ostsee. Der Verein stieg in die dritte Liga auf, doch der Spielmacher nahm im Sommer 2018 ein Angebot des FC Barcelona an. Beim katalanischen Renommierclub blieb er ein Jahr und wurde meistens in der zweiten Mannschaft eingesetzt. Er spielte und trainierte aber auch bei den Profis. 2019 schloss er sich dem Bundesligisten GWD Minden an. Bundestrainer Alfred Gislason nominierte ihn im November 2020 erstmals für die Nationalmannschaft (bis heute 83 Länderspiele/319 Tore). Im Sommer 2021 zog er weiter zu den Rhein-Neckar Löwen, mit denen er 2023 den DHB-Pokal gewann. Seit Sommer 2025 spielt der Rechtshänder für Aalborg Handbold in Dänemark (Vertrag bis 2028). Auszeichnungen: All-Star Team U18 EM 2018, All-Star Team WM 2023, All-Star Team EM 2024, All-Star Team Olympia 2024.

Persönliches
Juri Knorr ist Vegetarier. Er ist liiert mit Friederike und hat eine Schwester, die Vibe heißt.

Vorrunde
Donnerstag, 15. Januar, 20.30 Uhr: Deutschland – Österreich, ARD; Samstag, 17. Januar, 20.30 Uhr: Serbien – Deutschland, ARD; Montag, 19. Januar, 20.30 Uhr: Deutschland – Spanien, ZDF. (jüf)

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