Irgendwann bleibt Jens Rapp während seines Rundgangs stehen und fragt: „Was glauben Sie, wie viele Pakete kann ein Mitarbeiter pro Stunde auf das Förderband legen?“ Der hochgewachsene 35-Jährige steht in einer Halle, die etwa die Fläche von drei Fußballfeldern umfasst. Er leitet das DHL-Paketzentrum in Eutingen im Gäu (Kreis Freudenstadt). Dort werden Pakete erfasst, sortiert, weitertransportiert. Bevor man Rapps Frage mit einer Schätzung beantworten kann, muss man erst verstehen, wie so ein Paketzentrum funktioniert.
In Deutschland gibt es 37 solcher Zentren der Deutschen-Post-DHL-Gruppe. Eutingen ist unter anderem zuständig für die Landkreise Böblingen, Calw, Freudenstadt, Tübingen und Reutlingen, für einen Teil des Schwarzwalds und der Schwäbischen Alb, den Hegau sowie das Bodenseegebiet. Das Einzugsgebiet umfasst 9000 Quadratkilometer mit rund drei Millionen Einwohner.
Hochphase zwischen Black Friday und Mitte Januar
Im Schnitt werden täglich 270 000 Pakete durch das Paketzentrum geschleust. Wenn zum Beispiel ein Böblinger eine Sendung aufgibt, die nach München soll, landet diese zunächst in Eutingen. Dort wird sie gescannt, sortiert und weiter in das für München zuständige Paketzentrum Aschheim gebracht. Von dort gelangt die Sendung nach München, dann bringt sie der Zusteller zum Empfänger. In Eutingen werden aber auch alle jene Pakete abgearbeitet, die etwa umgekehrt von München aus nach Böblingen unterwegs sind.
Die anstrengendste Zeit beginnt für die Mitarbeiter in der Woche des Black Friday am 25. November. Von nun an verdoppelt sich die Menge der Pakete etwa. DHL kalkuliert in den Monaten November und Dezember sogar mit einem Anstieg um 70 Prozent gegenüber dem Monat September, an einzelnen Tagen vor Heiligabend würden bis zu elf Millionen Pakete bundesweit zugestellt. In Eutingen bedeutet das, dass rund eine halbe Million Sendungen pro Tag bearbeitet werden, sagt Jens Rapp. Diese intensive Phase dauere bis in die dritte Januarwoche an, denn „nach Weihnachten werden viele Gutscheine eingelöst und Retouren verschickt“.
Disponenten haben zig Bildschirme im Blick
Damit solche Mengen schnellstmöglich von A nach B kommen, sind die Abläufe bei DHL perfektioniert. Ein großer Teil der Arbeit geschieht abends und nachts. „Ab 19 Uhr ist hier Hochbetrieb“, sagt Jens Rapp. Dann kommen viele Lkw auf einmal an, weil um 18 Uhr die meisten Filialen schließen, in denen man Pakete aufgeben kann. Die Mitarbeiter der Produktionssteuerung verhindern, dass sich die Lkw-Fahrer blockieren. Hier haben die Disponenten ein Dutzend Bildschirme gleichzeitig im Blick, auf jedem werden mehrere Kameraaufnahmen gezeigt. So sehen die Disponenten, wenn ein Lkw ankommt und wo ein Rolltor frei ist. Dorthin lotsen die Disponenten dann den Fahrer, damit der dort seine Pakete abladen kann.
Nun kommen die Mitarbeiter an den sechs sogenannten Vorsortern ins Spiel. So heißt der erste Abschnitt der Sortieranlage eines Paketzentrums. Aus den Lkw-Containern fahren die Mitarbeiter Rollbehälter, auf denen Hunderte Pakete verstaut sind, sie legen jedes einzelne aufs Förderband. „Ein erfahrener Aufleger kann 1000 Pakete pro Stunde aufs Band legen, manche sogar 1200 pro Stunde“, löst Jens Rapp sein Rätsel auf. Das bedeutet: Alle 3,6 Sekunden legen die Mitarbeiter ein Paket aufs Band. Echte Profis schaffen sogar alle drei Sekunden ein Paket.
„Mausefalle“ hat bei DHL eine ganz andere Bedeutung
Die Aufleger können nicht blind Pakete aufs Band werfen. Der Strichcode des Empfängeretiketts muss nach oben zeigen, damit das Scangerät den Adressaten erfassen kann. Und sie müssen die Maße prüfen. Ist ein Paket zu hoch oder zu breit, gilt es als Sperrgut. Auch ein zu flaches Paket braucht einen zusätzlichen Handgriff, weil es nicht „maschinenfähig“ ist, wie Rapp sagt. Es könnte runterrutschen und wird in eine Kunststoffschale gelegt; im Postjargon: Mausefalle.
Es gibt noch mehr Sonderfälle: Ist der Inhalt nachlässig verpackt, kommt die Sendung zur Nachverpackung. Kann das Scangerät den Empfänger oder den Barcode nicht lesen, landet es in der Sonderendstelle – davon gibt es in Eutingen gleich drei. Sie greifen ein, wenn etwa ein Etikett über eine Kante geklebt wurde oder eine Folie den Strichcode unlesbar macht. Die Mitarbeitenden der Sonderendstellen versuchen, mit einem Handscanner alles zu erfassen. Notfalls tippen sie die Adressen händisch ein.
Durchs Paketzentrum laufen 35 Förderbänder
Ist ein Paket korrekt verpackt, etikettiert und gescannt, wirft der Vorsorter es auf einen der beiden Hauptsorter ab; weitere Förderbänder. Insgesamt laufen 35 Förderbänder durchs Paketzentrum, unter ihnen sind die zwei Hauptsorter wie Pulsadern. „Wenn ein Hauptsorter für eine Minute steht, verlieren wir 5000 Pakete“, sagt Rapp. Denn dieses Förderband bringt die Pakete dorthin, wo sie wieder in einem Lkw landen.
Bevor die Pakete Eutingen verlassen, dürfen sie noch rutschen. Je nachdem, ob sie in eines der anderen Paketzentren gehen, direkt zu einem Großkunden oder innerhalb des Eutinger Versorgungsgebiets zugestellt werden, landen sie auf einer anderen Rutsche. Von dort fahren sie auf Förderbändern bis zum Verladeort an einem Rolltor.
Verhältnismäßig viele Frauen im Paketzentrum
Was auffällt, ist die hohe Zahl weiblicher Beschäftigter: Frauen jedes Alters, einige mit Kopftuch, viele sind zierlich. Obwohl es sich um körperliche Arbeit handele, könnten diese auch Frauen bewältigen, die keine Bodybuilderinnen seien, sagt Jens Rapp. Zwar darf ein Paket bis zu 31,5 Kilo wiegen, „aber das sind nur ganz, ganz wenige“, sagt Rapp. Die Tendenz gehe zu Päckchen und Tütensendungen. Dass etwas mehr Frauen als Männer im Paketzentrum beschäftigt seien, erklärt er sich mit der Flexibilität der Jobs: „Bei uns kann man gut in Teilzeit arbeiten.“
DHL wirbt gewissermaßen mit dem American Dream: „Hier kann jeder alles werden“, sagt Jens Rapp. Zum Auflegen und Abtragen der Pakete reicht eine geringe Qualifikation. Im technischen und kaufmännischen Bereich seien Menschen mit entsprechender Ausbildung oder Studium gefragt, viele seien Quereinsteiger – so wie Jens Rapp. Der 35-Jährige hat nach seinem Studium im Lebensmittelbereich gearbeitet, 2017 wechselte er als Trainee zu DHL, wurde dann Leiter des Zustellstützpunktes in Albstadt-Tuttlingen, im Mai 2021 übernahm er die Leitung des Paketzentrums in Eutingen. „Das Wichtigste ist, dass man die Halle versteht“, sagt er.
Verdopplung der verschickten Pakete seit 2011
Leicht sei es dennoch nicht, Personal zu finden: „Wir haben ein Standort-Problem“, meint Rapp. Zum Eutinger Bahnhof sind es knapp 30 Minuten Fußweg, Busse fahren nicht. Dafür ist die A 81 wenige Kilometer entfernt – und das ist für die Lage eines Paketzentrums das entscheidende Kriterium.
Zumal immer mehr Pakete verschickt werden. 2021 waren es 1,8 Milliarden, 2011 noch 867 Millionen. Das Eutinger Paketzentrum wurde in den vergangenen fünf Jahren zweimal vergrößert. Auch auf Zusteller hat der explodierende Online-Handel sowie die Verschärfung durch die Coronapandemie Auswirkungen: Der DHL-Sprecher Marc Mombauer berichtet, dass er jüngst mit einem Zusteller aus Freiburg gesprochen habe, „der hatte vor 20 Jahren einen Radius von drei Kilometern, heute sind es 300 Meter“.