Diabetes Wenn sich Diabetiker digital verarzten

Von Regine Warth 

Für Zuckerkranke gibt es eine große Auswahl an digitaler Technik. Doch wie gut ist die Hilfe?

Um den  Zuckerwert zu scannen, wird  ein Lese­gerät an den Sensor gehalten. Foto: Mauritius
Um den Zuckerwert zu scannen, wird ein Lese­gerät an den Sensor gehalten. Foto: Mauritius

Stuttgart - Die App kennt die Antwort: etwa auf die Frage, welche Lebensmittel besonders viel Eiweiß enthalten und somit für Diabetiker mit Nierenproblemen eher ungeeignet sind. Sie kann einen auch daran erinnern, ein Medikament zu nehmen oder den Blutzucker zu messen. Manche Anbieter lassen Diabetiker noch ein paar Schritte weiter gehen – und zwar ­wörtlich: Sie unterstützen per Online-Betreuung Patienten mit Typ-2-Diabetes bei den Änderungen ihres Lebensstils. Und noch in diesem Jahr soll in Europa das erste „Hybrid Closed Loop“-System auf den Markt kommen, das Blutzuckermessung und Insulingaben weitestgehend automatisch steuert.

Bei Diabetes ist eine elektronische Datenerhebung sinnvoll

Smartphone und Computer werden immer mehr zum digitalen Arzthelfer. Praktisch oder riskant? Darüber wird in der Medizinwelt viel diskutiert. Bei der Herbsttagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) beispielsweise, die im Vorfeld des Weltdiabetestages in Wiesbaden Mitte November stattgefunden hat. Oder auch unter Diabetologen hier in Baden-Württemberg, die erst vor wenigen Tagen in Stuttgart Patienten darüber informiert haben, wie sich aus der Vielzahl an Daten, die sich gerade bei dieser chronischen Stoffwechselerkrankung ergeben, eine bessere persönlichere Behandlung entwickeln könnte.

Tatsächlich kann das auch funktionieren, sagt der Facharzt Matthias Kaltheuner, Vorstandsmitglied in der DDG. „Gerade bei Diabetes bietet sich die elektronische Datenerhebung besonders an.“ Sei es bei der Bestimmung der Zuckerwerte sowie des Langzeitblutzuckers und dessen Entwicklung. Zudem verdeutlichen die digitalen Helfer, wie sehr das eigene Verhalten dazu beiträgt, ob sich Werte verbessern oder verschlechtern. „Viele Betroffene haben nun erstmals eine reelle Chance zum Selbstmanagement, da ihnen die Auswirkungen des eigenen Handels zeitnah und verständlich gespiegelt werden.“

Blutzucker per Sensor zu messen hat viele Vorteile

In der Diabetesklinik Bad Mergentheim macht Bernhard Lippmann-Grob diese Erfahrung beinahe täglich, wenn er Patienten vor sich hat, die per implantiertem Sensor im Oberarm kontinuierlich ihren Blutzucker messen können: „Die Patienten finden es superchic, dass sie nun durchgehende Messverläufe haben “, sagt der Oberarzt. Und das ganz schmerzlos: Statt einem Stich in den Finger reicht es, einmal den Sensor mit einem Smartphone-großen Gerät zu scannen – schon werden die Werte angezeigt. „Das ist auch für Ärzte praktisch“, sagt Lippmann-Grob. Sie bekommen auf diese Weise einen besseren Einblick in die Blutzuckerverläufe ihrer Patienten etwa während der Nacht oder nach den Mahlzeiten. Arzt und Patient können so zusammen in die Auswertung schauen und überlegen, warum es an manchen Tagen etwa zu Blutzuckerspitzen gekommen ist. Die Frage an den Patienten: „Wie ist es Ihnen in der letzten Zeit ergangen?“, gewinne so mehr an Bedeutung, ist Lippmann-Grob überzeugt.

Für Diabetes-Apps gibt es inzwischen ein Siegel

Dass das Gesundheitsbewusstsein gefördert wird und sich der Nutzer mehr über Krankheitsrisiken informiert und besseren Kontakt zum Arzt hält – das ist wohl der größte Vorteil der digitalen Helfer. Wobei nicht alles, was auf dem Markt ist, auch wirklich von Nutzen ist. Als Mitglied in einer Arbeitsgruppe der DDG, die sich AG DiaDigitalApp nennt, macht sich beispielsweise Matthias Kaltheuner die Mühe, Diabetes-Apps zu überprüfen. Besteht eine Anwendung den Fragenkatalog, bekommt sie ein Siegel. Bisher haben sieben solcher Apps das Siegel erhalten (diadigital.de). „Das Wichtigste für uns ist, dass eine App selbsterklärend ist“, sagt Kaltheuner. Aber es gibt auch technische Kriterien: etwa wie gut der Datenschutz ist oder ob sich die Anwendung ­beispielsweise auch von Sehbehinderten nutzen lässt.

Da es nicht nur Ärzte und Diabetesassistenten sind, die diese Apps prüfen, sondern auch Betroffene, wissen Kaltheuner und sein Team nun, dass Apps, die erzieherisch aufgebaut sind, keinen Erfolg bei den Patienten haben. Anwendungen, die mit Messgeräten gekoppelt werden können oder als eine Art Ratgeber fungieren, dagegen schon. „Grundsätzlich lässt sich sagen: Was nützt, wird auch genutzt“, so ­Matthias Kaltheuner.

Die ersten Programme mit einem Online-Coach laufen an

Ob telemedizinische Begleitung eine ähnlich große Akzeptanz finden wird? Die ersten Programme sind schon angelaufen, die die Betreuungslücke zwischen den Arztterminen füllen sollen. Darunter auch eines namens TeLiPro, das Diabetiker zu mehr Bewegung anhält, Infos über die Zuckerkrankheit und Ernährungstipps gibt. Ein Coach betreut den Nutzer und bespricht mit ihm regelmäßig per Telefon die Messwerte. Die Diabetologen wie Lippmann-Grob und Kaltheuner sind grundsätzlich offen für solche Entwicklungen. Auch seine Praxis, so Kaltheuner, werde an einem solchen, von den Kassen unterstütztem Pilotprojekt teilnehmen. „Aber für welche Klientel sich solche Programme eignen, muss sich zeigen.“

Datenflut bedeutet aber auch mehr Arbeit für Ärzte und Patient

Ebenso, wie Ärzte, Praxismitarbeiter und letztlich der Patient mit der neuen Datenflut und dem damit verbundenen Datenschutz klarkommen werden. „Die neuen kontinuierlichen Messmethoden ergeben Unmengen von Werten, die eingeordnet und interpretiert werden müssen“, sagt Lippmann-Grob. Das erfordert eine Umstellung und zunächst einen höheren Arbeitsaufwand und eine bessere Schulung seitens des medizinischen Personals. „Es ist ja nicht so, dass man die Daten in den Computer eingibt, den Knopf drückt, und schon kommt ein Therapievorschlag heraus.“ Aber der Aufwand wird sich lohnen. „Die digitale Technik verschafft dem Patienten mehr Freiheit“, sagt er. Nun gelte es, die Freiheit klug zu nutzen.