Diagnose Vaginismus Wenn Tampons und Sex zur Qual werden

Wenn bereits das Einführen eines Tampons große Schmerzen verursacht, könnte es sich um die Krankheit Vaginismus handeln. Foto: Adobe Stock/Marjan Apostolovic

Sex haben oder sich einen Tampon einführen – für fast alle Frauen die normalste Sache der Welt. Nicht für Frauen mit Vaginismus. Was hinter der Krankheit steckt und wie sie behandelt werden kann, erklärt ein Mediziner.

Digital Desk: Chiara Sterk (chi)

Stuttgart - Wenn Tampons einzuführen schmerzt, der Besuch in der gynäkologischen Praxis eine Qual und der Gedanke an Geschlechtsverkehr eine Horrorvorstellung ist – dann ist von Vaginismus die Rede. Was das genau ist, welche Ursachen die Krankheit hat und wie man sie behandeln kann, erklärt Ulrich Karck, Ärztlicher Direktor der Frauenklinik am Klinikum Stuttgart.

 

Was versteht man unter Vaginismus?

„Von Vaginismus spricht man, wenn weder Tampon, Finger oder Penis schmerzfrei in die Vagina eingeführt werden können und es keine anatomische oder medizinische Veränderung gibt, die das erklären könnte“, sagt Ulrich Karck. Man geht davon aus, dass es bei Vaginismus zu Spasmen oder Verkrampfungen der Beckenbodenmuskulatur kommt. Vaginismus wird auch unter dem Oberbegriff Dyspareunie geführt, was Schmerzen beim Geschlechtsverkehr zusammenfasst. Es ist schwer zu sagen, wie viele Frauen tatsächlich unter Vaginismus leiden. Schmerzen beim Sex erleben etwa zehn bis 20 Prozent, aber nur ein Bruchteil leide an Vaginismus.

Welche Formen gibt es?

Es wird zwischen primärem und sekundärem Vaginismus unterschieden: Bei primärem Vaginismus war das Einführen von Finger, Tampon oder Penis noch nie möglich, während es bei sekundärem Vaginismus anfangs möglich war und dann nicht mehr möglich ist. Traumata wie Vergewaltigungen können sekundären Vaginismus auslösen.

Welche Symptome treten dabei auf?

„Der Schmerz steht im Vordergrund“, sagt Karck. Demnach berichten Frauen, dass es schmerzhaft ist, sich etwas einzuführen, und auch, dass diese Schmerzen noch lange anhalten, wenn sie es doch versuchen. Diese Schmerzen machen so auch den Besuch in der gynäkologischen Praxis schwierig.

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Wie wird Vaginismus diagnostiziert?

„Bei der Diagnose von Vaginismus handelt es sich fast immer um eine Ausschlussdiagnose“, berichtet der Experte. Man muss ausschließen, ob es für die Schmerzen andere potenzielle Faktoren im Bereich der Vagina gibt. Denn die Schmerzen beim Sex können auch andere Gründe haben – ob Entzündungen, Herpes, Hautallergien, feste Hymen oder aber dünne Haut nach der Menopause. Bis zur endgültigen Diagnose vergehen meist einige Monate. In der Regel wird Vaginismus bei Frauen zwischen 20 und 30 Jahren diagnostiziert, denn Vaginismus wird meist mit der ersten Beziehung und dem ersten Verkehr bemerkt. Klappe es beim ersten Mal nicht, gibt es dafür oft viele Gründe. So passiere es, dass ein Arztbesuch hinausgeschoben wird. Erst wenn der Leidensdruck größer wird, es nicht möglich ist, sich selbst zu berühren, suchen viele Hilfe.

Was führt dazu, dass sich die Vagina dauerhaft verkrampft?

Wieso die Vagina krampft, kann mehrere Gründe haben: Zum einen sind es psychologische Gründe, wenn eine Frau etwa sexuelle Gewalt erlebt hat. Oder aber, wenn sie ihre Sexualität nicht als gesellschaftlich akzeptiert erlebt – auch dann kann es zu Verspannungen kommen. Außerdem können biologische Ursachen wie eine chronische Reizung vorliegen. Die wiederholte Reizung der Vagina durch Infektionen oder chemische Substanzen kann zu einer Vermehrung der Schmerzfasern führen, was zu einer extremen Empfindlichkeit führt. Das sei ein Teufelskreis, so Karck: Denn diese Empfindlichkeit führe zu Anspannung und die wiederum zur Empfindlichkeit. Aber die Gründe können auch anders gelagert sein: „Katastrophale Beziehungserfahrungen können dazu führen, dass Automatismen ablaufen, die zu Vaginismus beitragen können.“ Die Anspannung führt zur Verkrampfung, und wenn schon Schmerzen erwartet werden, wird dieser noch intensiver wahrgenommen, wodurch sich die Problematik noch verfestigt.

Wie kann Vaginismus behandelt werden?

Der erste Schritt in der Behandlung ist, die Diagnose zu stellen und mit der Betroffenen zu besprechen. „Das gibt der Frau die Kontrolle zurück“, sagt der Experte. Das ist maßgeblich dafür, sich mit den Ursachen und Lösungen auseinanderzusetzen. Für die Behandlung von Vaginismus gibt es drei Ansätze: die Selbstuntersuchung, den Einsatz von Dilatatoren – schmale, längliche Instrumente zum Weiten der Vagina – oder eine Injektion mit Botox. Auch Vibratoren reduzieren das Schmerzempfinden. Bei der Selbstuntersuchung lernen die Frauen, sich selbst zum Beispiel einen Finger einzuführen, und spüren, wann sie genau anspannen und wie sie diese Anspannung lösen.

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Wie wirkt Botox bei Vaginismus?

Das Botox lähmt gezielt die Muskelgruppen, die krampfen, und entspannt diese. „Meist gehen die drei Ansätze nahtlos ineinander über“, erzählt Karck aus eigener Erfahrung in der Stuttgarter Frauenklinik. Vibratoren reduzieren das Schmerzempfinden und, ähnlich wie bei Dilatatoren, kann die Größe gesteigert werden. In der Regel kann Vaginismus behandelt werden. und die Beschwerden kehren nicht zurück. Auch die Botoxinjektion wirke nachhaltig: „Wenn es funktioniert, verlernen Patientinnen oft, dass es Probleme gab, und der Knoten ist geplatzt.“

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