Es werden Europafahnen geschwenkt und frisch gebackener Kirschstreusel verteilt, der Geräuschpegel ist ziemlich hoch, die Räume sind gut gefüllt. Es ist noch nicht einmal Halbzeit beim Projekttag „Wählen für alle“, den die angehenden Arbeitserzieher der Ludwig-Schlaich-Akademie in Waiblingen auf die Beine gestellt haben. Doch bereits um kurz nach elf scheint klar, dass der Tag ein voller Erfolg ist.
„Wir wussten anfangs nicht, dass das so groß werden würde“, sagt Katja Baldauf, die an der Akademie als Dozentin tätig ist und bei der Organisation des Projekttags geholfen hat. „Es geht viel, wenn 20 Leute zusammenarbeiten“, ergänzt Veronika Wöhrle, die Schulleiterin der Berufsfachschule für Arbeitserziehung. Auch Mitarbeitende der Remstal-Werkstätten der Diakonie Stetten mit Behinderung waren an der Umsetzung des Projekts beteiligt.
Abwechslungsreiches Programm mit dem Ziel der Inklusion
Konkretes Ziel des Projekttags ist es, Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigungen auf die anstehenden Europa- und Kommunalwahlen vorzubereiten. In den Räumen der Ludwig-Schlaich-Akademie haben die Auszubildenden mit viel Liebe zum Detail verschiedene Stationen aufgebaut, an denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr über die Wahlen erfahren können. „Da steckt sehr viel Engagement und Herzblut drin“, sagt Katja Baldauf über die Veranstaltung. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und bietet den Teilnehmenden ein abwechslungsreiches Programm. An jeder Station bekommen sie am Ende einen Stempel. Dabei gibt es immer etwas anderes zu erledigen und jede Menge zu lernen. Mal gilt es, ein Puzzle zu vervollständigen, mal ein Bilderquiz oder ein Kreuzworträtsel.
Wie sieht eine Wahl in der Praxis aus?
Im Wahlzimmer wird eine Wahl simuliert, inklusive echten Wahlkabinen und Wahlurne. Geprobt wird dafür aber nicht mit den Parteien und Kandidaten, die am 9. Juni zur Wahl stehen werden, sondern mit den angebotenen Stationen des Projekttags. Jürgen Lutz, freiberuflicher Dozent für politische Bildung, ist für das Wahlzimmer verantwortlich. Er zeigt sich begeistert von der Rezeption und sagt: „Bei so etwas wie Wahlen ist es einfach wichtig, dass man es den Leuten gut erklärt.“ Darin schließt er auch Menschen ohne Behinderung mit ein, denn die politischen Programme seien oft viel zu kompliziert formuliert.
Laut Katja Baldauf gehörte der Fokus auf einfache Sprache auch zu den Hauptkriterien bei der Vorbereitung auf den Projekttag. Außerdem sei es darum gegangen, genug Auszubildende an den einzelnen Stationen zu haben, die gegebenenfalls Sachverhalte noch einmal erklären könnten. Nur so ließe sich ein Angebot gestalten, dass den Fähigkeiten der Teilnehmer entspreche, so die Organisatorin. Das Bemühen der Beteiligten, das Thema abwechslungsreich und interessant aufzubereiten, wird beim Rundgang durch die verschiedenen Stationen immer wieder deutlich. Kurz vor dem Mittagessen strömen beispielsweise viele Menschen ins Musikzimmer und nehmen im vorbereiteten Sitzkreis Platz. Als dieser voll ist, stellen sich viele an den Rand, es werden Blätter mit einem Liedtext verteilt. Es erklingt ein Klavier, Gitarre wird auch gespielt und dann feierlich gemeinsam die Europahymne „Freude schöner Götterfunken“ von Beethoven angestimmt. Es ist ein kurzer Moment des Innehaltens im Trubel und genauso Teil der hier vermittelten politischen Bildung wie Panaschieren und Kumulieren.
Positive Resonanz der Teilnehmer
Bei den Teilnehmenden kommt das Angebot gut an. „Ich finde es gut, dass die Schule das so anbietet“, sagt Achim Bennert. Sophia Martin hat schon fleißig Stempel gesammelt und sagt: „Mir hat bisher die Länderstation am besten gefallen.“ Diese befindet sich im Europazimmer und ist eine von fünf Stationen in dem Raum.
Dort soll ein Verständnis für Europa und die Europäische Union vermittelt werden. Teilnehmer können sich ein Land aussuchen und sich dann spielerisch darüber informieren. Am Ende können sie die zugehörige Flagge auf der großen Europakarte platzieren. So verbindet sich Spaß mit Wissen, das den Teilnehmern am 9. Juni hoffentlich helfen wird, ihr Kreuz zu setzen. Enthusiasmus für das Thema Wahlen, so viel ist nach dem Projekttag klar, ist bei den Teilnehmern nun jedenfalls geweckt.