Diakonissenplatz in Stuttgart-West Unter der Erde spielt die Musik

Von Caroline Holowiecki 

Der Verein Kultdiak will einen Teil des Diakonissen- bunkers zum Kulturzentrum umbauen lassen.

Norbert Prothmann (gelbe Weste) vom Verein Forschungsgruppe Untertage erklärt den Lazaretttrakt. Foto: Caroline Holowiecki
Norbert Prothmann (gelbe Weste) vom Verein Forschungsgruppe Untertage erklärt den Lazaretttrakt. Foto: Caroline Holowiecki

S-West - Tief einatmen und untertauchen. Wer sagt, dass er nicht zumindest den Bruchteil einer Sekunde hadert, die Treppe hinabzusteigen, flunkert. Entweder, weil die Luft, die einem entgegenschlägt, muffig und feucht ist. Vielleicht auch, weil es beklemmend ist, in einen fensterlosen Raum zwei Stockwerke unter der Erde zu gehen. Oder weil sich beim Eintritt in den Diakonissenbunker, der sich unter dem gleichnamigen Platz zwischen der Rosenberg- und der Forststraße befindet, unweigerlich Bilder von Krieg und Verwüstung vor dem geistigen Auge aufbauen.

Raum für Musik und Kunst

Klaus-Peter Graßnick will das alles zu etwas Gutem wenden. Der Vorsitzende des Vereins Kultdiak hat Spektakuläres im Sinn. Ein Teil des unterirdischen Bauwerks von 1941/42 soll zum Kulturzentrum werden und Raum für Kunst, Musik und andere Veranstaltungen bieten.

Möglich macht diese Umnutzung der bereits eingeleitete Umzug der Jugendverkehrsschule. Seit 1953 üben auf dem Diakonissenplatz – also unmittelbar auf dem Bunker – vornehmlich Kinder das Fahrradfahren. Die Zugänge nach unten befindet sich innerhalb des eingezäunten Geländes. Das jedoch wird in naher Zukunft aufgelöst und zu einer öffentlichen Parkanlage umgestaltet.

Die Aktivitäten Klaus-Peter Graßnicks zielen aktuell nur auf den einstigen Lazarettbereich. Der Trakt ist über zwei getrennte Abgänge erreichbar; außerdem sind die Räume größer und durch Boden- und Wandfliesen weniger muffig als andere Teile, in denen Teppich verlegt ist. Die Belüftung funktioniert über Lüftungskamine. „Es ist der trockenste von allen Stuttgarter Bunkern“, sagt Klaus-Peter Graßnick, und sobald Menschen in den Räumen umherliefen, seien die Feuchtigkeit und das Abgestandene durch die Luftbewegung ohnehin passé.

Das Kulturamt signalisiert Wohlwollen

Das Konzept sieht vor, dass gut 200 Menschen reinkönnen, um unter der Erde zwei Ausstellungs- und einen Veranstaltungsraum zu nutzen. Profitieren sollen nach dem Geschmack des Clubs Vereine, kommerzielle Veranstalter, Stuttgarter Kultureinrichtungen, Schulen oder Bürgerinitiativen. Zuvor müssen ein Lager, ein Küchen- und Thekenbereich sowie Toiletten eingebaut und Durchgänge vergrößert werden. Nach den Worten von Klaus-Peter Graßnick soll der Umbau 125 000 Euro kosten. Der Bezirksbeirat West habe seine Unterstützung und einen Zuschuss zugesagt, berichtet er, und auch aus dem städtischen Kulturamt sei Wohlwollen signalisiert worden.

Damit wäre ein Teil Stuttgarter Geschichte, den nur wenige kennen, der Öffentlichkeit zugänglich. Tatsächlich ist der Tiefbunker mit einer Grundfläche von 3158 Quadratmetern der größte in der Stadt. Auch die U-Form, in der die drei Trakte angeordnet sind, ist nach den Worten von Norbert Prothmann vom Verein Forschungsgruppe Untertage einzigartig. Nach dem Krieg erlebte der Bunker eine wechselhafte Geschichte, als Hotel oder als Proberaum für Musikbands. In den 80ern wurde er modernisiert – Klaus-Peter Graßnick spricht von Kosten in Höhe von 1,4 Millionen Mark – und als Kommandostelle vorgehalten, um dort bei einem Atomschlags den Oberbürgermeister unterzubringen. „2011 wurde die Schutzfunktion aufgegeben“, sagt Graßnick.

Am Freitagabend durften Mitglieder des Vereins zur Förderung von Architektur, Engineering und Design in Stuttgart schon mal gucken und erfuhren, dass man im Verein, unter dessen Trägerschaft der Kulturbunker laufen soll, guter Dinge ist. „Das Baugesuch ist eingereicht. Wir rechnen damit, dass wir im Oktober mit dem Umbau beginnen können“, sagt Klaus-Peter Graßnick. Wermutstropfen für ihn: Was mit dem Rest des Bunkers passieren soll, sei aktuell unklar, und „was uns immer wieder unter die Nase gerieben wird, ist die begrenzte Nutzungsdauer von fünf Jahren“.

Sonderthemen